Der Irak ist Atlantis

Qantara.de hat wieder einmal ein hochinteressantes Interview geführt und diesmal mit Wilfried Buchta, einem Islamwissenschaftler, der jahrelang in Baghdad für die UN gearbeitet hat, über den Irak gesprochen.

Im vorwegzunehmenden Resumé bleibt nur noch festzustellen, dass ein „Irak“ im Grunde genommen gar nicht mehr existiert; das, was heute noch als Gebiet und Region so bezeichnet wird, hat nur noch aktuelle Tragkraft als wenn man über Deutschland vom „Römischen Reich“ sprechen wollte. Der Irak ist de facto untergegangen.

Wenn beim Untergang von Atlantis riesige Meereswellen gegen Tempel und Häuser krachten, so spielen in ebenso schrecklicher wie rascher Abfolge Autobomben und andere, tödliche Feuerüberfälle seit nunmehr Jahren die furchtbare Begleitmusik des Untergangs.

Dies Schicksal ist keins …. es ist nur die Geschichte verfehlter, falscher, kurzsichtiger, eifersüchtiger und machtgieriger Politik Einzelner und erzählt nicht von „humanitären Sorgen“ oder gar von Politik, sondern letztlich nur die Geschichte blinden Machtstrebens und wirtschaftlicher Gier. Heute ist kaum noch nachvollziehbar, wo der eigentliche Sündenfall gegen den Irak überhaupt begonnen hatte – ihn im US-Bombardement durch G.W. Bush zu finden zu glauben, ist ganz erheblich zu kurz gesprungen.  Auch wenn sich die Menschen weltweit achselzuckend fortgedreht und sich schnell wieder gleichgültig ihren alltäglichen Problem(chen)  gewidmet hatten ist kaum jemandem verborgen geblieben, dass der US-Angriff auf den Irak des Saddam Hussein nichts als eine Folge übel wie dilettantisch zusammengelogener „Begründungen“ war, die letztlich nur die nackte Ölgier des Westens ein wenig kaschieren sollten.

Die militärische Zertretung des Irak erfolgte nur, weil Saddam Hussein drohte, das irakische Öl dem exklusiven Zugriff der USA zu entziehen; erst als er sich einschlägig äußerte, wurden plötzlich „Berichte“ über Menschenrechtsverletzungen und angeblicher Massenvernichtungswaffen in die Öffentlichkeit lanciert. Einige Jahre zuvor hatten sich die USA nicht gescheut, den Angriff des Irak auf den Iran zu unterstützen und dem (abtrünnigen!) Iran einen jahrelangen, quälend verlustreichen Krieg aufzuzwingen – das war die Bestrafung für das Hinwegfegen des Schahs Reza Pahlewi.

Als der Irak in Trümmern lag, sanierten die USA sehr eilig die Öfördereinrichtungen und kümmerten sich fortan kaum bis gar nicht mehr um die politische Stabilisierung oder, vordringlicher noch, um die Wiedererrichtung der zerstörten Infrastruktur. So wurde der Irak zur Beute des extremistischen Shiiten Al-Maliki, der die Ressentiments der Shiiten im Irak für sich ausnutzte und Sunniten auszugrenzen, zum Schluss gar ausrzurotten begann. In der Folge flohen Zehn- und Hunderttausende Sunniten panikartig vor den Vernichtungsaktionen Al-Malikis; es gab kaum halblaute Mahnungen und Warnungen an den shiitischen Premier gegen die Vernichtungen ganzer sunnitischer Ortschaften, die zum Sammelbecken der Geflohenen geworden waren und sich nun anschickten, sich untereinander gegen Baghdad zu solidarisieren. Jahrelang wütete Al-Maliki wie ein Wahnsinniger und schickte sein Militär gegen Sunniten.

Frage: Hat Maliki durch die Ausgrenzung der Sunniten also dem IS letztlich den Boden bereitet?

