Iran – was passiert nach dem Atom-Deal?

Das scheint eine immer interessanter, spannender werdende Frage zu sein – und zwar völlig losgelöst von den Auswirkungen des Deals auf das Verhältnis Irans zum Westen. An dieser Front wird kurzfristig nicht allzuviel passieren. Westliche Emissäre wie Gabriel etwa hetzen nach Teheran, um sich möglichst schnell möglichst lukrative wie langfristige Lieferverträge zu sichern. Das ist ebenso uninteressant wie eingeschränkt in der globalen Wirkung; wenigen Armen im Iran wird es etwas besser gehen, es wird sich ein halbwegs starker und gesunder Mittelstand und eine dicke Oberschicht etablieren.

Die Rede von Ajatollah Khamenei kurz nach Abschluss des Deals sprach Bände – und trieb den machtvollen Akteuren in der gesamten Region den Schweiß auf die Stirn. Wenn auch dort niemand aufrichtig und wirklich daran geglaubt hatte, dass der Deal auch die Mission, den außenpolitischen Auftritt Teherans maßgeblich hätte beschneiden können, drehte Khamenei den Spieß kurzerhand um und beschied der Welt offensiv, dass Iran an seiner Politik und Strategie, Macht auszubauen und zu erhalten, festhalten wolle.

Das wirklich Fatale daran ist, dass auf den Iran niemand verzichten kann. Sowenig verzichten kann, dass gerade der Abschluss des Deals ein Zeichen des Westens war, dass man die Präsenz des Iran nun anerkenne.

Und jetzt entwickeln sich viele Dinge sprunghaft wie spontan:

Das Königshaus von Saudi-Arabien schwenkt von seiner bisherigen Linie ab.

Ohne eine minutiöse Planung zusammen mit dem ägyptischen Militär und dem unbedingten Willen des vorherigen Königs würde es den Putsch am Nil nie gegeben haben. Saudi-Arabien folgt dem Wahabismus, einer ganz besonders versteinerten, verkrusteten wie brutalen Lesart des Islam und die Wahl des ägyptischen Präsidenten Dr. Mohammed Mursi, der der ganz erheblich freieren und progressiveren Muslimbruderschaft entstammt, ließ am strikten wie zuweilen grausamen Kurs Saudi-Arabiens Kritik aufkommen. Zudem fürchteten viele Golf-Staaaten innerhalb der Arabischen Liga, die Präsenz eines demokratischen Ägyptens unter der Ägide eines modernen Islam könne in ihren Bevölkerungen Begehrlichkeiten aufkommen lassen und zur politisch-sozialen „Infektion“ mit revolutionären Gedanken führen. Mit dem „Islamischen Staat“ hat zu dem Zeitpunkt kaum jemand gerechnet. Aus diesem Grunde konzentrierte sich die Arabische Liga auf die Entfernung Dr. Mursis aus dem Amt; den Akteuren aus der Liga schwebte ein hart durch ein Militär regiertes und ersticktes Ägypten vor.

Es war aber bereits ein Hosni Mubarak, der vor gut zehn oder fünfzehn Jahren bereits vor der Arabischen Liga erbittert Klage gegen den Iran führte – auf Zustimmung traf und einige Mitglieder erschreckte. Mubarak hatte eine stille Infiltration registriert; es waren viele Shiiten mit Geld und Aufträgen ausgestattet aufgetaucht, die zielgerichtet Einfluss gewannen und sammelten. Regional begannen Spannungen aufzutreten; in Kairo erschreckte sich die Polizei vor „absonderlichen Ritualen“ in einer shiitischen Moschee und schloss diese kurzerhand mit der Begründung, diese Rituale könnten ägyptische, also sunnitische Bürger nachhaltig verstören. Sie haben wohl den Kult der Selbstpeitschung gemeint, der in der islamischen Welt ohne weiteres Beispiel ist und bewusst wie absichtsvoll sehr blutig abläuft.

Nach dem Atom-Deal verlässt das neue Königshaus Saudi-Arabiens seine bisherige Politik; es muss einsehen, dass es neben einem „IS“ nun einer weiteren Gefahr gegenüber steht, die nicht so einfach zu ersticken ist wie mögliche Opposition aus Ägypten. Es war den meisten Golf-Staaten ganz recht, dass Iran in wirtschaftlichen Fesseln lag; man misstraute den Shiiten ebenso wie den Politikern Irans, die aufgrund des Rohstoffreichtums, der günstigen, geostrategischen Lage auch auf ein mittlerweile gut ausgebautes Netz iranischer Emissäre in der ganzen Welt setzen können. Die Golf-Staaten begreifen den Atom-Deal tatsächlich als „Entfesselung“ eines Gegners, der ihnen auf verschiedenen Ebenen staatlichen Handelns Unannehmlichkeiten bescheren wird.

