Kapital hat durchaus islamische Charakterzüge!

Seit nunmehr vielen Jahren treibt mich eine faszinierende Beobachtung um:

Ich bin seit mehr als drei Jahrzehnten Mitarbeiter in einem international tätigen Großkonzern; die Firma betreibt eine Vielzahl an Produktionsstandorten in der ganzen Welt, sie verfügt über einen geradezu weisen Vorstand, alle Kollegen erhalten ein stattliches, geradezu überdimensionales Entgelt, verglichen mit anderen Firmen und Branchen. Die Ertragslage stolpert von einem Rekord zum nächsten, die Auslastung der Anlagen ist mit Ausnahme ganz weniger Endprodukte hervorragend. Das ist die Ausgangslage.

Wenn ich bei Besprechungen, sonstigen Terminen oder auch nur in unserer Kantine Kollegen treffe, dann bin ich heute mehr denn je immer wieder äußerst verblüfft: immer sind solche Versammlungsorte Bilderbücher ethnischer Vielfalt. Manche Namensschilder sind für Europäer schlicht nicht mehr lesbar, viele Gesichter verraten Herkünfte, die sich über die ganze Welt verteilen und von einem Erdpol zum anderen spannen. Da kauft ein Türke bei einer Philippina sein morgendliches Brötchen und bezahlt bei einer deutschen Kassiererin, da diskutiert ein Nigerianer mit einer Dame aus Brasilien und ein aus Syrien stammender Wissenschaftler bespricht Eigenschaften eines Produkts mit einem Israeli. Und alle zusammen sitzen in einem Bus, machen eine Besichtigungstour durch unseren Produktionsstandort und werden in den Betrieben auf das Zuvorkommendste begrüßt, informiert und auch bewirtet.

Ressentiments von irgendjemanden gegen irgendjemanden existieren nicht.

Unterschiedliche Behandlungen von Besuchern und Kollegen existieren nicht.

Eher im Gegenteil: aufgrund strikter Weisung durch unseren Vorstand ist solches Verhalten als unappetitlich, unerwünscht definiert und da, wo es denn vereinzelt vorkommt, reagiert der Konzern äußerst entschieden und sofort mit Abmahnungen oder gar Entlassungen. Man kann diese Haltung als ausformulierte Handlungsdoktrin betrachten, die alle Kollegen bindet, keine einzige Ausnahme zulässt und nicht das geringste Verständnis für Zuwiderhandlungen aufweist. Zugegeben: mein innerstes Wesen ist nicht kapitalistisch, dieser Wesenszug aber macht mir meinen Arbeitgeber höchst sympathisch; ich genieße die zwischenmenschliche und gemeinschaftliche Ruhe, die sich in gegenseitigem Respekt und zumeist heiterer Entspannung ausdrückt.

Wir sind ein Ruhepol.

So konnte sich dieser Konzern unter anderem auch gerade aufgrund dieser Haltung zu einem Fettauge auf der Suppe der Gesellschaft(en) ausbilden. Obschon es natürlich Mitbestimmung gibt und alle Mitarbeiter zur Beteiligung an höheren Entscheidungsfindungen immer und immer wieder aufgerufen sind, ist unser Konzern selbstverständlich alles andere als demokratisch. Würde ich einem Kollegen auf meiner, einer ungefähr mittleren Ebene die Frage stellen, wie wir demokratischer werden könnten, würde er zumindest insgeheim an meinem Verstand zweifeln.

Keine Frage: der Handlungszweck eines Konzerns ist nicht auf Fragen wie Selbstverwirklichung oder freie Meinungsäußerung ausgerichtet. Er hat seit Jahrzehnten verstanden, dass das Privatleben seiner Mitarbeiter so zufriedenstellend ausgerichtet werden muss, um Kapazitäten für das gemeinschaftliche Handeln in der Arbeitszeit zu schaffen – deshalb mischt sich der Konzern selbstverständlich nicht in Privatangelegenheiten ein. Allerdings stellt er eine Vielzahl an Freizeitaktivitäten zur Verfügung und da reicht der Rahmen von eigenen Fußballplätzen über organisierte Konzertbesuche bis hin zum Gesangverein.

Unser Handlungszweck ist auf die Vermehrung von Kapital ausgerichtet – dies Ziel ist glasklar, unmissverständlich formuliert und wird fokussiert verfolgt. Natürlich.

Jenseits wohlfeiler Meckerei, die keiner menschlichen Gesellschaft fremd ist, wird man kaum einen einzigen Mitarbeiter unseres Konzerns auf der ganzen Welt antreffen, der fundierte, harte und böse Kritik an seinem Arbeitgeber äußert, äußern könnte – oder auch nur wollte. Natürlich ist mal diese Entscheidung eines Betriebsleiters vielleicht fragwürdig, mal jenes Statement eines Abteilungsleiters kritikwürdig, das Große und Ganze aber findet mehr oder weniger ausnahmslos begeisterte Zustimmung. Wir, eine Gemeinschaft einiger zehntausend Kollegen, kennen durchaus Stolz und Loyalität, wir akzeptieren die Idee des Gewinnstrebens genauso wie den Befehl, grundsätzlich immer, überall und konsequent jeden Menschen zu respektieren, zu achten und sogar vor Angriffen anderer zu beschützen.

