Israel – Nach den Lebenden werden die Toten beseitigt

Manchmal ist die israelische Führung etwas ungeschickt – obschon das zugegebenermaßen nur selten vorkommt. Ich will nicht in Vorwurfs- oder Klagemuster verfallen, die allzu trivial klingen und es klingt auch wirklich reichlich platt, wenn der Regierung eine ethnische Säuberung Israels in Form einer „Judaisierung“ nachgewiesen wird. Aber manchmal kommt man nicht daran vorbei – wenn die Regierung ein riesiges Eisenbahnprojekt mit der klar ausformulierten Maßgabe ausschreibt, dass mithilfe eines neuen Schienennetzes allerdings auch die „Judaisierung“ des israelischen Staatsgebiets durch die Vernetzung mit den illegalen Siedlungen im Westjordanland etwa erreicht werden soll.

Tagesaktuell aber wird die Frage nach einer „Judaisierung“ wieder einmal zu einem proiminenten Thema:

Dicht neben der Stadmauer Jerusalems liegt der Friedhof Mamilla; er wird zwar seit etwa 50 Jahren nicht mehr für Bestattungen genutzt, besitzt jedoch aufgrund der dort Bestatteten für alle Muslime auf der Welt eine herausragende Bedeutung. Auf ihm sind neben etlichen Gefährten des sagenumwobenen Feldherrn Saladin viele weitere, hochranginge und geehrte Führer der muslimischen Welt begraben. Neben dem spirituellen kann der historische Wert dieses Friedhofs kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Im Jahr 2008 bereits existierten Pläne seitens Israels Regierung, den Friedhof zumindest in Teilen einzuebnen und die Fläche für profane Neubauten zu nutzen. Damals nahm man nach reiflicher Überlegung und Beratung angesichts des zu erwartenden Proteststurms aus der gesamten, islamischen Welt Abstand davon.

Heute besitzt Israel eine rechtsradikale Regierung – und die will vollendete Tatsachen schaffen und beenden, was Generationen zuvor nicht gelungen war: Zug um Zug sollen alle lebenden, mobilen wie immobilen Hinterlassenschaften der muslimischen Welt aus dem Angesicht Jerusalems getilgt werden; die Musik der Erschießung und Verhaftung von Arabern in und um Israel herum wird nun abgerundet durch die Neuaufnahme des Plans, den Friedhof Mamilla nun endgültig einzuebnen.

Sowohl der Vorfall um die al-Aqsa-Moschee („Felsendom“) auf dem „Tempelberg“, bei welchem erneut etliche extremistische Juden widerrechtlich dort eindrangen und unerlaubterweise jüdische Rituale abhalten wollten und durch massive Gegenwehr der Muslime dort von sich reden machte, als auch dieser um die Entweihung des Friedhofs steht nun auf einer Tagesordnung der Arabischen Liga.

Die Tendenz der extremistischen Führung Israels, durch eine Politik der gezielten Provokation gewaltsam geführte Widerstandskämpfe muslimischer Araber herbeizuführen, nimmt an Intensität und Anzahl deutlich zu. Man müsste schon blind sein, diesen Effekt nicht erkennen zu wollen. Die Beschmutzung und Entweihung muslimischer Heiligtümer soll Bilder von rasenden und gewalttätigen Arabern liefern, auf die dann geschossen werden kann. Auch die nun erneut geplante Einebnung des Friedhofs, die für Historiker von allen Seiten abgelehnt wird.

Meir Margalit, Forscher am Van Leer Institute in Jerusalem und ehemaliger Stadtrat Jerusalems, zeigt bereits Wirkung, weil er nach eigenen Angaben „hinter verschlossenen Türen“ einige besorgte wie besorgniserregende Schreiben europäischer Juristen erhalten habe, die mit großer Dringlichkeit und Intensität von dem Vorhaben Israels abraten.

Dabei sind Teile des bedeutenden Friedhofs bereits in den siebziger Jahren durch den Bau einer Schule judaisiert worden. Vor fünf Jahren, so Margalit, habe man insgeheim unter dem Boden der Schule Probegrabungen vorgenommen und einige menschliche Überreste gefunden – der Fund sollte damals vertuscht werden.

2011 dann hatte der Bau des „Museums für Toleranz“ begonnen und wurde vom Obersten Gericht unter der Annahme genehmigt, man würde vielleicht maximal 50 Gräber auf dem Platz finden – es waren dann tatsächlich 1.500. Arbeiter berichteten, die Ausgrabung sei sehr hektisch verlaufen und große Mengen Leichen seien dabei auseinandergenommen und unterschiedslos in Kisten verpackt worden.

Rafi Greenberg, Professor für Archäologie an der Universität Tel Aviv, führt aus, dass niemand seitens offizieller Stellen Sorgen um die Würde oder die Rechte der Bestatteten hat. Greenberg stellt auch frustriert die natürlich rein rhetorische Frage was wohl geschehen würde, wenn in Europa ein spirituell und historisch wichtiger, jüdischer Friedhof geschleift würde – der Aufschrei in Israel würde den Mond zum Erzittern bringen! Die Regierung würde überschnappen und sofort rhetorisch tief in die beliebte „Ihr seid alle Nazis!“-Kiste greifen.

Sicherlich wäre das ein hervorragendes Druckmittel, Israel von der Vernichtung dieser wichtigen Stätte abzuhalten: man drohe Israel (zunächst) damit, einen hochsensiblen Friedhof, eine wichtige Gedenkstätte zu vernichten – und darauf eine Müllhalde etwa zu errichten.

Schaun mer mal, was dann so passiert.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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