Israel – stolpert zwischen Zerrissenheit und Verlogenheit umher

Sogar Israelis ist zwischenzeitlich im Nachgang zur Verbrennung des 18-Monate alten Ali Dawabsha, der im Dorf Duma im Westjordanland Opfer eines Brandanschlages extremistischer Siedler geworden war, die schier ungeheure Diskrepanz im eigenen Tun aufgefallen.

Es ist ja auch viel zu augenfällig: israelische Streit- und Polizeikräfte haben in den zurückliegenden zehn Jahren etwa tausende von Babies und Kleinkindern auf zum Teil entsetzliche Art und Weise umgebracht – da bedeutet es nun einmal eine unerträgliche Schieflage, wenn das Land jetzt wegen Ali angeblich „entsetzt“ sein will.

Meron Rapoport, ein israelischer Journalist, schreibt (frei von mir übersetzt):

Es ist schwierig genau festzustellen, was diese emotionale Welle in der jüdischen Öffentlichkeit Israels ausgelöst hat, die weitgehend gleichgültig gegen das palästinensische Leiden gewesen ist. Es ist jedoch recht klar, dass die Brutalität des Brandanschlages auf die Dawabsha-Familie vielen Israelis, die nicht sehen wollten, wonach die israelische Besetzung der Westbank aussieht, einen Spiegel vorhält – und, schlimmer, welche Gefahr dies für das Gefüge der israelischen Demokratie bedeutet.

Rapoport stellt nüchtern fest, dass Israel im Innenverhältnis in der Klemme zwischen mehreren Strömungen sitzt; da sind die Säkularen, die rechtsextremistischen Juden, die ihreseits wiederum in zwei Gruppierungen gespalten sind: die nationalistischen Juden, die im Staat Israel das erste Anzeichen für das Kommen des Messiah sehen, und die Ultra-Orthodoxen (Haredim). Die Haredim akzeptieren das Gebilde Israel nicht als religiös relevant und stellen sich dem Staat aus diesem Grunde entgegen. Israel ist in diesem Spannungsgeflecht verhaftet und findet keinen Weg hinaus. Die Wählerschaft setzt sich eben entsprechend zusammen – und zwingt die Politik, ihr in ihrem zuweilen grotesken Verlangen und Beharren zu folgen.

Aus diesem Grund bezeichneten schon einige Staatsführer Israels bei Gelegenheit Palästinenser und Araber allgemein als „Tiere“, die es auszulöschen gelte. Es ist vollkommen unerheblich, ob ein Benjamin Netanjahu etwa ganz persönlich eine solche, ebenso dumme wie dumpf-aggressive und rassistische Sichtweise teilt – er kann gar nicht anders, wenn er die Staatsführung nicht verlieren will. Netanjahu reagiert in diesem Zusammenhang nicht viel anders als eine Angela Merkel; beide suchen wie eine Zecke mit dem Geruch die Herkunft der größten Nahrungsquelle und lassen sich vom politischen Baum darauf fallen. Sie reagieren reflexhaft, nicht verstandesgemäß und schon mal gar nicht auf Basis von „Werten“ (wenn man einmal nicht von Umfragewerten sprechen will!)

Und deshalb reagiert die israelische Öffentlichkeit ausschließlich nur, weil die Weltöffentlichkeit reagiert und die (arabische) Nachbarschaft wie ganz Palästina durch eine Welle der Empörung vereint wird.

Generell ist der breiten Masse in der israelischen Bevölkerung völlig gleichgültig, welcher Palästinenser und Araber auf welche Weise von Israelis umgebracht wird. Hauptsache, er ist tot. Kein einziges Wort der „Empörung“ durchpulste Israel, als seine Streitkräfte in 2009 sozusagen „großindustriell“ Menschen bei lebendigem Leib verbrannte. Der Brandanschlag von Duma nahm sich gegen den Mord an gut tausend Babies und Kleinkindern noch vergleichsweise human aus, wenn man den Fall zynisch betrachten will. Immerhin wären die Flammen des Brandsatzes wenigstens theoretisch löschbar gewesen – die Brandsätze, die die israelische Armee (aus US-Produktion übrigens!) breitflächig gegen die Zivilbevölkerung des Gaza-Streifens eingesetzt hatte, waren gar nicht löschbar. Hier entstand überhaupt gar kein „Protest“ in Israel, keine „Empörung“ wurde laut – noch nicht einmal gespielte, geheuchelte. Wie könnte man da das aktuelle „Entsetzen“ für mehr halten als unglaublich dreiste Lüge?

Es macht Ali nicht mehr lebendig, dass der Präsident Revlin eine geheuchelte „Erklärung“ abgibt, während die Knesset über Gesetze berät, die Palästinenser noch weiter entrechten und er sogar für seine Heuchelei auch noch von extremistischen Kreisen in Israel gerügt, beleidigt und bedroht wird. Das „öffentliche Gebet“ für die Opfer von Duma in Gush Etzion ist eine Lüge für die Welt – wenn woanders in Israel der Attentäter, der mit einem Maschinengewehr in einer Moschee wütete, in einem wertvollen und wunderschönen Sarkophag mitten in einer Stadt noch wie ein Heiliger und Held verehrt wird.

Israel ertrinkt in seiner selbst herbeigerufenen Radikalität; es hat sich zur Beute der eigenen Hysterie und Übergeschnapptheit gemacht und sucht verzweifelt in seinen religiösen Schriften genau wie dumpf-dumme, extremistische Muslime auch, nach Bestätigungen und Aufforderungen für brutalste Angriffe und die Vermehrung des Leides und der Zerstörungen. Das Land hat sich selbst zum wehrlosen Opfer widerwärtiger Schwachköpfe wie Shlissel gemacht, der in seinem kranken Wahn eine sechzehnjährige Frau auf offener Straße niederstach.

Aber dieser Wahn ist populär in Israel.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Israel, Kultur, Religion, Westjordanland abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.