Pater Pio – so heilig, dass Jesus Konkurrenz bekommt?

Schon als ganz junger Hüpfer gab es für mich etwas, was mich am Katholizismus zweifeln ließ: Heilige.

Nicht der Umstand als solcher, dass manchen Menschen eine größere Nähe zu Gott nachgesagt wurde, hatte mich gestört, sondern erst einmal nur der Umstand, dass man sie anbeten und um Hilfe anrufen darf. In zweiter Linie, da war ich schon etwas erwachsener, wunderte mich der Reliquienkult – und manchmal grauste er mich sogar.

Vor einem Jahr ungefähr gab ein Priester im Radio eine Reihe zum „Heiligen“ Liborius, dem in seiner „Heimat“-Gemeinde ein großes Fest ausgerichtet wurde und nur wenige Klicks im Netz später wusste ich mehr über das Schicksal dieses Liborius. Kaum, dass er verblichen war, wurden seine sterblichen Überreste buchstäblich zerrissen und portionsweise in die ganze Welt verkauft. Hier ein Fingerchen, dort ein Büschel Haare, vielleicht ein Stückchen Knochen und ein Lappen Haut wechselte jedesmal den Besitzer für gutes Geld – angeblich sollen diese Leichenreste wohl „wundertätig“ sein.

Die wenigsten dieser „Heiligen“ haben zu Lebzeiten ein Dasein angestrebt, welches nach ihrem Tod in zahllosen Phiolen, Kästchen, Truhen und sonstigen Behältnissen enden sollte. Ich behaupte, dass sie beinahe allesamt aufrichtige Christen waren, die ihren religiösen Auftrag ernst und demzufolge einen schweren Lebensweg angetreten hatten. Und wohl ebenfalls die wenigsten von ihnen würden es befürwortet haben, dass man ihre Leichenteile statt Gott selbst anbeten würde.

(Zitate: SPIEGEL-Online)

Er ist der einzige Priester mit den Wundmalen von Jesus, „welche immer offen, frisch und blutig blieben, sichtbar an den Händen, Füßen und der Brust“, wie seine Jünger versichern; eine Tasse Blut soll er jeden Tag verloren haben und kein Arzt konnte ihm helfen.

Die Sache mit den „Wundmalen“ (lat.: „Stigmata“), die quer durch die zurückliegenden, beinahe zwei Jahrtausende immer wieder sehr überzeugend wirkte und vielen „Heiligen“ abertausende Gläubige sicherte, war durchaus kniffelig einzustielen. Ein bisschen Chemie aber hilft:

Auch die Wundmale an Pios Körper, ähnlich jenen des gekreuzigten Jesus Christus, waren seinen Oberen lange nicht geheuer. Dazu trug auch der Bericht eines Apothekers bei, von dem der heutige Heilige in seiner Frühphase große Mengen des Nerven- und Insektengiftes Veratrin sowie von ätzender Karbolsäure kaufen wollte. Mit der Säure, das wusste der studierte Pharmazeut natürlich, kann man sich genau solche Wunden zufügen, wie sie Pio hatte.

Desweiteren liebte Pio offenbar nicht nur seinen Gott, sondern eben auch rein menschlich Menschen:

So behauptete etwa ein vom Vatikan zur Observierung Pios nach San Giovanni Rotondo entsandter Monsignore: „Er kopuliert zweimal wöchentlich mit Frauen.“

Die Kanonisierung des wohl zu Lebzeiten sehr unglücklichen Pio wurde zwar bisher nicht vom jeweils zuständigen Papst, sondern längst in den Köpfen der Menschen vollzogen:

Pater Pio hat Tausende von Wundern vollbracht. Er hat Hostien vermehrt, Wolkenbrüche gestoppt, eine Raupenplage beendet. Er ist in den Himmel aufgestiegen, hat einen Air-Force-Piloten sicher zur Erde gebracht, dessen Flugzeug abgeschossen wurde. Er hat Blinde sehend und Lahme laufend gemacht, vermutlich mehr als Jesus. Er hat dem jungen polnischen Priester Karol Wojtyla einst die Papst-Würde und das Attentat angekündigt. Und selbst nach seinem Tod vollbringt Pio weiter fleißig Wunder.

Immerhin war er ein Tausendsassa; auf seinem raketengleichen Weg „nach oben“ droht er zwischenzeitlich, den christlichen Sohn Gottes vom Platz zu weisen, ist dessen Wunderliste doch ergreifend kürzer – was hat Jesus gegen Pio schon vorzuweisen? Okay, er hat einen Toten ins Leben zurückgerufen, ein paar böse Geister in Schweine gejagt und bei Gelegenheit verköstigte er auch aus einem Brot und einem Fisch eine ganze Gemeinde.

Ich erkenne im Reliquienkult einen Rückfall ins intellektuelle Neolithikum und empfinde ihn als ebenso barbarisch wie ursprünglich. Da klammern sich Menschen an etwas, was sie buchstäblich „be-greifen“ können, weil ihr Intellekt zu abstrahiertem, sublimierten Glauben nicht ausreicht. Sie sehnen sich nach direktem Kontakt, sie brauchen die sensorische Ansprache, sie müssen etwas küssen können und brauchen Gegenstände, vor denen sie auf die Knie fallen können.

Sie verhaften ihre „Heiligen“ als Kumpane; obschon sie ihren Weg als „Normalsterbliche“ dereinst begonnen und mit vielen Schwierigkeiten und Leiden als inbrünstige, von Gott direkt inspirierte Christen beendet haben, sieht man ihn ihnen auch nach ihrem Ende noch immer den Menschen, der sie selbst sind: irdischen Zwängen verhaftet, offensichtlich sterblich wie sie, hin- und hergeschüttelt, zerrissen von Zweifeln und Folter. Sie anzubeten bedeutet aber, sich vor Gott verstecken zu wollen und dafür andere vorzuschicken, ihm nicht zu vertrauen, an seiner Aufmerksamkeit zu zweifeln. „Heilige“ sind ein Cheat, dessen Betreiben eine Abkürzung zu Gott verspricht, sie sind ein Anwalt und manchmal so etwas wie eine Zauberkraft.

Gott kann man nicht anfassen – ein Stückchen reale Leiche, deren Unterhose, ihren Fingernagel hingegen schon.

Dieser himmelverdunkelnde Schwarm von „Heiligen“, der die Sonne Gottes verdunkelt und aus einer lichtvollen Religion eine der Leichen und des Schmerzes macht, verstellt Christen den Blick auf ihren wahren Glauben, auf die wirklich wichtigen Inhalte – und das ist etwas, was mich gruselt. Im Islam kennen wir ähnliche Anwandlungen; da glaubt man an „Marabuts“, die im eigentlichen Sinne nichts als gelehrte Gläubige sind und durch besonderen Glaubenseifer und einer hohen Glaubenssicherheit auffallen. In animistisch angehauchten Regionen Afrikas erhebt man auch sie zuweilen in den Stand „heiliger“ Männer und gesteht ihnen höheren, spirituellen Wert zu als sich selbst. Sie empfangen manchmal schon zu Lebzeiten Opfergaben und häufig wird an ihren Gräbern gebetet, wenn auch in den seltensten Fällen zu ihnen.

Für mich sind „Heilige“ eine schauderhafte Vorstellung und mein Gruseln gehört nicht nur ihrem manchmal recht scheußlichem Tod, sondern eher der Verblendung derer, die vor ihnen die Knie beugen.

Ich beuge mein Knie nur vor Allah – und sonst niemandem; keinem lebenden Wesen und auch sonst keiner Wesenheit.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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