Über die dumme Wut

Es geht ja hier niemandem um irgendwelche politischen oder sonstwie gesellschaftlich relevanten, geschweige denn kluge Ziele, Probleme oder Sorgen.

Was hier im Deutschland dieser Tage neu entsteht, kriecht letztlich nur als überlebendes Monstrum aus den Ruinen des Dritten Reiches und folgt nur dem eingefressenen, wahrscheinlich kulturell verankerten Bedürfnis danach, Zerstörung, Hass und Wut nicht gegeneinander, sondern gegen eine geglaubt schwache Minderheit auszuleben. Es war wohl noch nie so recht Bestandteil deutscher Philosophie, Aggressionen gegen die Mitglieder der eigenen Ethnie zu identifizieren und im Innenverhältnis zu verarbeiten. Die „Sündenbock-Methodik“ stülpt diese Wut nach außen und sucht sich ihr Ventil im brutalen Angriff gegen Nichtmitglieder der eigenen Gruppierung. Und wenn diese auch noch wehrlos sind oder nur scheinen, eignen sie sich ganz besonders dazu. Deshalb gibt es auch regelmäßig massive Probleme für die Angreifer, wenn sich die geglaubt Wehrlosen plötzlich als wehrhaft erweisen.

Dazu ist der Angreifer jedoch absolut darauf angewiesen, den Angegriffenen davon zu überzeugen, dass dieser für das Elend verantwortlich ist, das ihm zugeschrieben wird. Natürlich ergeben sich da massive Löcher in der Logik; offenbart man dem Angreifer diese, kann die Wut noch viel weiter anwachsen.

In diesen letzten Jahren rückte die Gruppe der Muslime in diese Position, obschon sie beliebig austauschbar ist gegen jeden und alles, der sich gerade anbietet. Hier registriert man durchaus regionale Unterschiede. Während im Osten Flüchtlingsheime brennen, erkennt man im Ruhrgebiet etwa in Rumänen heute „Minderwertigkeit“ oder der „verfeindete“ Fußballclub rückt ins Fadenkreuz – das scheint egal zu sein. Das verbindende Element ist der Umstand und die Voraussetzung, dass die Angreifer (meist betrunken) im Rudel auftreten, die Angegriffenen in der Minderheit und, im Optimalfalle, verunsichert oder verängstigt sind.

Ich habe mich erst kürzlich von jemandem darauf aufmerksam machen lassen müssen, dass ich als Muslim doch wohl ein Heimatland habe und gern dorthin zurückkehren könne – die Idee dahinter ist natürlich, mit vermeintlich rhetorischer oder gern auch physischer Gewalt eine ethnische Säuberung durchführen zu wollen. Wobei hier nicht etwa ein „gereinigtes“ Deutschland, sondern die Ausübung der Aggressivität auf dem Wege dorthin die Sinngebung der Auseinandersetzung darstellt. Für gewöhnlich sind diese Angreifer vollkommen konsterniert wenn ich ihnen mitteile, dass meine Familie, meine Abstammung nicht nur deutsch sind, sondern dies sogar seit Jahrhunderten. So mancher, der mich „zurück“ in „meine Heimat“ schicken will, hat eine solche Abstammung natürlich nicht vorzuweisen. Da windet und da wehrt man sich, meine zumeist höfliche Nachfrage, wie denn der Angreifer aufgrund seiner irrationalen Kreischerei mit mir umzugehen gedenke, da ich doch seine Anforderungen nach „reiner“ Abstammung erfülle, zu beantworten. Das zweite Argumentationsmuster, dann erschliche ich eben widerrechtlich und niederträchtig Sozialleistungen, greift natürlich auch nie: mit mir existiert ein Heer von Millionen Muslimen in Europa, die redlich arbeiten, nie straffällig werden und keinen Gedanken an irgendwelche kriminellen Umtriebe oder irgendein Bedürfnis daran hätten, irgendjemandem wegen irgendwelcher bizarren Vorwürfe beschädigen oder gar töten zu wollen.

Aber, nochmal: es geht ja auch überhaupt nicht um Muslime. Es geht auch überhaupt nicht um den Islam.

