Tunesien – Tränen sind angebracht.

Die Nachricht, mit der die neue Geschichte Tunesiens ihren Auftakt nahm, hatte mich zutiefst erschüttert. Es war der 17. Dezember 2010, an dem sich Mohammed Bouazizi in Sidi Bouzid auf den Weg machte, um seinem Leben ein entsetzliches Ende zu setzen.

Mohammed war ein guter Mann; er hatte für seine fünf Geschwister gesorgt und sich beinahe nebenbei das Abitur erarbeitet. Tag für Tat fuhr er mit seinem mobilen Gemüseladen durch die Straßen und schuftete – bis er die ständigen Drangsalierungen, Erniedrigungen und Belästigungen durch die Polizei nicht mehr ertragen konnte.

Sein Leben ist nicht ohne Beispiel. Ich selbst traf im Süden Ägyptens Amr. Nach dem frühen Tod seines Bruders nahm er dessen Witwe und deren Töchter völlig selbstverständlich in seinem Haushalt auf und ernährte, versorgte und beschützte sie. Ich bezeuge persönlich, dass Amr von früh morgens oft genug bis früh morgens arbeitet und ich bezeuge durch eigene Anschauung, wieviel Zuneigung, Respekt und Sorge er den Frauen entgegenbrachte – ohne je mehr von ihnen zu wollen als einen sauberen Haushalt und warme Mahlzeiten.

Mohammed Bouazizi war auch ein solcher Amr – und sein Tod entzündete ganz Arabien. Das Feuer seines verbrennenden Körpers leuchtete wie eine Fackel in der Nacht.

Mich haben einige Reisen nach Tunesien geführt und ich freue mich, weite Teile des Landes gesehen haben zu dürfen – mit Ausnahme einiger Landstriche im hohen Norden bin ich bereits kreuz und quer durch Wüsten, Wälder und Oasen geflitzt. Seit Beginn der 80’er Jahre übt Tunesien eine hohe Anziehungskraft auf mich aus; insbesondere beeindruckte mich die vollumfängliche, grundentspannte und ganz besonders bemerkenswert liebenswürdige Gastfreundschaft der Menschen. Ich habe dort Dinge gelernt, Anstöße bekommen und Respekt erworben, die den Rest meines ganzen Lebens ganz entscheidend beeinflusst haben.

Tunesien strotzt nicht nur so vor landschaftlichen Schönheiten, die mir manchmal den Mund vor Staunen trocken machten. Auch die Städte bestechen durch eine wunderschöne Architektur, durch eine gewisse Leichtigkeit im Zusammenleben. Ich werde wohl nie die Augenblicke vergessen, in denen ich das erste Mal durch das Tor ins weiße Kairouan eintrat. Während es etwas von Tausendundeiner Nacht hat, wird es durchspült von Menschen, die aus tausendundeiner Himmelsrichtung dort zusammenströmen. Wie in Tozeur, in Dougga, in Sousse und an vielen Orten mehr, genoss ich es, dies Treiben nicht nur zu beobachten, sondern ein aktiver Teil davon zu werden – mitzuströmen, mitzutreiben, mitzuessen, mitzulachen. Es war dort in Kairouan, an einem ganz bestimmten, nur wenig spektakulären Fleck, wo ich an eine Laterne gelehnt verschnaufte und die arabische Musik hörte, die unweit von mir über einem Fotoladen aus einem alten Lautsprecher auf die Straße schepperte. Und es war ganz genau dieser Moment, dieser Augenblick von nur wenigen Sekunden, als ich diese Musik ganz plötzlich verstand …. als ich in den Harmonien, die ich just in diesem Augenblick endlich als solche erkannte, Land, Leute, Wind, Gerüche, Rhythmen wiederfand.

Tunesien mit all seinen Menschen war einer der weitaus wichtigsten Lehrer für mich und mein ganzes Leben. Ich verdanke dem Land so unvergleichlich viel. Tausendundeine Geschichte habe ich selbst mitgebracht und genieße die Erinnerung an jede einzelne. Ob es der uralte, zahnlose Mann war, der mir in einer winzigen, aber wunderschön gepflegten, mit blauem Fayence belegten Moschee lächelnd Rosenwasser über die Hände gegossen hatte, oder ob es der freundliche, ältere Ingenieur war, der mich zu fassen kriegte und mir erst die Stadt seiner Kindheit und dann sein Herz zeigte. Er zog mich durch das Hamam seiner Kindertage, er stellte mich seinen Freunden vor und für mich öffnete er eine uralte, höchst geschichtsträchtige Moschee, die sonst verschlossen steht.

Nicht nur einmal trank ich ein Glas Minztee auf dem „Place du Caire“ („Kairoplatz“) in Mahdia, der traumhaft schönen, uralten Stadt auf der Halbinsel. Unmittelbar von dort waren vor gut tausend Jahren Muslime mit Kurs auf Ägypten aufgebrochen – um dort Kairo zu gründen, die Stadt, die ich über alles lieben gelernt habe.

Für mich ist Tunesien weit mehr als „nur“ ein Land, viel, viel mehr als nur ein Schriftzug auf einer Landkarte, und vor allem alles andere als eine Reihe luxuriöser Hotels am Meeresstrand. Tunesien besteht für mich nicht aus den paar Schleppern in den Touristenvierteln und auch nicht aus Kellnern. Erst in Tunesien durfte ich vieles von dem Rüstzeug lernen, mit welchem ich mir später die (inneren) Tore zu Ägypten aufstieß.

Deshalb rührt mich die Not der Menschen in Tunesien zutiefst, die mit ihrem Blut und ihren Kampf einen Weg in die Moderne erstritten haben und nun zum Opfer durchgeknallter Extremisten werden. Ich habe natürlich damals Fehler gemacht und es war jedesmal die verblüffende Zugewandtheit der Menschen, die mich höflich wie freundlich auf sie aufmerksam gemacht und mir gezeigt haben, wie man sich in Arabien richtig verhält. Hätte ich all das nicht gewusst, so wären mir Jahre später einiges an Streifzügen durch Ägypten gar nicht möglich gewesen …. einige Situationen hätten sich auf jeden Fall für mich anders entwickelt als sie es getan hatten.

Tunesien ist kein Müllabladeplatz für unsere Überarbeitung, unser Gestresstsein, unsere Intoleranz und Unwissenheit. Auch wenn wir das Recht haben, dort entspannten Urlaub zu machen so verbindet sich das immer mit der Verpflichtung, dem Land zuzuhören, sich zu benehmen, Respekt zu zeigen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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