In eigener Sache: Manchmal kommen sie wieder …..

Nicht ganz grundlos halten die weitaus meisten Muslime Träume für viel mehr als bedeutungs- wie substanzlose Schäume des Geistes. Ich selbst bin in dieser Frage (noch immer) mehr als skeptisch – meine nächtlichen Schlafträume sind viel zu cartoonhaft, als dass ich einen Bezug auf mein Leben würde feststellen können.

Vielleicht aber, denke ich seit einiger Zeit, sollte ich bei besonderen Träumen doch etwas genauer hinschauen. Vor allem, wenn sie von konkreten und bekannten Personen und Persönlichkeiten handeln.

Und heute Nacht war es soweit.

Ich träumte, ich säße in unserem Wohnzimmer und würde ein leises Maunzen von der Küchentür her hören, die über einen Wintergarten zu unserem Garten führt. Mit großer Selbstverständlichkeit stand ich auf und öffnete unserer Katze. Hoch zum Gruß erhobenen Schwanzes trat sie ein, ließ sich ganz wie gewohnt kraulen und ging dann durch zu ihrem Lieblingsplätzchen in unserem Wohnzimmer. Dort kringelte sie sich auf viel zu kleiner Fläche ein, purrte noch einmal leise in meine Richtung und schlief ein.

Als ich meiner Frau fast beiläufig erzählte: „Du, die Katze ist wieder da.“, wachte ich auf.

Man muss wissen, dass besagte Katze seit einigen Monaten nicht mehr unter uns weilt.

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Unsere Bella

Merkwürdigerweise hatte ich im Traum ein sehr seltsames Gefühl; es handelte sich nicht etwa um eine der hunderten Gelegenheiten, die sich im täglichen Leben auf diese Weise genauso abgespielt hatten – ich spürte, dass diesmal etwas besonderes damit verbunden war obschon ich auf keinen Fall im Traum hätte wissen oder sagen können: „Bella? Die ist doch tot.“

Uns beide hatte etwas verbunden, was sie sonst mit niemandem teilte. Ich war der einzige Mensch in ihrem Leben, auf dessen Schoß sie sich zusammenkringelte um zu schlafen. Die meisten anderen Menschen duldete sie maximal, manchen allerdings verpasste sie durchaus ganz gern einen Hieb mit der Pfote – und ab und zu sogar mit ausgefahrenen Krallen. Sie war kratzbürstig; meist verschwand sie, wenn wir Besuch bekamen, vollständig und wenn es gewohnter, häufiger Besuch war, dann linste sie um die Ecke, schaute kurz nach und nur sehr selten ließ sie sich streicheln oder überhaupt anfassen.

Eine ganze Zeit trauerte ich regelrecht um sie. Ich vermisste ihren ganz besonderen Blick, in den sie ihre ganze Freude legte, wenn sie mich entdeckte. Es macht mich traurig, ein Stückchen Wurst etwa noch stundenlag offen herumliegen zu sehen, ohne dass sie sich als notorische und unbelehrbare Diebin darüber hermachen würde. Ich vermisse ihre verräterischen Tappser auf der Waschmaschine, die sie auf dem Weg zu Plätzen in der Küche zurückließ, auf die unachtsamerweise schon mal sowas wie ein Zipfelchen Wurst gelegt wurde. Zugegeben: eigentlich trauere ich noch immer.

Sie war keine „normale“ Katze, geschweige denn eine Schmusekatze, und das lag wohl in ihrer Kindheit begründet und die kannten wir nicht. Wir vernahmen im Winter vor etwa fünf Jahren ein sehr feines, sehr klägliches Maunzen aus unserer Garage und mein Sohn fand ein spirgeliges, dünnes und sehr kleines Kätzchen, das sich dort einquartiert hatte und ganz offensichtlich in Not war. Natürlich nahmen wir sie auf. Der hinzugezogene Tierarzt konstatierte eine gute Gesundheit und fand keinen Parasitenbefall; wir haben daraus geschlossen, dass sie ursprünglich einmal aus gut behütetem Hause stammen musste – und dort auf wohl tragischen, unglücklichen Wegen herausgerissen worden war.

Vierzehn lange Tage lang tat das Tierchen kaum etwas anderes als essen und schlafen. Sie vertilgte ungeheure Mengen und legte eine gewisse Scheuheit neben dieser Gier niemals mehr ab. Ich adoptierte sie irgendwie. Obschon meine ganze Familie aus ausgewiesenen Tierfreunden besteht und sie überall ein offenes Herz angetroffen hätte, hatte sie sich beinah ausschließlich nur mir zugewandt. So gern, wie sie im Garten unseren Hund ärgerte (ohne ihm je etwas Böses zu wollen!), so erfreut hüpfte sie mit hohen Känguruhsprüngen auf mich zu, wenn ich sie dort antraf.

Hat dieser Traum nun eine Bedeutung? Wollte mir Bella etwa von dort, wo sie nun ist, eine beruhigende Botschaft senden? Spielt mir mein eigenes Gedächtnis einen Streich – und der Traum ist nichts als ein „Reinigungsvorgang“ des Gehirns, wie uns manche Schlaf- und Traumforscher erklären wollen? Auf mich jedenfalls hatte dieser Traum keineswegs eine beruhigende Wirkung; unsere Bella ist mir durch dies Erlebnis nur wieder in das Bewusstsein geraten und wird den Reflex wieder verstärken, der mir seit Monaten nun weismachen will, dass sie an der Tür steht, mich im Wohnzimmer begrüßt, ihre Streicheleinheiten reklamiert oder auch nur verschlafen anblinzelt.

Ihr Lieblingsplatz ist natürlich noch immer gähnend leer, ihr Spielzeug hängt traurig am Faden, ihr Näpfchen ist längst fortgeräumt – und trotzdem sehe ich sie aus dem Augenwinkel noch immer um die Ecke schleichen, ich höre sie noch immer im Garten und ich vermisse ihren Hüpfer auf meinen Schoß, wenn ich mich zum abendlichen Krimi auf dem Sofa versammele …… und dann umfasst die wütende Echse bleierne Trauer.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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