In eigener Sache: Warum wurde ich Muslim?

Unlängst fragte ein guter Kollege, der beim Mittagstisch plötzlich von meiner spirituellen Ausrichtung hörte, ebenso erstaunt wie verblüffend offen:

Warum bist Du Muslim geworden?

Mir wäre beinah der Löffel aus der Hand gefallen; ich fragte mich sofort, wie ich das würde erklären können. Natürlich kenne ich diese Frage und selbstverständlich habe ich sie unzählige Male auch schon beantwortet. Aber nun, da meine Reise auf „dem grünen Pfad“ schon einige Jahre andauert fällt es mir zunehmend schwer, auf diese Frage eines Nichtmuslimen noch auf eine Art antworten zu können, die für ihn verständlich wäre.

Wo sollte ich anfangen?

Etwa mit dem Erlebnis, dass ich mich als unwissender wie abenteuerlustiger Tourist auf einmal an einer ganz bestimmten Straßenkreuzung in Kairouan wiederfand, mich von der allseits daherplärrenden, arabischen Musik genervt fühlte – und sie plötzlich verstand? Mit einem Schlag?

Oder etwa damit, dass ich als gebürtiger, katholischer Westfale in einem erzkatholischen Städtchen mit zarten vierzehn Jahren eine unstillbare Liebe zu Ägypten entwickelte – und niemand, von mir ganz zu schweigen, je begreifen konnte, warum das geschah?

Wo müsste ich anfangen?

Vielleicht damit, dass ich in meinem vierzigsten Lebensjahr als Hobbyägyptologe nach Kairo reiste nur um dort etwas zu finden, was ich gar nicht gesucht hatte? Von meinem Erlebnis in der Moschee al-Azhar, das ich bis heute keinem Nichtmuslimen schildere, weil er es nicht verstehen kann? Wie erklärt man jemandem, dass man von einer Sekunde auf die nächste plötzlich mit beiden Beinen fest auf in ganz anderen Welt steht?

Wie will ich sowas erklären? Wie, dass ich bis zu meiner Konversion kein einziges Mal mit einem islamischen Gelehrten oder gar einem glühenden Missionar gesprochen, sondern mich nur unter „ganz normalen“ Muslimen bewegt hatte – und ohne je danach gefragt zu haben, das größte Geheimnis der Welt benannt zu bekommen? Wie schildert man das Gefühl, wenn alles auf einmal ganz anders ist, aussieht als man es je erfahren hatte?

Ich erinnere mich gut an die Rede eines Imamen, der gezielt Konvertiten in spè ansprach und es dabei an Warnungen nicht mangeln ließ. „Wisse,“ sagte er, „dass sich, wenn Du den Islam annimmst, niemand mehr findet, der Dich versteht. Es wird völlig egal sein, was Du ihnen erzählst, sie werden den Kopf schütteln und Dich einen ‚Idioten‘ nennen. Du wirst feststellen, dass Du ihnen die einfachsten Dinge nicht mehr erklären kannst und dass sie die einfachsten Gedanken nicht mehr verstehen können. Viele werden sich von Dir abwenden, sie werden Dich beschimpfen.“ – und genauso kam es auch.

Die Welt eines Muslimen ist einem Nichtmuslimen nicht zu vermitteln; der Qur’an erwähnt dies in aller Deutlichkeit. Die Bilder, in denen wir denken und fühlen, sind ganz andere; wir fühlen uns, wenn wir uns irgendwo treffen ohne uns vorher gekannt zu haben. Wir lachen miteinander, wir weinen zusammen und es ist egal dabei, ob wir uns vierzig Jahre oder fünf Minuten kennen. Wie will man das erklären?

Ich reiste damals achselzuckend aus Kairo wieder ab. Ich hatte dort Kenntnis von meiner Aufgabe und von meinem Platz in der Welt erhalten und den konkreten Auftrag, den ich dort erhalten habe, ernst genommen und auch umgesetzt. Ich hatte mich wie ein Blinder gefühlt, der zum ersten Mal die Augen öffnet und verstehen muss, dass die Dinge völlig anders aussehen als zuvor gedacht. Was tut man, wenn man lebenslang in der Dunkelheit saß und plötzlich geht das Licht an? Tritt man es ärgerlich wieder aus? Glaubt man nicht, obschon man plötzlich sehen kann? Ist es dann noch wichtig, dass man jahrelang glaubte, die Kacheln an den Wänden seien rot – und sie sind wirklich, bei Licht betrachtet, grün?

Also – wie erklärt man dem, der noch in der Dunkelheit sitzt, das Licht?

Heute verstehe ich in der Tiefe, warum mein Leben lief, wie es bisher gelaufen ist. Heute verstehe ich, weshalb ich vor gut 40 Jahren damit begonnen hatte, mich in die Ägyptologie einzulesen – denn damit wies mir Allah meinen Lebenspfad, der mich zu Ihm führte. Es lagen Dutzende, wenn nicht Hunderte kleiner, klitzekleiner Hinweise, Bilder, Menschen, Dialoge auf meinem Weg und sie alle richteten im besten Moment die Weiche, über die ich jeweils die richtige Straße an Kreuzungen fand. Allah legte mir dort in Ägypten eine wunderschöne Katze auf ein Mäuerchen und ließ sie in die Sonne blinzeln – und mich begreifen, was es bedurft hatte, was alles geschehen musste, damit ich in diesem Moment diese Katze traf. Und diese Tiefe in speziell diesem Gedanken ist etwas, was Nichtmuslime nicht verstehen können.

Ich durfte verstehen – weil der Weg für die Katze auf Allahs Pfad dorthin kein geringerer war als mein eigener. Und deshalb verstehe ich heute meine Geschichte und meinen Lebensweg

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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