Mein Kairo: Das Straßengericht

Vor Monaten machte mich ein Artikel eines Briten nachdenklich, dem auf seinem Weg durch Kairo ein Seitenblick auf ein Straßengericht gelang und der darüber berichtete. Ich hatte selbst ein solches Erlebnis; ich konnte eine solche Verhandlung vom Ursprung bis zum Schluss mitverfolgen.

Ich streifte durch die Stadt und verließ soeben den Khan-El-Khalili in Richtung des hiesigen Marktes, der von Touristen gewöhnlich völlig unberührt bleibt. Ich hatte mir vorgenommen, durch die Auslagen zu stöbern, weil ich etwas Wärmendes aus Baumwolle für kühle Abende suchte.

Kairo ist für meine Seele und mich wie ganz Ägypten ein kühler Teich im heißen Sommer; ich versuche mich im Vorfeld möglichst weit zu öffnen, um das Wasser der Stimmung in der Stadt ganz an mich herankommen zu lassen. Für mich gibt es kaum etwas Erfrischenderes als diese Stadt, vor allem, wenn sie sich im Trubel der letzten Ramadanwoche befindet. Abendelang kann man einfach so durch die Straße streifen und muss nur um sich blicken, um alle paar Meter immer etwas Neues, Buntes und Fröhliches zu entdecken, an wunderschön bestrahlten Moscheen vorüberzuziehen, in die pausenlos unglaublich viele Menschen hinein- und wieder herausströmen, die vielen tausend Fawanees, die hübschen Messinglaternen, zu bestaunen, die überall an den Häusern angebracht sind.

An diesem späten Nachmittag aber, als ich durch den Markt streifte, da passierte ich gerade eine Engstelle auf dem Weg und fand, was ich gesucht hatte: einen Händler, der sehr schöne Umhänge führte. Ich stöberte einige Stapel durch, prüfte die Ware und sah aus dem Augenwinkel einen Jungen, der viel zu schnell mit seinem hinter sich hergezogenen, hochrädrigen Marktkarren durch die Menge lief.

Es kam, wie es kommen musste.

Der Junge konnte nicht mehr richtig bremsen und rempelte mit der rechten Seite seines Karrens einen alten Mann an, wobei er diesem auch beinahe noch den Krückstock weggeschlagen hätte. Wie nicht anders zu erwarten und sogar staunenswert schnell für das Alter rappelte sich der Mann hoch, ergriff seine Stock und eilte auf den Jungen zu, der bereits von einigen Händen Umstehender ergriffen und festgehalten worden war. Der Alte hob seinen Stock und drohte, diesen auf den Jungen hinunterzuprügeln, aber schon fassten zwei Männer aus dem Umkreis herzhaft zu und zogen den rasenden Alten zurück.

Ich ahnte, was nun geschehen würde und beobachtete den Fortgang.

In wenigen Augenblicken schälten sich vier, fünf ältere Männer aus dem Umkreis und umstanden die beiden, die noch immer von jüngeren festgehalten wurden. Der augenscheinlich älteste von allen wurde wortlos und selbstverständlich zum Sheikh ernannt, der dem nunmehr tagenden Straßengericht vorstand. Er stellte sich auch demonstrativ in die Mitte, betrachtete die beiden Kontrahenten und ließ ein wenig Ruhe einkehren.

Diese paar Quadratmeter Kairo verwandelten sich in einen holzgetäfelten Gerichtssaal, der ordentlich benannte Mitglieder vorwies und mit der Verhandlung beginnen konnte. Der Fall als solcher lag vollkommen klar; der Geschädigte sprach wütend und schnell, wobei er drohend seinen Stock schwang. Mehrere der Gerichtshelfer, die ihn sanft festhielten und somit vor den Folgen seines Zorns beschützten, begannen begütigend auf ihn einzureden. Der Beklagte senkte das Haupt und sagte nichts.

Hmmmm ….. dachte ich. Der Sheikh machte einen ruhigen und souveränen Eindruck. Seine Entscheidung würde dem im Alter weise gewordenen Islam folgen und sicherlich nicht allzu hart, wenn auch deutlich ausfallen. Das war meine Einschätzung. Man kann dem kairener Glauben Milde zutrauen und zumuten.

