Ägypten – Muslimbruderschaft zerfällt als politische Kraft

Von Seiten der Politik als auch der Bevölkerung wurde der Umstand, dass Militär die Regierung eines Muslimbruders, Dr. Mohammed Mursi, mit brutaler Gewalt beendet hatte, in weiten Teilen als Erfolg gefeiert. Es wurden sogar Stimmen laut, die den extrem hohen Blutzoll in Form von buchstäblich tausenden von Toten mit der Idee akzeptiert hatten, dass man damit Ägypten den Klauen vernagelter, erzkonservativer und terroristisch angehauchter Muslime entreißen würde.

Diese Einschätzung basierte auf fundamentalen Irrtümern. Flankiert wurde dieser Eindruck von Medien, die sich noch während des Putsches reflexhaft und wie so oft in der jüngeren, ägyptischen Vergangenheit auf die Seite des Siegers stellte – und sofort, noch während der Kampfhandlungen auf den Straßen, mit teilweise tatsächlich obskuren, grotesken und bizarren Vorwurfsmustern gegen die gesamte Muslimbruderschaft agitierte. Der gesamte Westen, der von den Vorgängen in Ägypten förmlich überrollt wurde und ohnehin ein ganz generelles Verständnisproblem in Bezug auf den Islam in Ägypten hat, glaubte sich über eine vermutete “Befreiung” Ägyptens freuen zu können.

Selbst Hosni Mubarak hatte es besser gewusst.

In den neunziger Jahren hatte er die Verfolgung der Muslimbrüder, die unter Anwar al-Sadat eingesetzt und intensiviert worden war, schleichend zurückgefahren und sich in Bezug auf islamistischen Terror völlig richtig auf die Organisation Gamaa al’Islamya konzentriert. Mubarak hatte den Wandel der Muslimbruderschaft von einer geheimen und terroristisch arbeitenden Organisation zu einer friedfertigen, gesellschaftlich höchst wichtigen Gesellschaft beobachtet – und unterstützt. Plötzlich durften sich Muslimbrüder in Parteien organisieren und öffentlich auftreten.

Die Spitze der Muslimbruderschaft konnte daher auf ihrem Weg heraus aus ihrer gewaltorientierten Versteinerung einen Platz in der ägyptischen Gesellschaft annehmen; für Mubarak war das ein unschätzbarer Vorteil: die Muslimbrüder organisierten Schulen, Krankenhäuser, Armenspeisungen, Notfallhilfe – kurz alles, wofür der ägyptische Staat fortan kein Geld mehr aufbringen musste. In einigen Regionen fand gar kein ägyptischer Staat mehr statt, weil alle relevanten Funktionen eines Staates durch die Muslimbrüder bedient wurden.

Wenn man den Muslimbrüdern heute noch die Schriften ihres Gründers a-Bannah aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorwirft, hat man den Marsch der Organisation hinein in die Legalität, Friedfertigkeit und soziale Verantwortung schlicht vollständig weggeblendet. Als die Muslimbrüder in 2011 zur Wahl antraten, stellten sie eine respektable Partei dar, die mit beiden Füßen in der ägyptischen Gesellschaft verankert war und viel mehr Modernität wagte als alle anderen Organisationen. Der erste, international beachtete und sehr positiv bewertete Sexualkundeunterricht Ägyptens mit Beratungsleistung Hilfesuchender wurde von den Muslimbrüdern initiiert.

Natürlich verfügte die Muslimbruderschaft in 2011 durchaus noch über einen Rand, der sich den alten Zielen verpflichtet fühlte und zur Gewaltanwendung zur Errichtung eines streng islamistischen Staates greifen wollte. Diese stellte jedoch tatsächlich nur einen dünnen Rand dar; insgesamt stemmte sich die Muslimbruderschaft gegen das Erstarken der Salafisten Ägyptens, die mit der Partei al-Nour einen strengen, erzkonservativen Islam fordert. Es waren die Salafisten, die allen Ernstes die Sprengung aller Denkmäler in Ägypten gefordert hatten und es sind, nebenbei bemerkt, exakt die gleichen Salafisten mit ihrer Partei al-Nour, die der Diktator al-Sisi heute hegt, pflegt und respektvoll behandelt.

Der nicht nur anhaltende, sondern dramatisch ansteigende Verfolgungsdruck sowie die nachhaltige Dämonisierung der Muslimbruderschaft als “Terror-Organisation” stellt wiederholte, schwere Hammerschläge für die Bruderschaft dar und nun zeigt sie letztlich auch Wirkung: ihr extremerer Rand emanzipiert sich von der weitestenteils verhafteten, z.T. bereits hingerichteter Führungsmannschaft und mit der Idee: “Wir haben es schon immer gewusst!” orientieren sie sich nun an gewaltbereiten Organisationen in ihrem Umfeld. Sie haben nichts mehr zu verlieren; es ist völlig gleichgültig geworden, ob jemandem die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft oder des “Islamischen Staats” vorgeworfen wird – es sind für Todesurteile keinerlei Beweise notwendig und beideVorwürfe führen gleichermaßen direkt an den Strang.

Nun mag spekuliert werden, ob das vielleicht exakt das Ziel ist, das der Diktator verfolgt. Ob es seine Strategie ist, eine Spirale des Hasses und der Gewalt in Gang zu setzen um die einzige Partei, die dem Militär langfristig die Macht würde streitig machen können, zu vernichten, Unsicherheit und Angst zu stiften und damit die gesamte Opposition mundtot zu machen.

Jedenfalls erreichen mich aus Ägypten beunruhigende Nachrichten über einen Zerfall der Bruderschaft. Die Führung verliert zusehends den Zugriff auf ihre Kader, die gut vernetzten, langjährig erprobten und arbeitenden Entscheider sind fort und haben kurzatmig agitierenden Vertretern Platz gemacht, die die sich konsequent weiter radikalisierende Basis nicht mehr erreichen.

Gleichzeitig aber erwachsen Ägypten aus genau diesem Verfolgungsdruck neue, bisher nicht vorhergesehene Gefahren: neben einem “IS” und der Gamaa al-Islamya sind längst weitere Terrorgruppen entstanden oder haben sich nun durch regen Zulauf deutlich verstärkt. Es existiert in der gesamten Region ein Überangebot von Waffen und Explosivstoffen; deren Besorgung reduziert sich heute auf das Geld, die Beschaffung selbst ist kein Problem mehr.

Der Diktator hat einen Prozess in Gang gesetzt, den er nun nicht mehr steuern kann. Er ist ihm aus der Hand geglitten. Selbst deutlich verstärkte und brutalisierte Razzien, Verhaftungs- und Verurteilungswellen nebst hunderten von Exekutionen per Strang oder Maschinengewehr auf offener Straße werden und können die Destabilisierung nicht mehr aufhalten. Die Putschisten werden eingesehen haben und in nicht allzu ferner Zukunft kleinlaut zugestehen müssen, dass die Verteufelung und die Jagd auf die Muslimbruderschaft ein schwerer Fehler war und die einzige Kraft, die zur Einigung der Gesellschaft Ägyptens fähig war, zerstört hat.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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