Israel – und auf einmal ist es Liebe

Sorry – da sind mir die Gäule vor dem Streitwagen durchgegangen, die allesamt den Namen „Zynik“ tragen. Aber angesichts einiger, höchst faszinierender Gedanken, die ich in einer arabischen Veröffentlichung fand, habe ich wirklich Mühe, die Pferde wieder einzufangen.

Da war so eine extremistische wie nationalistische „Licht“-Gestalt mit Namen Naftali Bennett, der während des letzten, israelischen Massakers im Gaza-Streifen allen Ernstes dringlich empfahl, bloß nicht mit den Flächenbombardements aufzuhören, weil man nun eine echte Chance hätte, „aufzuräumen“. Man hätte in Israel ein Volk, welches von seiner Führung dringlich verlange, „alles zu tun was immer nötig sei“, um die Hamas auszuradieren. Dies bezog sich ganz klar auf die schon während des Massakers lauter werdende Kritik an der Strategie Israels, mit schwerer Artillerie stundenlang Dauerfeuer auf Wohngebiete im Gaza-Streifen zu legen – was ja dann auch weit über 2.000 Menschen, vorwiegend Frauen, Alte und Kinder das Leben kostete.

Kein Preis schien Israel samt seiner furchtbaren Extremisten in dessen Regierung und Militär hoch genug, um möglichst jeden Widerstand und Kritik gegen die Besatzung totzutreten. Dafür feuerte man gezielt auf Krankenhäuser, Schulen – und Kinder. Die heutige Justizministerin Ayelet Shaked kreischte begeistert und öffentlich, man möge mit den Terroristen auch gleich deren Mütter erschießen, damit diese nicht „weitere Schlangen“ zur Welt brächten. Und Moshe Feiglin, der Stellvertretende Sprecher der Knesset, breitete ebenso öffentlich seine feuchten „Groß-Israel“-Träume aus und forderte, ebenfalls völlig ernsthaft, die israelische Armee möge alle Palästinenser des Gaza-Streifens auf einen Fußmarsch in Richtung Ägypten zwingen und hinauswerfen. Großzügig, wie es seine Art ist, diente er Lastwagen zum Transport Verletzter und Behinderter an; Widerspenstige hingegen, die sollten an Ort und Stelle erschossen werden.

Die „Freunde“ Israels schlossen sich dem Tenor an und ließen nur aus, was ihnen arg zu unappetitlich schien. Die Hamas sind die „Terroristen“, die Teufel, die Gefahr, die Wut, der Hass und der Tod – so steht es in allen namhaften Medien im Westen zu lesen und zu hören.

Heute ist Israel plötzlich viel, ja sehr viel kleinlauter.

Heute möchte Bennett auf einmal die Hamas gar nicht mehr vernichten. Heute fällt ihm ein, dass sie eine gewählte Regierung im Gaza-Streifen sei. Und heute mag er gar keinen Krieg mehr gegen die Hamas führen. Heute mag er die Hamas.

Ägypten und die Palästinensische Autonomiebehörde wollen, dass die Dinge in Gaza schlecht stehen, so dass wir immer weiter kämpfen weil es gut für sie ist. In dieser Phase aber bin ich dagegen. Die Situation ist, dass Hamas da ist.

Huch! Wo bitte war die Hamas im letzten Jahr, als Israel in den Gaza-Streifen bombte und tausende von Menschen tötete? Um bitte was oder wen zu vernichten? Die Hamas wohl nicht – denn wie uns Bennett informiert, ist sie wohl erst seit wenigen Wochen „da“.

Vor wenigen Wochen erst begab sich General Sami Turgeman, Kommandeur der südlichen Front, in ein Gespräch mit israelischen Bürgern nahe der Grenze zum Gaza-Streifen. Dort fand er erstaunlicherweise viel Positives darin, jenseits dieser Grenze eine Hamas zu wissen. Er beschrieb die Hamas als wirksame Hoheitsgewalt, jenseits derer entweder Chaos herrsche oder direkte, israelische Regierung notwendig mache. Man habe ein Interesse daran, im Gaza-Streifen „eine Adresse“ zu haben, weil die militärische Realität dort sonst eine böse würde. Turgemans Schmusekurs wird neben politischen Erwägungen auch von militärischen befeuert; Israel hat beim letzten Massaker erschreckt zwei Lektionen lernen müssen: erstens verfügen die Qassam-Brigaden über erheblich verbesserte Modelle und verkündeten erst unlängst, dass man hiervon eine große Stückzahl mit weiter verbesserten Leistungsparametern fertige und zweitens zeigte „Iron Dome“, dass es aus einem Schwarm anfliegender Raketen nur einige treffen und im Flug vernichten kann. Das nächste Massaker wird für Israel damit ungleich teurer; Dutzende von genaueren und schwereren Raketen können nun Tel Aviv treffen, es wird viel mehr israelisches Blut fließen als je zuvor.