Nun murmelten einige Zeugen ihren Bericht, nach dem der Sheikh gefragt hatte, und sie nickten mehrheitlich zustimmend in die Richtung des Klägers. Und wieder trat ein wenig Ruhe ein. Der Sheikh überlegte augenscheinlich. Ich sah seine Augen manchmal unter den buschig weißen Brauen flink hin und herhuschen; er wog nun ab, zog seine Lebenserfahrung zu Rate. Dann wird er sich gefragt haben, was Allah in dieser Situation von ihm erwarten mochte und er wird in Gedanken einige Suren durchgegangen sein. Ihm oblag das Vertrauen aller Umstehenden, Beteiligten, Empörten, Geschädigten und des Delinquenten. Er wusste, dass seine Entscheidung nicht nur vor jenen Bestand haben muss.

Dann ging eigentlich alles ganz schnell.

Der Sheikh trat gemessenen Schrittes seitlich hinter den Delinquenten – und versetzte diesem einen saftigen Tritt in den Hintern. Lautstark belegte er ihn mit wohl wenig entzückenden Begriffen und hieß ihn, sich nun davonzumachen und künftig solche Eseleien zu unterlassen.

Das genügte dem Kläger offenbar nicht. Er unternahm nichts weiter, wurde aus dem Griff entlassen, der längst zur beruhigend aufgelegten Hand verkommen war und beschränkte sich auf ein lautstarkes Schimpfen.

Die offizielle Verhandlung war beendet und die Versammlung löste sich auf. Allerdings fand man sich in Grüppchen zusammen, genehmigte sich noch einen flugs vorübergetragenen Tee und diskutierte die Entwicklung des Prozesses und die Entscheidung. Der Sheikh erntete von allerlei Seiten Anerkennung und Handreichungen, während sich einige Männer daranmachten, den Kläger sanft auf die Kleidung klopfend von eventuellen Resten von Straßen- oder Karrenschmutz zu befreien.

Dann wandte ich mich wieder dem breit grinsenden, etwas dicklichen Händler zu, der irgendwie wohl Spaß an der ganzen Szene gefunden hatte und mir einen Kommentar gönnte, den ich jedoch leider nicht verstand.

Nach all den Jahren steht mir diese Szene sehr lebendig und minutiös in Erinnerung; es ist, als wäre es gestern gewesen und ich behaupte, ich würde den Ort der Verhandlung bis heute wiederfinden, trotz des allgemeinen, völlig verrückten aber wunderschönen Chaos im Kairo dieser Tage. Ich habe diese Reise ganz besonders genossen – sie hat mein ganzes Leben völlig verändert und eigentlich verdanke ich dieser Stadt samt ihrer vielen Menschen nichts weniger als ein neues Dasein. Ich sollte dort das größte Geschenk erhalten, das jemals ein Mensch erhalten hat – und ich hatte noch nicht einmal danach gefragt oder es gesucht, ich erhielt es einfach so.

Ohne dass ich es hätte ahnen können, hatte mir Allah die Stadt vor meiner Ankunft mit Girlanden voller Juwelen geschmückt und dies waren die Menschen; ich traf sehr viele Kairener, hörte sehr viele Geschichten, durfte ein kleines Stück weit in ihre Welt eintauchen und ein bisschen vom Geheimnis Kairos im Herzen mitnehmen.

Wohl hundertemal dachte ich über den Sheikh nach. Und gelangte dabei zweihundert Mal zu anderen Ergebnissen wenn ich überlegte, wie ich in solcher Situation reagiert und entschieden hätte. Ich lernte zu verstehen, dass ich einhundertneunundneunzig Mal falsch gelegen hätte – bis ich endlich zu dem Schluss kam, dass der Sheikh mit großer Weisheit entschieden hatte.

Mein Abschied tat mir damals weh, er versetzte mir einen Stich. Heute geht es mir besser weil ich gemerkt habe, dass ein Stückchen von mir einfach dageblieben ist. In Kairo. Und im Austausch dafür hatte ich ein kleines, grünes Licht im Herzen mitgenommen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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