Buchta: Die Sunniten hatten niemanden mehr, der mit machtvoller Stimme etwas zu ihren Gunsten verändern konnte. Die Niederschlagung der Proteste hat den Sunniten den letzten Rest Hoffnung genommen, mit der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad einen Ausgleich zu erreichen. Dies hat zur Radikalisierung und Militarisierung der Protestbewegung geführt und viele Sunniten dem IS in die Arme getrieben. Der IS hat die angestaute Wut der Sunniten genutzt, ihre Protestbewegung gekapert und in seine Richtung gelegt.

In dieses Vakuum stieß der „Islamische Staat“ vor; er rekrutierte viele der alten und erfahrenen Militärs, die zusammen mit der sunnitisch geprägten Regierung Husseins regelrecht davongejagt worden waren. Zudem bewaffnete sich die Terrorbande höchst bequem aus leicht erreichbaren Waffenlägern der USA und ihrer Verbündeten. Noch Jahre nach dem Krieg standen wahrhaft gigantische Waffenläger offen erreichbar und kaum bewacht, mitunter war an Gewehre leichter zu kommen als an Brot.

Buchta: Infolge der Ausgrenzung der sunnitischen Politiker hat sich 2011 eine Protestbewegung in den sunnitischen Provinzen Diyala, Salahaddin, Ninawa und Anbar gebildet. Die Protestführer hatten Initiativen für eine Volksbefragung gestartet, um ihre jeweiligen Provinzen zu autonomen Regionen umzuwandeln – eine Möglichkeit, die in der irakischen Verfassung von 2005 explizit vorgesehen ist. Wären diese Referenden abgehalten worden, hätte sich ein Großteil der Sunniten dafür entschieden. Das wollte Maliki natürlich nicht, weshalb er mit Gewalt gegen die Protestbewegung vorgegangen ist.

Mit Ausnahme eines harten Kerns stehen nicht wirklich viele Mitglieder der Militär- und Dorfgemeinschaften des „IS“ zu allen extremen Zielen der Organisation. Die weitaus meisten schätzen vor allem den militärischen Schutz, den der „IS“ gegen die irakischen Shiiten bietet. Vor allem in den letzten Monaten verstärkt sich dieser Effekt nochmals: die Erfahrung zeigt, dass das shiitische Militär Baghdads mindestens ebenso grausam wütet, verstümmelt, verbrennt, zerhackt und köpft wie der „IS“ selbst. Für viele ist es eine gleich doppelte Frage des schieren Überlebens, beim ersten Auftauchen eines „IS“ möglichst umgehend die Waffen zu strecken, sich ihm unterzuordnen oder sofort zu fliehen. Tun sie nichts davon, betrachtet sie der „IS“ als Feind und köpft sie. Fliehen sie, werden sie zur Beute der irakischen Armee – und die köpft sie. Daraus resultiert, dass der „IS“ häufig genug gar keine Angriffe führen muss. Er taucht am Horizont auf, wartet ein wenig, marschiert ein und erhält sofort alle dort verfügbaren Waffen und Kämpfer die einst angeblich einmal angetreten waren, ihre Ortschaft gegen den „IS“ verteidigen zu sollen.

Auf diese Weise fallen dem „IS“ bis heute ungeheure, ultramoderne Waffensysteme in die Hände; meist stammen diese aus US-Produktion. Selbst Kampfjäger soll der „IS“ besitzen, dazu Panzer, Granatwerfer in großer Stückzahl und modernster Bauart. Da viele „IS“-Kämpfer und -Führer dereinst Soldaten in einem Irak waren, der durch die USA ausgerüstet und ausgebildet war, beherrschen sie diese Systeme auch. Nicht von ungefähr hat die Stadt Baghdad eine sehr ernstzunehmende Angst vor dem Kontingent schwerer und schwerster Artillerie in Händen des „IS“, mit der die Stadt aus unerreichbarer Distanz unter Feuer genommen werden kann.

