Deutschland und Dumpfgermanien

Es scheint eine Zeit gekommen, in welcher sich ein brennender Trennstrich quer durch das Land zieht – und vor allem durch die Köpfe. Eine Zeit, in der man weniger Lachen hört, sondern das „Klack“ eines Feuerzeuges, das einen Molotovcocktail anzündet. Eine Zeit, in der sich viele Leute vor eine Entscheidung gestellt sehen:

Brenne oder begrüße ich Fremde?

Die, die brennen vor Hass und damit andere anzünden wollen, das sind die Verlorenen, die Abgeprallten, die Alleingelassenen, die sich in namenlosem Hass miteinander vereinen – und nur mit gemeinsamem Hass Freunde finden können. Sie würden spielend jede Vorstellung bösartiger Ratten mit Leben erfüllen, denn sie tun wahrlich nichts, um dies Bild zu vermeiden. Man täte jedoch Ratten Unrecht damit, denn das sind intelligente und soziale Lebewesen und kein Tier ist „bösartig“. Die, die Messer zücken und Feuer legen, das sind die Unappetitlichen und sie lieben den Ekel vor ihnen, weil sie sonst nichts haben und keine Liebe erwecken können. Die Psychologen nennen dies das „Bedürfnis nach zumindest negativer Aufmerksamkeit“; mehr können diese Leute nicht erreichen, denn Liebe und Anerkennung zu erzeugen, dessen bedarf es, sich selbst zu riskieren, zu investieren. Man muss klug sein und mutig, zugewandt, angstfrei und liebevoll. Das sind diese Leute jedoch alles nicht; sie sind wie die Kinder, die eine Scheibe eintreten (müssen), damit sich ihr Papa wenigstens strafend um sie kümmert. Wenigstens das. Wenigstens Hass muss ihnen entgegenschlagen, damit sie überhaupt irgendwas fühlen und sich irgendwie irgendjemand um sie kümmert – auch wenn sich ihnen keine Hand auf die Schulter, sondern nur eine Handschelle um die Gelenke legt. Sie sitzen, sie gröhlen und saufen, während die Menschheit und das Leben an ihnen vorüberzieht und sie keines Blickes würdigt. Sie fühlen sich nicht, denn täten sie das, würden sie ihre gesamte Erbärmlichkeit und Armseligkeit verstehen, ihr Alleinsein, ihre Zurückgelassenheit. Ihnen ist es völlig egal, ob sie Flüchtlinge anzünden oder nur den Fan irgendeines Fußballclubs zusammenschlagen. Ob sie einen Roma abstechen oder einen Türken beleidigen, das ist gleichgültig. Ich meine das jetzt weder beleidigend, noch zynisch: Ihnen fehlt der Papa. ein Papa, der mit ihnen Angeln geht, der ihnen auf die Schulter klopft, sie in den Arm nimmt und sagt: Mensch Kalle, bist’n töfter Kerl geworden, ich bin stolz auf Dich. Da gibt es nirgendwo einen solchen „Papa“; da gibt es meistens nur Drogen, Alkohol, Arbeitsplatzverlust, Schulabbrüche, Prügeleien, Einbrüche …..

Die, die begrüßen, die haben einen solchen Papa (gehabt) und selten Probleme mit anderen Menschen. Die haben eine Familie, sind selber Papa oder Mama, und sehen die Kinder in den Flüchtlingen und deren Eltern. Sie sind die Motoren der Gesellschaft und die, die ihre Ärmel hochkrempeln zur Reinigung des Angelteichs, zur Reparatur des Mopeds ihres Sohnes und das sind die, die ihrem Sohn Kalle lächelnd die Hand auf die Schulter legen und sagen: Mensch Kalle, bist’n töfter Kerl geworden, ich bin stolz auf Dich. Die, die begrüßen, das sind die Leute, die ein Herz haben und sich vorstellen, die es fühlen können, was eine Flucht unter Lebensgefahr bedeutet. Sie sitzen in einem bequemen Ohrensessel, den die Familie darstellt und haben deshalb Mut, Lust und Liebe genug, anderen zu helfen. Zugeben: begrüßen braucht viel mehr Mut als brennen. Sehr viel mehr und deshalb macht es viele derer, die begrüßen, tatsächlich zu Helden – und sie verdienen diesen Titel. Das sind die, die Kultur haben, tapfer sind, im Licht stehen und solches verbreiten. Und das sind die, an die man sich erinnern wird, die Dankbarkeit ernten und diese genießen dürfen. Ihre Kinder und Nachbarn, die Zeitungen ihrer Stadt erwähnen ihre Namen und tragen von Pullovern bis zum Teebeutel vieles zu ihnen, damit sie noch mehr Licht machen können.

Ist es schade um die Verlorenen, die nur das Feuer der Zerstörung, aber keine Wärme für die Liebe haben – wohl weil diese sehr viel mehr Mut abfordert?

Ich denke: ja.

Denn das sind keine „Feinde“; sie sind nur in der Wahrnehmung dessen, was sie tun, widerwärtig und abstoßend, aber tief innen drinnen sind es viele tausend kleine, weinende Kalles, die sich nach nichts stärker sehnen als nach der Hand eines Papas, die sich auf ihre Schultern legt und sagt:

Mensch, Kalle, bist’n töfter Typ. Ich bin stolz auf Dich.

(P.S.: Warum ich dies schreibe? Weil ich wirklich tief bewegt bin; es war mein Sohn, der sich gestern abend beinah wütend über diese „Verlorenen“ empörte und mit großer Überzeugung sagte, jeden Flüchtling, jeden Ausländer gegen jeden Angreifer zur Not auch mit angemessener Gewalt zu verteidigen. Und ich sagte: Mensch Jurij, bist’n töfter Typ. Ich bin stolz auf Dich!)

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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