Gaza – ein wichtiger Jahrestag ohne Freudenfeier

Es gibt soviel Jahretage und Jubiläen, die wirkliche Freude bereiten und Anlass geben, dankbar auf die Vergangenheit als Stück eines zurückgelegten Weges zurückzublicken – es gibt aber auch welche, die Stille erfordern, Schmerzen bereiten und Tränen fließen lassen.

Morgen begeht die ganze Welt einen solchen und doppelt tragisch und traurig wird es sein, dass dieser Tag von nicht wirklich vielen Menschen in angemessener Form begangen werden wird. Ich schreibe diesen Text, um wenigstens ein paar dieser Toten nicht noch einmal vom Vergessen töten zu lassen; es gilt, ihre Namen auszurufen, ihrer zu gedenken und , zugegebenermaßen, gerechten Zorn auf die widerwärtige, israelische Staats- und Armeeführung zu entfachen. Das, was Israel „Krieg“ nennt, war nichts anderes als ein Massaker an Wehrlosen, ein gezieltes, absichtsvolles Vernichten von unschuldigem, menschlichem Leben – und damit den Massakern an Juden durch Nazis zumindest in Grundzügen gleich.

Morgen ist der Jahrestag des Todes in Gaza:

Mohammed Anas Mohammed Arafat starb an diesem Tag, gerade einmal 55 Tage alt. Er starb in den Armen seiner Mutter Shirin Jamal, als sie mit ihren vier Kindern vor dem Bombenhagel flüchtete. Ein Granatsplitter hatte ihn am Kopf getroffen, förmlich aufgespießt, wie die Mutter sagt und habe ihm das Gesicht vernichtet.

Suleiman Muhawish al-Hashash starb mit seiner Tochter durch eine Drohnenrakete dicht bei einer Moscheee, als die beiden auf eine Gelegenheit zur Flucht warteten. Dann wurde der Bereich direkt an der Moschee von einer zweiten Rakete getroffen. Als mehrere Leute aus dem Gebäude strömten um zu helfen, schlug eine dritte in die Tür der Moschee ein.  Youssef Ahmed Sheikh al-Eid, Dua Sheikh al-Eid und ihre drei Töchter, keine älter als drei Jahre, starben. Einer der daraufhin eintreffenden Krankenwagen wurde von einer weiteren Drohnenrakete zerstört.

Der Fahrer eines dieser Krankenwagen, Jaber Darabih, erfuhr erst später, dass sein Sohn, der freiwillige Nothelfer Youssef Darabih, unter den Toten war. Die Körper, so Jaber, seien derart entsetzlich verbrannt gewesen, dass sie nur noch aus einem Torso bestanden hätten.

Rasha Abu Taha, zu dem Zeitpunkt schwanger, bereitete gerade das Essen zu, als das Dach ihres Hauses durch Beschuss einstürzte. In aller Hast griff sie nach allen Kindern, die sie erreichen konnte und floh mit ihrer Tochter, einem Neffen und zwei Nichten aus dem zerstörten Haus. Ihre Söhne, der 12 Jahre alte Mohammed, der 10-jährige Youssef und ihr Neffe, der acht Monate alte Rizq, kamen ums Leben. Youssefs Leiche besaß weder Arme, noch einen Kopf und hatte aus nicht mehr bestanden als aus dem unteren Teil seines Körpers.

Der Hintergrund dieses Dauerbombardements durch Israels Streitkräfte war einerseits die „Hannibal Doktrin“ und andererseits nichts als Rache: Die „Hannibal Doktrin“ dreht sich um den Fall, dass ein israelischer Soldat vom „Feind“ lebend gefangen genommen worden ist – oder auch nur sein könnte. Die Armee versucht dann alles in ihrer Macht stehende, sowohl die Entführer, als auch das gesamte Umfeld und den Soldaten selbst zu töten; am besagten Schwarzen Freitag, wie dieser Tag in Gaza genannt wird, bombardierte die Armee deshalb gezielt Krankenwagen, Helfer und Krankenhäuser – die Entführer hätten ja medizinische Hilfe für den vermutet entführten Soldaten, Hadar Goldin, suchen können. Speziell das Krankenhaus al-Najjar Hospital, das in der Nähe lag und Krankenwagen, die dorthin eilten, wurden gezielt unter Feuer genommen. Später erst stellte sich heraus, dass Goldin recht schnell nach seinem Verschwinden bereits vermutlich an den Folgen eines kurz vorher stattgefundenen Schusswechsels mit Widerstandskämpfern gestorben war.

Der Kommandeur der Givati Brigade, Ofer Winter, die für dieses unvorstellbar entsetzliche Bombardement mit insgesamt 2.000 Geschossen verantwortlich zeichnete, bezog sich im Interview gegenüber der israelischen Zeitung „Yedioth Ahronot“ nicht nur auf die „Hannibal Doktrin“, sondern vor allem auf Rache. Seiner Darstellung nach sei die gesamte Zivilbevölkerung Gazas, natürlich einschließlich der Kinder, ein „Partner des Terrors“. Schon die derzeitige Justizministerin Israels, Ayelet Shaked, eine kreischende Extremistin, bezeichnet palästinensische Kinder und deren Mütter öffentlich (!) als Ungeziefer.

Der Schwarze Freitag starrt vor Blut, Gemetzel an Unschuldigen, Zerstörungen. Die oben bezeichneten Informationen wurden von Amnesty International zusammen mit dem Forensic Architecture aus London zusammengetragen; einiges davon wird wohl Material beim Klageverfahren Palästinas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein. Dennoch äußert Amnesty International größte Zweifel daran, dass tatsächlich irgendwann einmal irgendwer für diese entsetzlichen Massaker zur Verantwortung gezogen werden könnte. In der (übersetzten) Ausformulierung von Amnesty International wird die Wendung:

das seit Jahrzehnten bestehende, allgemeine Klima der Straflosigkeit

für die Beobachtung gewählt, dass nur sehr selten und nur einzelne Täter für derartige Verbrechen und perverse, kranke Vernichtungsträume je zur Verantwortung gezogen worden sind.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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