Flüchtlinge: Jetzt mal ganz locker bleiben – und reisen!

Eines der Vermächtnisse meines verstorbenen Vaters war sein wichtigstes: als ich gerade zehn Jahre alt war, schaute er mich an und sagte:

Junge Leute müssen reisen.

…. und in den folgenden Jahren flitzte ich durch die weitesten Teile Europas. Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, zehre ich noch immer von den tausenden großer, staunenswerter, lustiger, faszinierender Erlebnisse und amüsiere mich bis heute über die Augenblicke, in denen all meine damalige, kleine Erfahrung mit ganz anderen Lebensweisen und Kulturkreisen kollidierte. Ich entwickelte einen ganz bestimmten Swing, wenn ich irgendwo aus einem Bus oder Flugzeug krabbelte und wusste immer und jedes einzelne Mal, dass da wieder ein ganzer Blumenstrauß an wiederum völlig neuen Eindrücken auf mich wartete.

Ich habe das Lernen gelernt – und mir Vorurteile tatsächlich überaus gründlich abgewöhnt. Zugegeben: es waren natürlich auch traurige und belastende Augenblicke darunter. In England beispielsweise begegnete mir ein alter Mann im Rollstuhl, von dem nicht viel mehr als ein Torso, ein Kopf und ein Arm übrig war und der mich ohne jede Begrüßung eisig anschnarrte, wo mein Vater im Krieg gekämpft habe. Er hatte den weitaus größten Teil seiner Gliedmaßen und seine gesamte Familie im entsetzlichen Luftangriff des nationalsozialistischen Deutschlands in Coventry verloren. In Frankreich, in Paris, an einem nicht mehr zu übertreffen schönen Septemberabend auf dem Eiffelturm begegnete meiner Clique und mir ein nervöser Mann, der überaus hektisch seine zwei Söhne aufklaubte und fluchtartig dem Lift zustrebte. Ich sprach ihn an und unter strömenden Tränen, immer wieder unterbrochen von Schluchzen, bat er mich vielmals um Verzeihung – da er aber beinahe seine gesamte Verwandtschaft in einem deutschen Konzentrationslager verloren habe, könne er die Anwesenheit von Deutschen nicht mehr ertragen. Er wisse, dass das falsch sei, sagte er noch, als sich die Lifttür zu schließen begann und mich ratlos und betroffen zurückließ.

Unvergessen aber auch die Überfahrt nach England; das Wetter entwickelte sich überaus stürmisch und die riesige Fähre begann zu stampfen, zu rollen und nur ein paar Verrückte versammelten sich ganz vorn im Schiff und konnte das radikale Auf und Ab in der Gischt und dem harten Regen genießen. Ein Trupp junger Engländer erkannte uns als Deutsche und sang provozierend laut in unsere Richtung die englische Nationalhymne. Sie waren leicht angetrunken und auf Streit aus. Kurzerhand stimmten wir ein und sangen mit. Sie waren durchwegs verblüfft und noch ehe wir die Küste erreicht hatten, feierten wir gemeinsam was das Zeug hielt.

Als ich eines Tages in einem normalen Nahverkehrsbus in Kairo saß, bemerkten zahlreiche Fahrgäste, dass seit geraumer Zeit zwei junge Männer hinter dem Bus herhasteten. Sie hatten ganz offensichtlich große Mühe, dem Bus zu folgen und als sie ihn endlich erreichten und hineinsprangen, drängten sie durch den Gang vor zu einer Engländerin, die mit mir als einzigem Nichtägypter im Bus saß. Völlig außer Atem überreichten sie ihr zwei Plastiktüten, die sie an der Haltestelle beim Einsteigen vergessen hatte. Dann fragte ich eines Tages meinen ägyptischen Freund am letzten Tag des Ramadan in Kairo beim Fastenbrechen, was das wohl für ein Gericht sein mochte, das einem alten Mann serviert wurde, der neben mir saß. Der bemerkte dies, stand auf, nahm seinen Teller und stellte ihn vor mich hin. Er beharrte eisern darauf, dass ich seine Mahlzeit haben solle und es kostete ein ziemliches Palaver ihn davon zu überzeugen, dass ich selbst bereits bestellt hatte und nur wissen wollte, was er da wohl bekommen hatte.

Unvergessen der uralte Kutscher im tunesischen Tozeur, direkt am Rande der Sahara gelegen. Wir unterhielten uns prächtig auf dem Weg durch die Oase und plötzlich schaute er mich ernst an und sagte, dass er es absolut nicht in Ordnung fände, dass er und die Seinen europäische Sprachen lernen müssten und wir Europäer es daher so bequem in seiner Heimat hätten. Zur allgemeinen Belustigung oktroyierte er mir einen Crashkurs im Arabischen und machte dabei überaus amüsante „Männekes“. Als ich seine Kutsche verließ und ein ungeplant hohes Bakshish überreichte, waren wir beide um eine ungemein schöne Erfahrung reicher. Ich zehre von diesen Brocken Arabisch bis heute.