Jenseits aller Zynik ist auch jenseits von allem, was Israel weltweit als „Realität“ verkauft und auch nach innen vertritt: Israel ist am Ende. Weit jenseits aller Beteuerungen, man habe selbstverständlich keinerlei Besorgnis wegen der palästinensischen Klage gegen Israel beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen versteht man, dass man dieses Mal den Bogen offensichtlich weit überspannt hatte. Wenn nicht in letzter Minute noch in Hinterzimmern massivste Einflussnahme auf die UN gelingt, steht eine öffentlich geführte Debatte über Scheußlichkeiten während dieses Angriffs zu befürchten, die nun mal tatsächlich nicht mehr wegzudiskutieren sind.

Dies zum Einen.

Zum anderen ist Benjamin Netanjahus ursprüngliche Begeisterung für die tapferen Kämpfer vom „Islamischen Staat“ so sang- und klanglos verraucht, dass man sich die Fotos, auf denen er verletzten „IS“-Kämpfern in israelischen Krankenhäusern lachend die Hand schüttelt, immer und immer wieder anschauen muss – weil man sonst glaubt, man spinne. Er wollte eben auch ein bisschen intrigieren und Muslime aufeinander hetzen. Nun muss er lernen, dass der Schuss nach hinten losgegangen war: in Verbindung mit einer klaren Kriegserklärung des „IS“ gegen die Hamas erwähnte die Terrororganisation am Rande gleich mit, dass man dem Feind Hamas schon zeigen werde, wie man sich korrekt Israels anzunehmen habe. Netanjahu zerbrach damit öffentlich seine hübsche Legende, nach welcher Hamas angeblich mit dem „IS“ kooperiere, unter den Händen und gleichzeitig entsteht ihm ein neuer, wahrhaft gefährlicher Gegner.

Jetzt muss Israel die Hamas lieben und Khaleed Mashal, deren Anführer, findet sich auch plötzlich von dem einstigen Erzfeind Saudi-Arabien geehrt und hofiert.

Die israelische Regierung hasst alles, was sich Israel nicht untertan macht und gehorcht – und auf diesem Wege hat es sich schon seit Jahrzehnten mit der gesamten Nachbarschaft verscherzt: da gibt es eine (vom Iran bewaffnete und bezahlte) Hisbollah, eine Hamas, die recht öffentlich die Entwicklung neuer, erheblich leistungsstärkerer Qassam-Raketen preist, ein völlig destabilisertes, unkalkulierbares Syrien und nun eben den „IS“, der bekanntermaßen klotzt, und nicht kleckert.

Deshalb wird Israel seine Feindseligkeiten gegen Hamas einstellen, einstellen müssen und Verhandlungen mit ihr aufnehmen. Diese Volte dürfte in Israel für Kopfschmerzen sorgen, weil sie von vielen Bürgern nicht nachvollzogen werden kann. Es war für Israels Öffentlichkeit nichts Besonderes, als während des Massakers eine Bürgerin auf Facebook von „Orgasmen“ angesichts der Einschläge israelischer Granaten in Gaza-Stadt sprach und es war völlig in Ordnung, wenn dutzende auf Facebook davon schriftlich träumen, palästinensischen Kindern Kugeln in den Kopf zu jagen, sie mit Autos zu zerquetschen oder, ja, auch das gab es als Äußerung von Juden, zu vergasen. Israelische Bürger bleiben für gewöhnlich straffrei, wenn sie sich zusammenrotten und Araber auf offener Straße mit Eisenstangen halbtot prügeln – und morgen soll eine Hamas für sie eine akzeptable und zu respektierende Organisation sein?!

Zehn-, hunderttausende von extremistischen Juden Israels, die sich gleichzeitig einem immer härter werdenden, volkswirtschaftlichen Niedergang zu stellen haben, müssen nun mit einer Regierung fertigwerden, die nach Jahren der rassistischen Kreischerei einknickt und die, die vorher noch zu „Tieren“ erklärt worden waren, morgen als Partner begrüßen muss. Netanjahu erkennt, dass Israel diesen Kampf nicht (mehr) gewinnen kann. Es ist vorbei. Ihm ist klar, dass ein möglicher Zusammenschluss einiger der feindlichen Kräfte Israel in einen jahrelangen, kräftezehrenden Krieg verwickeln kann und parallel dazu schwere und schwerste Anschläge im Land selbst erleben wird. Nichts ist mehr verlässlich für Netanjahu. Der für ihn schwerste Hammerschlag am US-Iran-Atomdeal war nicht etwa eine nun erwachsene Atomwaffengefahr (daran hat Netanjahu selbst wohl nie geglaubt!), sondern der Umstand, dass seine Lobby in den USA offenbar zu schwach geworden ist und Israel keine Befehlsgewalt mehr über die USA hat. Netanjahu muss auch an der Bündnistreue Ägyptens in der Achse Washington-Kairo-Tel Aviv zweifeln; sein Partner, der ägyptische Diktator, zieht mit seinen Metzgereien viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich und könnte in naher Zukunft wegen international anwachsender Kritik ins Wanken geraten. Alles, worauf es sich Israel in den letzten zwei Dekaden so bequem gemacht hatte, gerät ins Straucheln, ins Wanken und ist sehr unsicher geworden.

Ich biete die Wette an, dass die Bestie Netanjahu noch in diesem Jahr lächelnd und vor den Kameras der Welt Khaleed Mashal die Hand schütteln wird.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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