Heute werden eben Moscheen beschmiert – vor einigen Jahrzehnten mussten Synagogen brennen. Womöglich sind es morgen Kirchen, Kegelvereinshäuser oder öffentliche Bedürfnisanstalten. Nicht der „Feind“ ist von zentraler Bedeutung, sondern nur die Pflege des eigenen Bedürfnisses, irgendjemandem die Last und die Probleme der eigenen Gesellschaft auf die Schultern zu werfen – weil man nicht weiß, wie auf die eigene Gesellschaft eingewirkt werden sollte oder könnte. Man könnte von „Outsourcing“ sprechen.

„Kalle“, von dem ich gestern noch schrieb, vergreift sich ja exakt aus diesem Grunde eben nicht an seinem Vater, den er für die Lieblosigkeit, die Einsamkeit und die Chancenlosigkeit seines Lebens zur Verantwortung ziehen müsste – sondern eben an Flüchtlingen. Sein Schmerz sucht einen Kanal, einen Ausweg und findet ihn darin, Fremde anzuzünden.

Als Wirtschaftler genügt mir ein einziger Blick in die Zahlen um mit Bundestagspräsident Lammert und in großer Selbstverständlichkeit befinden zu können, dass Deutschland die Flüchtlingslast natürlich gut stemmen kann. Wenn es in ferner Zukunft vielleicht wirklich einmal etwas enger werden könnte, weil der Zustrom so schnell nicht abebben wird, dann wird man halt die höchst komfortable Gewinnsituation der Konzerne ein wenig zu revidieren haben was dann zum Ergebnis hat, dass Spitzenmanager tragischerweise nur noch 80 Millionen Bonus (!) pro Kopf und Jahr einfahren statt 100. Finanzwirtschaftlich würde es allein bereits einen Riesenruck verursachen, wenn Coca-Cola statt in Luxemburg nur ein Prozent, in Deutschland vielleicht zwei Prozent Steuern auf die Gewinne entrichtete. Das ist nur ein einziges Beispiel für die Irrationalität deutscher Steuerpolitik, die solches Totalversagen ermöglicht.

Sie lieben ihre „Angst“, die Deutschen. Deshalb frotzelt die ganze Welt in Form des mittlerweile geflügelten Ausdrucks „german angst“ schon seit Jahrzehnten. Diese „Angst“ aber ist für die deutsche Politik notwendig geworden und wird deshalb liebevoll gepflegt. Auch ein Joachim Gauck hat sie gestreichelt, als er in einem Interview 2012 gezielt, absichts- wie planvoll wortwörtlich davon sprach, dass man „Verständnis“ für die „Sorgen“ der Menschen vor „Überfremdung“ haben müsse. Heute, da das Ergebnis seines Tuns international peinliche Wellen schlägt, würde er dies unselige Interview natürlich ebenso gern vergessen machen wie ein Gabriel seinen unappetitlichen Parteifreund Sarrazin, der seinen dummen Irrsinn über seine bizarre Gentheorie auch noch in Bücher schreibt, wonach Araber ein Verblödungsgen haben sollen.

Heute, da die Büchse der Pandora offensteht und die dumme Wut ein neues Ziel gefunden hat, da lächelt ein Gauck sehr mild und lacht mit Flüchtlingen und ein Gabriel, der damals nicht befinden konnte oder mochte, dass die Sarrazin’schen Auswürfe konträr zu den Grundwerten einer SPD stehen könnten, spricht auf einmal von „Pack“.

Diese Wut war zumindest einmal durchaus politisch genehm und wurde von einigen Parteigenerälen gezielt aufgrund der Parteidoktrin einer CDU, es dürfe rechts von ihr nichts geben, hofiert, um vermittels der eigenen Radikalisierung Rechtsextremisten in die eigenen Reihen zu bekommen. Auf einmal ist aber „Pack“, was vor wenigen Monaten noch „Bevölkerung“ war, deren „Sorgen“ man „verstehen“ müsse.

Der Zirkus wird vorübergehen. Davon bin ich absolut überzeugt.

Morgen sind es nicht mehr Muslime, so wie es gestern Juden waren. Morgen sind es eben Buddhisten, Animisten, Shintoisten, Kaffeetrinker, Spaghettiesser – aber das ist ja bekanntlich uninteressant. Hauptsache, irgendetwas kann angezündet oder zusammengeschlagen werden.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Gesellschaft, Glaube, Islam, Kultur, Leben abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.