Die ganze Welt ist mir ein Tisch geworden – und alle, die an ihn herantreten, stellen einen Teller voll mit ihrer Kultur darauf. Es kann ein so lustiges und wertvolles Miteinander sein, wenn jeder von jedem Teller pickt, was ihm erstrebenswert vorkommt. Wenn sich jeder von jedem etwas empfehlen lässt, versucht, probiert und genießt. Nicht alles muss mir schmecken, nicht alles, was auf meinem Teller liegt, den ich auf den Tisch stelle, muss jedem schmecken. Aber wie schön kann das sein! Eine Gabel voll englischem „Shepherds Pie“ hier, eine ägyptische Dattel da, ein anständiger, dicker und saftiger Burger dort.

Mir ist in meinem Leben noch kein einziger Mensch begegnet, mit dem ich gar nichts hätte teilen wollen oder können. Bisher hat mir noch immer jede einzelne Begegnung etwas mitgegeben, mich bereichert und mich grundsätzlich immer ein wenig klüger, erfahrener, nachdenklicher und dankbarer zurückgelassen als ich vorher gewesen war.

Für mich haben wir Europäer die ganz einmalige Gelegenheit, als Botschafter einer guten und starken Kultur hunderttausenden von Menschen unsere „Teller“ und Teller zu präsentieren und uns darauf freuen zu können, von ihren essen zu dürfen. Es muss eine der Stärken unserer, europäischen Kultur werden, angstfrei auf alle zugehen zu können, die in ihrer Not zu uns kommen. Wir haben hier gar nichts zu verlieren – wir hier können nur gewinnen. Wir sollten nicht belehren, wir sollten lernen.

Aber dazu müssen wir Erfahrungen sammeln und unsere Ängste, die ausschließlich nur durch mangelndes Wissen entstehen, durch Reisen besiegen. Der Syrer, der es bis zu uns geschafft hat, kommt ja nicht etwa, weil es ihm zu warm in seiner Heimat ist. Er hat sein nacktes Leben gerettet und fürchtet sich vor uns – weil er weiß, dass auch wir es sind, die seinen Feinden Waffen liefern. Wer im Sauerland seine Wälder und Bäche liebt, seine Familie und seine Arbeit hat, der würde wohl kaum freiwillig in die Wüste ziehen. Deshalb kommen die Flüchtlinge ebenfalls und ihrerseits nicht etwa zu uns, weil alles hier so fürchterlich toll für sie ist. Sie können uns kein Geld geben – aber wir können etwas anderes von ihnen nehmen: ihre Rezepte, ihre Weisheiten, ihr Lachen und ihre Dankbarkeit.

Ich muss keine Kultur „verteidigen“. Dann das, was verteidigt werden muss, ist schwach und droht, ohne Kampf unterzugehen. Meine Kultur ist nicht schwach und sie kann gar nicht untergehen. Wie könnte das auch passieren? Unsere Wälder hier sind schön und sie werden es immer sein. Unsere Gebirgs-, Küsten- und flachen Landschaften haben oft Bilderbuchcharakter, viele unserer Speisen sind wundervoll und unverwechselbar und die meisten unserer Feste lustig und entspannt. Sie werden all das bleiben – und wenn zehnmal soviele Flüchtlinge zu uns kommen, wird davon keine Eiche sterben, kein Berg zusammenbrechen und keine Küstenstadt verwüstet.

Wenn doch alles so toll ist, was wir hier haben, warum zeigen und geben wir es nicht gern und lassen andere daran teilhaben? Kann unsere Lebensweise etwa nicht überzeugen? Denken wir etwa insgeheim, dass das, was wir haben, denken, glauben und sind, krank, alt, schwach, niederträchtig und bösartig ist? Oder wollen wir etwa auf Kosten jeder Menschlichkeit jeden verfluchten Pfennig, den wir zusammengekratzt haben, selbst verzehren? Was ist denn kaputtgegangen, seitdem der Döner seinen Siegeszug angetreten hat? Was ist untergegangen, nachdem die gefühlt zehntausendste Shisha-Bar eröffnet hat? Wer ist durch die vielen Bauchtanzseminare zugrundegegangen, die es mittlerweile gibt?

Es ist doch noch soviel zu entdecken – wir haben keine Ahnung von asiatischer, arabischer Poesie etwa. Warum denn wohl nicht? Was passiert uns denn Schreckliches, wenn wir uns damit beschäftigen, während wir in der bequemen Position sind (oder uns fühlen könnten), dass all das zu uns kommt, uns angeboten wird, uns zur Verfügung steht?

Wollen wir uns nicht an den großen Tisch der Welt setzen und unsere Teller daraufstellen?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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