Ägypten – Armee knallt achtjähriges Mädchen ab

Safa Ibrahim Hassan, acht Jahre alt, fiel einem tatsächlich tragischen Zwischenfall zum Opfer. Um diesen Zwischenfall richtig verstehen zu können, der ihr einen tödlichen Bauchschuss eintrug, muss man den Umstand der vielen Schlachtfelder Ägyptens verstehen.

Das erste Schlachtfeld richtet sich gegen die Muslimbruderschaft

Dem Diktator Al-Sisi  ist es gelungen, die weltweite Wahrnehmung der Muslimbruderschaft als „Terrororganisation“ zu manifestieren. Obschon es für diese Charakterisierung keine Beweise gibt, schließen sich ihr international immer mehr Länder stillschweigend oder gar aktiv an. Völlig ignoriert wird zwischenzeitlich die Tatsache, dass alle Freiheiten, die der legitime Präsident, Dr. Mohammed Mursi in Ägypten installiert hatte, längst nicht nur revidiert, sondern sogar von einem besonders brutalen und erzkonservativen Islamisms hinweggefegt worden sind. So übernimmt der italienische Ministerpräsident, dessen Land vor Kurzem erst einen höchst lukrativen Rüstungsauftrag aus Kairo ergattern konnte, die Darstellungen des Diktators völlig unkritisch. Dergestalt von internationaler Kritik einigermaßen befreit, knallen seine Polizisten Muslimbrüder dort ab, wo sie sie erreichen können. Sie dringen, wie in der Oase Fayum vor einigen Wochen geschehen, nach der Vorgehensweise des gestürzten Mubarak einfach in Wohnhäuser ein und eröffnen das Feuer. Einige Attentate lässt der Diktator der Muslimbruderschaft zuschreiben – obschon es Bekennerschreiben anderer Terrororganisationen dazu gibt.

Das zweite Schlachtfeld richtet sich gegen den „Islamischen Staat“

Es konnte gar nicht anders kommen: bedingt durch die geographische Nachbarschaft musste sich der „IS“ förmlich gegen den Diktator wenden. Die politische Gelegenheit ist seinem eigentlichen Einflussgebiet, dem Irak, zu ähnlich und der Erfolg dort kann sehr einfach auf Ägypten kopiert werden: da sich der Diktator gegen die Muslimbruderschaft, die in Ägypten noch immer tief verwurzelt ist, mit äußerster Gewalt wendet, steht dem „IS“ eine sehr große Anzahl von Verzweifelten in Ägypten zur Verfügung, die sich mit nur noch wenig Überredung unter seiner Fahne versammeln. Die Beschaffung, Konstruktion und Platzierung von Bomben ist in einem solchen Ägypten beinahe ein Kinderspiel; da kann nicht verwundern, dass einigen militanten Zellen in Ägypten die Entscheidung, sich dem „IS“ anzuschließen, sehr leicht fiel.

Das dritte Schlachtfeld richtet sich gegen Ägypten

Die neuen Gesetze „gegen Terrorismus“ greifen zusammen mit den bereits vor zwei Jahren schon eingesetzten Gesetzen zur Einschränkung des Demonstrationsrechts sehr viel weiter als es die historischen „Notstandsgesetze“ eines Hosni Mubaraks jemals getan hatten. Heute, so schildern es ambitionierte Experten ein, sei es bereits als „Selbstmordidee“ zu werten, wenn man sich unbewaffnet zu einer schweigenden Sitzdemonstration gesellt. Die neuen „Anti-Terrorismusgesetze“ bedrohen mit Strafen bis hin zum Todesurteil, wenn die Presse andere als von der Regierung vorgefertigte Pressemeldungen veröffentlicht. Erst unter diesem Diktator können TV-Moderatoren mit Kamerateams in Saunen einbrechen und Männer unter dem meist völlig idiotischen Vorwurf homosexueller Handlungen von der Polizei abführen und zunächst öffentlich und dann durch Gerichte aburteilen lassen. Regierungskritische Gespräche unter Privatleuten nicht zur Anzeige zu bringen, macht sofort der Mittäterschaft verdächtig – was ebenso zu Verhören unter Folter und Gefängnisstrafe führt.

Das vierte Schlachtfeld richtet sich gegen Flüchtlinge

Bedingt durch den Umstand, dass vor ca. zwei Monaten mehrere, vor der ägyptischen Küste kreuzenden Militärschiffe von Terroristen des „IS“ unter schweres Feuer genommen und zumindest eines gar von einer gelenkten Rakete versenkt worden war, reagiert die ägyptische Kriegsmarine mittlerweile hysterisch auf Wasserfahrzeuge, die sie nicht sofort identifizieren können – und nehmen diese sehr schnell unter Feuer. Wie in der arabischen (in keiner westlichen!) Presse zu lesen ist, sind auf diese Weise bereits mehrere Flüchtlingsschiffe versenkt und ihre Besatzung zu Tode gebracht worden. Aufgrund akuter Bedrohung der Überlebenden, die nach Klärung des Vorfalls durch ägytische Behörden freigelassen werden, äußern sich diese gar nicht. Täten sie dies, befänden sie sich sofort in Lebensgefahr und riskieren langjährige, nicht allzu selten tödliche Haftstrafen. Aus diesem Grunde verweigerten die Begleiter des zu Tode gekommenen Mädchens Safa Ibrahim Hassan (und selbst ihre Eltern) jedwede Aussage – nur unter Zusicherung völliger Anonymität bestritten Überlebende des Feuerüberfalls die Darstellung der ägyptischen Marine, es habe angeblich ein Feuerwechsel stattgefunden, auf das Heftigste. Niemand, sagten sie aus (und alles andere wäre maximal unglaubwürdig!) an Bord sei bewaffnet gewesen.

Angesichts dieser vielen Schlachtfelder muss manche Situation in Ägypten ganz zwangsläufig bedrohlich oder tödlich enden; Soldaten und Polizisten können kaum noch unterscheiden, aus welchem Grunde sie nun genau Gruppen von Menschen oder Einzelpersonen unter Feuer nehmen sollen. Jeder Willkür ist Tür und Tor geöffnet, für jede Erschießung findet sich im Handumdrehen eine von offiziellen Stellen getragene „Begründung“. Die Justiz ist durch den Diktator von unangenehmen und peinlichen Fesseln wie einer etwaigen Notwendigkeit, für irgendwelche, erhobenen Vorwürfe Beweise verlangen und diese prüfen zu müssen, befreit. Richter entscheiden nach Gusto und führen ihre Verhandlungen auch so; erst kürzlich wurde ein Telefonat zwischen einem Richter und einer Angeklagten im Mitschnitt veröffentlicht, in welcher der unglücklichen Frau wortwörtlich eine „wohlwollende“ Behandlung vor Gericht garantiert würde, wenn sie sich dafür sexuell erkenntlich zeigen würde.

Safa Ibrahim Hassan, das tote Mädchen, erfüllte keine einzige der vielen Möglichkeiten, nach denen man heute in Ägypten „legal“ auf offener Straße getötet werden kann – und deshalb ist ihr Tod, so wie der vieler erschossener Flüchtlinge, „nur ein tragischer Unglücksfall“.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Ägypten, Gesellschaft, Politik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.