Über das Erfrischende an der Abwesenheit von Hass

Mein Arzt ist bekennender Jude.

Wir kennen ihn nun schon seit mehr als zehn Jahren. Er wirkt immer ein wenig verhuscht, ist es aber gar nicht. Sein Behandlungszimmer und der Flur davor ist geschmückt mit alten, oder auch nur auf alt getrimmten Bildern, Drucken und Pergamenten. Sie haben alle jüdische, israelische Motive zum Inhalt, enthalten teilweise hebräische Schriftzüge und sprechen von einer Liebe zu Israel, wenn nicht gar, worüber ich jahrelang im Zweifel war (da ich kein Hebräisch lesen kann und auch nicht verstehe), zum Judentum.

Das heißt noch gar nichts. Mein eigenes Büro -und ich muss schmunzeln, wenn ich im direkten Bezug zu meinem Arzt daran denke- ist mit mehreren, gerahmten Fotos aus Ägypten geschmückt und da hängt auch ein sehr hochwertiger Papyrus (aus echtem Papyrus übrigens) mit wunderschön ausgeführten Kolumnen. Gerade dieser ist ein mir überaus wertvolles Geschenk eines Bruders aus Kairo, eines Ägyptologen – ich bin aber kein Ägypter. Viele Ägyptenliebhaber, die ihre Sommerferien an den Stränden des Roten Meeres verbringen, besitzen die nahezu unvermeidlichen „Papyri“.

Irgendwann einmal, auch das wiederum ist Jahre her, kamen wir tatsächlich ins Plaudern und bekannten uns zu unserer jeweiligen Spiritualität. Wir taten es vorsichtig; viel zu viele Donnerwolken des Hasses zwischen unseren Religionen wabern über die Welt, als dass man sich völlig unverklemmt in diesem Thema begegnen könnte.

Seitdem genieße ich unsere kurzen Plaudereien, die grundsätzlich immer mehr oder weniger derbe Scherze über die Eigenheiten unserer eigenen Haufen enthalten. Gestern thematisierten wir Speisevorschriften; ich sagte die meinen auf und fragte ihn nach seinen. Er winkte ab und rief beinahe: „Wir? Wir sind ja noch viel schlimmer!“. Dann erzählte er mir von einer Synagoge in Mannheim, die zum kleinen Preis aus ihrer üblichen Speisekarte in ihren Gasträumlichkeiten Muslime für ihre Feste bewirtet. Er erzählte aus seiner israelischen Jugend, wie er mit vier Hühnern von einem Dorf zum anderen laufen und einen Rabbi fragen musste, ob jedes von ihnen gegessen werden dürfe. „Stellen Sie sich vor!“ sagte er, „Eines davon hatte kleine Knötchen am Hals und der Rabbi verbot uns deshalb nach genauer Untersuchung, es zu essen!“ was für ihn die unangenehme Folge hatte, nun mit drei geschlachteten, und dem lebenden Huhn unter dem Arm zurücklaufen zu müssen.

Bei anderer Gelegenheit, es ist nicht lang her, beklagte er sich völlig zu Recht, dass in unserem lokalen Bereich die muslimische nicht zur jüdischen und die jüdische nicht zur muslimischen Gemeinde finden will. Allah verzeihe mir; ich hatte mir vorgenommen, dies in der Moschee ernsthaft zu diskutieren – und ich habe es bis heute noch nicht getan.

Wir zwei jedenfalls, wir sind eine der wenigen Keimzellen des Friedens. Wir amüsieren uns in höchstem Respekt übereinander; manchmal necken wir uns ein wenig – aber eigentlich empfinden wir wohl beide, dass wir gegen eine immer eisiger und bösartiger werdende Welt recht eng zusammenstehen. Rücken an Rücken, und wir strecken beide unseren eigenen, zuweilen von giftiger Hysterie geschüttelten Haufen die Zunge heraus. Wir verweigern schlicht und ergreifend Ressentiments.

Dabei haben wir beide die gleichen Bilder im Kopf, den gleichen Swing im Herzen.

Wir sind die logische Fortführung einer jahrhundertealten, wunderbaren Vergangenheit, in der unsere Gemeinden zusammenstanden, miteinander feierten, spielten, arbeiteten und auch aßen. Wir sind ein bisschen al-Andalus, ein bisschen Istanbul, ein bisschen Marokko.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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