Nun erscheint König Salman bin Abdulaziz von Saudi-Arabien einen Kurswechsel vorzunehmen, der dem ägyptischen Diktator die Luft knapp werden lassen könnte – der König verhandelt mit der Bruderschaft und mit der Hamas und beide sind erbitterte Feinde des Diktators vom Nil. Beide sind aber auch erbitterte Feinde des „Islamischen Staates“ und Irans und es werden genau diese Eigenschaften sein, wegen der der König dem ägyptischen Diktator in Kürze untersagen wird, die ägyptische Bruderschaft weiterhin so brutal zu verfolgen. Denn der König weiß: das ägyptische Militär kann vielleicht schießen, aber nicht wirtschaften. Die Eckdaten der ägyptischen Wirtschaft sind katastrophal; Kenner beobachten, dass die Militärs ihre eigene Hilf- wie Planlosigkeit damit überdecken, indem sie immer wieder mal bei Geberstaaten um immer weitere Geldspritzen und Kredite nachfragen. Ägypten ist Lichtjahre davon entfernt, ohne diese Infusion von Kapital von außen auszukommen. Damit hat der König Ägypten am Wickel und besitzt den magischen „Ein- / Aus-“ Schalter, mit dem es jede Regierung Ägyptens wählen lassen oder stürzen kann.

Wie ich lese, lässt Saudi-Arabien derzeit nichts anbrennen; es gab bereits erste Unterredungen zwischen Khaled Mashaal, dem Hamas-Führer, dem König, dem Kronprinzen Saudi-Arabiens, Mohammed bin Nayef und dessen Stellvertreter. Dieser Termin ist nicht zuletzt durch den schweren Anschlag des „IS“ gegen die Hamas und deren bewaffneten Arm, der Qassam-Brigade vor wenigen Tagen zusätzlich motiviert worden. Der König sieht in der Hamas nun nicht mehr den Feind, der sie gestern noch war, sondern einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen die shiitische Hisbollah und den „IS“ – beides Kräfte, die Saudi-Arabien in Bedrängnis bringen könnten.

Wir werden miterleben, wie sich die Karten nicht mehr neu mischen lassen – sondern wie sie entsorgt und durch neue Karten ersetzt werden. Möglicherweise wird es die ägyptische Muslimbruderschaft geradezu verrückterweise ausgerechnet den Shiiten und den durchgeknallten Extremisten wie Terroristen vom „IS“ zu verdanken haben, dass die Diktatur in Ägypten vielleicht doch nicht erst nach zwanzig oder dreißig Jahren, sondern vergleichsweise kurzfristig ihr Ende findet. Beide Strömungen sind erklärte Feinde der Muslimbruderschaft, aber zumindest letzter hat theoretisch Einfluss darauf, Ägypten auf seine Weise gegen die Infiltration des „IS“ und gegen eine Zunahme der Radikalisierung zu immunisieren.

Was Saudi-Arabien tut, wird Kuweit unweigerlich ebenfalls tun – und Kuweit ist einer der mächtigsten wie reichsten Sponsoren des ägyptischen Diktators. Beide zusammen aber bilden die dominante Kraft in der Arabischen Liga; nach meiner persönlichen Einschätzung wird man sich dort an die weit verbreitete Muslimbruderschaft erinnern und sich ihrer bedienen wollen. Sie ist als moderate, progressive und nunmehr politisch vorbelastete Strömung ein naturgegebener Gegner des „IS“ und kann ganze Völker zum Kampf gegen ihn motivieren – oder auch demotivieren.

Iran wird seine isolierte Position nicht so leicht verlassen und durch die erhöhte Aufmerksamkeit der Golf-Staaten auch mittelfristig kein befriedigendes Prosperieren erfahren. Er wird sich aber auch nicht der westlichen Linie anschließen, sondern auch weiterhin aufgrund seines nachhaltigen Misstrauens allein, ohne mächtige Verbündete dastehen. Khamenei wird nicht das letzte, iranische Staatsoberhaupt sein, welches völlig korrekt und richtig jedwede Existenzberechtigung Israels ablehnt. Und warum auch. Immerhin teilt es nicht die Geschichte Israels und der USA, die für beide aus der gezielten wie absichtsvollen Ausrottung der Ureinwohnerschaft besteht. Und Iran teilt auch die Geschichte beider nicht, die beide mehrfach blutige Angriffskriege geführt und ethnische Säuberungen wie hinterhältige Intrigenpolitik bis in die Gegenwahrt durchgeführt haben.

Fazit: es bleibt spannend – stay tuned.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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