Analysten und Beobachter attestieren dem „IS“ ein respektables Durchhaltevermögen. Er schöpft aus reichhaltigem Resourcenangebot, hat gut 30 Prozent der gesamten, landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Iraks unter Kontrolle, verfügt über ein ausgebautes Staatswesen nebst aller dazu notwendiger Infrastruktur. Dem „IS“ kann die Etablierung eines selbständigen, überlebensfähigen Staats gelingen – auch wenn angenommen wird, dass sein Lebensstandard ein wenig sinken wird. Die internationale Finanzwirtschaft hat ihn längst als respektablen Partner anerkannt und betreibt fortwährend routiniert Geschäfte im großen Stil. Damit global agierende Großbanken in der Weltöffentlichkeit keinen Schaden nehmen, werden Transaktionen derzeit noch über eine Anzahl kleinerer Korrespondenzbanken ein wenig verschleiert, allerdings in größerem Stil durchgeführt. Täglich werden Millionen von Dollar transferiert.

Pecunia non olet.

Bedingt durch die internationale, beinah liebenswürdig zu nennende Hilfe wird dem „IS“ der Steigbügel zu einer stabilisierten Zukunft gehalten. Das bisschen Geplänkel mithilfe der wenigen, eher lustlosen und nur sehr wenig effektiven Luftangriffe kann dem „IS“ nicht wirklich Schaden zufügen, sondern wirkt direkt als Anwerbemaßnahme für die Terroristen. Je mehr Ortschaften von der shiitischen Armee Baghdads eingenommen und sunnitische Bewohner von ihr zu Tode gequält werden, umso mehr werden sich unter dem schwarzen Banner versammeln.

Frage: Gibt es keine positiven Ausblicke zum Abschluss?

Buchta: Nein. Man muss realistisch sein. Die Amerikaner haben ihren Anspruch aufgegeben, als allein bestimmende Ordnungsmacht aufzutreten. Sie haben aus dem Irak-Desaster die Lehre gezogen, dass sie dort nichts gewinnen und nur verlieren können. Der IS ist durch Luftschläge nicht zu besiegen, doch werden die USA einen Teufel tun, wieder hunderttausende Soldaten in den Irak zu schicken. Lieber lassen sie kurdische Peschmerga und schiitische Milizionäre kämpfen, und sei es unter Anleitung der iranischen Revolutionsgarden, um so Soldatenleben und Kosten auf eigener Seite zu sparen.

In der Folge hat der „Irak“ traurigerweise definitiv aufgehört zu existieren. Er scheint mit großer Sicherheit auch nicht mehr zu reanimieren zu sein. Entfernt erinnert die Situation an den Beginn des letzten Jahrhunderts. Da hatten sich England, Deutschland und dann auch die USA über den Nahen Osten hergemacht, willkürlich „Könige“ über „Länder“ gesetzt, die vorher nie existiert hatten, um sich höchst lukrativer Öllieferverträge zu bemächtigen, die sie mit von ihnen selbst erfundenen „Regierungen“ verhandelten. Damals zog der Westen mit Linealen Grenzen und formulierte Hoheitsgebiete, die keinerlei historische Gründe hatten und nichts als reine Fantasiegebilde waren – so wie Kuwait etwa, das nie und nirgendwo existiert hatte, bevor die Briten es erfunden hatten. So wie Saudi-Arabien, also das „Arabien der Saud“ und die Saud waren ein nachrangiger, eher unbedeutender Stamm von Wüstennomaden, der ein oder zweimal gegen das Osmanische Reich revoltiert und furchtbar in diesen Aufständen verloren hatte. Es waren die Engländer, die die Nomaden aus dem Kamelmist gezogen und auf einen Thron gesetzt hatten – weil dieser Thron auf Unmengen von Erdöl stand.

So entsteht nun irgendetwas Neues, wo vorher einmal ein „Irak“ existiert hatte. Wir werden wie einst die Briten einen neuen Namen dafür (er-) finden müssen. Wie wärs diesmal mit „Bushphrat“? Der Irak aber, der wenigstens noch eine Jahrtausende währende, überaus stolze Geschichte hat und zu Recht als einer der wenigen Nabel aller menschlichen Hochkulturen bekannt ist, trägt nun den Namen „Atlantis“ ehrenhalber und liegt, durch den Westen zugrundegerichtet, als Trümmerhaufen auf dem Meersgrund der Menschheitsgeschichte.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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