Nofretete – „Die Schönste ist gekommen!“

Auf einer meiner faszinierendsten Reisen überhaupt traf ich in Luxor auf einen jungen, deutschen Studenten der Ägyptologie, der zusammen mit einer alten Jugendfreundin das erste Mal in seinem Leben das Land seiner Leidenschaft bereiste. Seine vollständige Unberührtheit gegenüber Arabien war bewegend; so sicher er sich im Alten Ägypten auch bewegte, vom realen, modernen und arabischen Land hatte er nicht die geringste Ahnung. Da ich jedoch ein wenig davon mitbrachte, schoben wir fortan gemeinsam durchs Land und ich genoss es,  die zahlreichen Monumente durch ihn fachlich höchst kompetent begleitet zu bekommen.

So standen wir an einem besonders heißen Tag im Tal der Könige. Vor einem kleinen Militärposten befand sich ein Karren mit einem Blechtank mit Trinkwasser und an seinem Auslauf, der tropfte, hatte sich eine Unzahl an wirklich sehr großen Bienen versammelt. Wir würden diese ägyptischen Wildbienen durchwegs mit Hornissen verwechseln.

Wir beide hatten uns auf das, was jetzt auf uns wartete, seit Tagen bereits sehr gefreut und die Teppen hinunter ins Grab des Tut-Ankh-Amun eröffneten uns beiden ein Tor zur seltsamen, faszinierenden und verrückenden Zeit von Amarna. Während unsere Augen die Wände abtasteten, den Original-Sarkophag des jungen Königs endlich selber sehen und uns die Grablegungszeremonie vorstellen konnten, hätten wir im Traum niemals geahnt, dass nur wenige Meter dahinter eine der rätselhaftesten, wohl auch bezauberndsten Frauen der gesamten, altägyptischen Geschichte in ewiger Ruhe liegen könnte.

Der Tag war wirklich schier unerträglich heiß und der Wahnsinn, zu dieser Jahreszeit ins Land zu kommen, hatte vernünftige Gründe: wie ein Ägyptologe vor der Kamera zur gleichen Saison leise stöhnte, bereisen für gewöhnlich nur zwei Klassen Menschen Ägypten zu dieser Zeit – und das sind Ägyptologen und Verrückte. Sebastian und ich waren beides.

Die weltberühmte Büste der Nofretete steht bekanntlich in Berlin – die meiner persönlichen Meinung nach jedoch noch beeindruckendere und wichtigere steht im Ägyptischen Museum in Kairo; es ist ein grob ausgearbeiteter Rohling, der die Peilstriche des Handwerkers in roter Farbe noch immer trägt. Diese Büste zeigt ein wohl naturgetreu und realistisch wiedergegebenes Gesicht der Nofretete und beide Büsten erklären dem kundigen Betrachter viel, was unter der „Amarna-Zeit“ zu verstehen ist.

Ich will hier niemanden mit historischen Details langweilen; entweder man weiß, was diese Zeit ausgemacht hat, welche revolutionären Ideen zumindest zeitweilig vorgeherrscht haben und wie nachhaltig die Kunst beeinflusst worden war, oder man wird das „Phänomen Nofretete“ wohl nie für sich erschließen.

Sie steht für mich für eine wilde Zeit. Für eine des Lichts und der Befreiung aus den dunklen Schreckenskammern der Alten Götter, die das Land jahrhunderte- und jahrtausendlang in ihrem festen Klammergriff gehalten, unterdrückt und mit Angst erfüllt hatten. Ankh-Aton und Nofretete wollten das Land aus diesem Keller heraus führen – und zumindest Nofretete musste hilflos mit ansehen, wie der Nil und die Straßen von Blut ertränkt wurden. Eine Jahre andauernde, blindwütige Raserei wurde angefacht; jeder wurde erschlagen, alles wurde zerstört, was an das Licht des Ankh-Aton erinnerte.

Nicht von ungefähr erreicht uns der Fingerzeig Amarnas gerade heute. Denn wieder war da ein Herrscher, der die Dunkelheit der Gefängnisse durch neue Freiheit durchstrahlen wollte und durch einen ganz entsetzlich brutalen, neuen Diktator hinweggefegt wurde. Und wieder lagen die Straßen Ägyptens voll mit tausenden von Erschlagenen, und wieder trieben Leichen im Nil und wieder weicht das Licht der neuen, wohl Jahrzehnte andauernden Nacht. Schon nennen Ägypter den neuen Herrscher „Pharao“.

Nofretete wird entgegen aller Kanonisierung der altägyptischen Kunst als tatsächlich wunderschöne Frau geschildert und dargestellt, während ihr Ehemann, Ankh-Aton, ein beinah missgestaltetes, weil durch eine schwere Stoffwechselkrankheit gezeichnetes Wesen gewesen sein soll.

Vergessen wir Amarna nicht! Es war Ankh-Aton, der Teile der damals gewaltigsten Tempel der Welt schleifen ließ und aus den bedrohlichen, von fragwürdigen Kulten ins Schwingen gebrachte Höhlen lichtdurchflutete Tempel machte. Hunderte von Altären reckten sich de Sonne entgegen und nichts war dem Auge entzogen oder vor Menschen verhüllt. Thutmosis war ein begnadeter Handwerker und seine Entwürfe und Realisationen zeigen wahre Menschen in ihrer wirklichen Gestalt – und keine idealisierten Formen. Er setzte um, was sein Herrscher Ankh-Aton gesehen hat.

Die Kameradschaften der alten Kulte sahen ihre Pfründe dahingehen, sich um ihre Macht beraubt und sie verstanden, dass sie den Menschen nicht länger ihre dunklen und bösen Alpdrücke aufzwingen konnten – sondern sie einem neuen Licht überlassen mussten, in dem sie selbst keinen Platz mehr fanden.

Heute aber kündet kaum noch etwas von diesem Lichttempel; nach seiner Zerstörung stopfte man dessen Trümmer als Kern in neue, uralte und dunkle Gebäude. Der Traum des Ankh-Aton wurde wie seine neue Hauptstadt Amarna von Wüstensand bedeckt, kaum dass man sein Grab geschlossen hatte. Zehntausende von Toten hatte man damals bei der „Konterrevolution“, die sich insgeheim gegen ihn formiert hatte, zu beklagen – genau wie heute auch. Und damals herrschte nach einigen Irrungen und Wirrungen nach kurzen Intermezzi eines viel zu jungen und viel zu jung verstorbenen Pharaos und eines vergreisten Priesterkönigs ein grausamer, rücksichtsloser und brutaler Soldatenpharao – genau wie heute auch.

„Die Schöne, die Schönste ist gekommen!“

Ich habe die Entdeckung von Königsmumien immer mit einem weinenden und einem lachenden Auge betrachtet; obschon man einen immer extremen Erkenntniszugewinn in den Geschichtswissenschaften registrieren kann, wird dabei doch die Leiche eines Königs gefleddert und häufig irreparabel beschädigt und entehrt. Im Fall der Nofretete aber seufze ich leise und würde mir wünschen, dass sie mit ihrem Körper, mit ihrem Grab noch einmal für uns alle neu ersteht – um uns an die Geschichte Amarnas zu erinnern und traurig darüber zu machen, was schon vor Jahrtausenden gewagt und verloren worden war.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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