Es gibt sogar einen wirklich groß und überall in allen Standorten plakatierten Slogan dazu – wenn ich diesen hier nenne, enttarne ich meinen Arbeitgeber sofort, so bekannt ist er – und das will ich nicht; selbst dann nicht, wenn dies auch eine tolle Werbung für den Konzern wäre.

Wo sehe ich die Schnittmenge zwischen Kapital und Islam?

Fast ausschließlich im „Handlungszweck“. Tauscht man „Kapital“ durch „Allah“ aus, decken sich sofort verblüffende Parallelen auf. Keiner unserer Vorstände würde jemals populistisch agieren, Zögerlichkeit im Handeln aufgrund eventuell zu befürchtenden Murrens auf der Ebene der Mitarbeiter verbietet sich von selbst. In unserer Konzernspitze arbeiten ausgewiesene Experten und Fachleute und mangelhafte Bildung, Dummheit sowie dümmliches Gemeckere, die Verweigerung von aktiver Mitarbeit werden selbst von den davon direkt Betroffenen als unappetitlich betrachtet. Kollegen mit … sagen wir: nicht viel mehr als sehr grundlegender (Aus-)Bildung betrachten sich selbst (!) als nur wenig zur Kritik befähigt und halten sich zugunsten derer, die mit hohem Wissen und Engagement zu Werke gehen, tatsächlich schamhaft zurück. Das ist gut so. Die, die große Erfahrung zusammen mit hochstehenden, universitären Titeln mitbringen, haben selbstverständlich in entsprechenden Gremien einen ganz anderen Rang; sobald sie von Mitarbeitern etwas einfordern, erhalten sie dies natürlich auch – und zwar pronto!

Ich behaupte, dass sich trotz solcher gefühlten „Unfreiheiten“ kein einziger Kollege weltweit findet, der sich „unerträglich bedrückt“, „unfrei“ fühlt oder „mangelnde Meinungsfreiheit“ beklagt – schon da jedem völlig klar ist, dass eine üppige, wenn auch höchst belastende Abendschule für ihn ausreichen würde, selbst einen solchen Rang einnehmen und dann selbst solche Weisungen erteilen zu können. Unser Vorstandsvorsitzender stützt sich in seinen Entscheidungsfindungen auf den Rat Wissender und Könnender – wäre dem nicht so, könnten wir an unseren Märkten nicht bestehen. Das hat zwar demokratische Grundzüge – mit Demokratie als solcher jedoch nichts zu tun.

Die soziale Einstellung unseres Konzerns übertrifft jedwede staatliche, politisch und weltanschauliche Unterstützung sowie Gesetzgebung um ein Vielfaches. Beinahe zwangsläufig umhüllt er seine Mitarbeiter mit einer höchst auskömmlichen Pensionsregelung und ähnlichem und auch recht kostenträchtige Beteiligungen an sozialen Projekten überall auf der Welt stattet er großzügig mit Mitteln aus.

Unsere Konzernflagge ist nicht grün – und der Gott unseres konzertierten Handelns ist das Geld, und nicht Allah. Dennoch handelt er, wie viele kleinere und sogar auch größere, islamische Gruppierungen. So geht natürlich nicht nur der Konzern vor, für den ich arbeite. Eine Vielzahl großer, global agierender Konzerne hat sein Handeln völlig unfreiwillig auf diese Art „Quasi-islamisch“ ausgelegt und damit größten Erfolg.

Nur wer gibt, der erhält auch. Nur der, der sich proaktiv am hohen Gesamtziel des Konzerns beteiligt, sich auch privat dafür etwa durch den Besuch einer Abendschule engagiert, beständig lernt – der prosperiert auch persönlich. Durch konzerninterne Untersuchungen kennen wir den Charakter des „Unerreichten“; dies kennzeichnet den wenig motivierten Kollegen, der maximal nur das tut, was in seiner Stellenbeschreibung steht, der laut fordert und nichts Nennenswertes leistet. Dies ist ein Stigma, wie es mir in unserer ganzen Gesellschaft wünsche: den Ausschluss der „Unerreichten“, der Querulanten und der Entzug von Mitspracherechten, die Einschränkung ihrer Beteiligung am Erfolg des „Großen, Ganzen“. Es muss gesamtgesellschaftlich (wieder) unappetitlich sein, dumm zu bleiben und die, die sich verweigern, sollten dieser Gesellschaft kündigen und fortgehen. Sie müssen verstehen, dass sie selbst den großen Teil des Problems darstellen, wenn das „Große, Ganze“ nicht prosperiert, oder sogar zugrundegeht und deshalb muss den Dummen ihre Dummheit peinlich genug sein, dass sie schweigen, sobald sich Engagierte, Leistungsträger und Wissende äußern. Sowenig wie unser Konzern Benachteiligte (wie Behinderte etwa) im Stich lässt, sondern fördert und mit großer Selbstverständlichkeit mitträgt, so sehr muss die Gesellschaft insgesamt schädliche Einflüsse als das bezeichnen und betrachten, was sie sind: schädliche Einflüsse – nicht mehr!

Wir verdienen hier in unserem Konzern, wenn ich mich da wiederholen darf, insgesamt alle sehr, sehr gut. Sogar die „Unerreichten“ schaffen ihr Scherflein nach Hause, während aber (wie könnte es anders sein!) die Leistungsträger, die Engagierten und die Wissenden nicht unerheblich mehr von ihrer Arbeit haben.

Das ist eine zwar höchst abstrakte, meiner Meinung nach aber höchst tragfähige Definition von „Islamisierung“!

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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