Mein Ägypten: ein Stückchen Paradies im Nil

Wochen zuvor, als mein Sohn und ich uns auf die Reise vorbereiteten, fragte er mich nach meinen konkreten Plänen für die Zeit in Ägypten. Ich schlug vor, erörterte mit ihm, erwog anhand meiner Erfahrungen und seiner Interessen, wir verwarfen und entschieden, das wir das meiste auf uns zukommen lassen wollten. Er war zu der Zeit sechzehn Jahre alt und ich war schon damals stolz auf ihn und seinen Geist, seinen scharfen Verstand, seine gute Auffassungsgabe und sein großes Interesse. Ich wusste, dass für ihn die Zeit jetzt gekommen war, vieles zu verstehen.

Eines abends dann, der Nil verströmte seinen süßen Abendwind, das Licht flackerte auf dem Tischchen in irgendeiner, weit abgelegenen Shisha-Bar in Assuan, reifte der Plan für den nächsten Tag. Es war ein so herrlicher Abend, wie man ihn überhaupt nur in Ägypten erleben kan; Freunde, Musik, Lachen, Essen, Shisha – und mein Sohn war dabei.

Wir amüsierten uns in einen Swing hinein, der uns ins mitten in der Nacht an den Nabel der Welt trieb; wir brausten mit dem Auto an die Corniche und blickten in den tintenschwarzen Nil, wodurch die Gespräche ernster und leiser wurden. Ich habe damals ein Foto gemacht von der „Assuan-Gang“, mit meinem Sohn in der Mitte, der auf dieser Reise ein ganzes Stück erwachsener geworden ist. Der an diesem Abend mein Ägypten zu verstehen begonnen hat.

Die Nacht war kurz; wir mussten mehr oder weniger in einem Hui aus den Federn, im gestrecktem Galopp durch ein mageres Frühstück und da klopfte bereits Karim und rief durch die noch geschlossene Tür, ob wir Herrschaften uns irgendwann vor dem Mittag wohl noch zum Losfahren bequemen oder noch ein Schönheitsschläfchen benötigen würden.

Eine gute Stunde später gelangten wir auf den Parkplatz, verabschiedeten uns vom Taxifahrer und zu viert, Karim, seine Freundin Anja, mein Sohn und ich kletterten nach kurzer Verhandlung an Bord eines kleinen Motorboots. Es brauste los und führte uns durch eine märchenhafte Landschaft, in der mächtige, spitze Granitfelsen durch das Wasser brachen und sich in den Himmel reckten. Das Wasser war kühl und frisch; Karim lieh sich vom Bootsführer dessen Trinklas, tauchte es in den Fluss und trank in vollen Zügen. Anja erschrak, mein Sohn schüttelte den Kopf. Karim schaute mich an ….. ich blickte ihm in die Augen und sah darin die ganzen Geschichten von ihm und ich wusste, er sah in den meinen meine Geschichten. Wir hatten tags zuvor gemeinsam, Schulter an Schulter, in der großen Moschee von Assuan unser Gebet verrichtet. Ich griff nach dem Glas und schrieb in meine Augen mein Kapitel von ihm und Ägypten, tauchte das Glas in den Nil, und trank in großen Zügen. Er lachte.

Wenige Momente später umrundete unser Boot einen dieser Granitfelsen, der von silbern übergossenem Wasser umspielt wurde und eine Insel erwuchs aus dem Nil, gekrönt von sandfarbenen, strengen und gleichzeitig verspielten Formen. Vor uns entstand die Tempelinsel von Philae wie aus einem Traum.

Wir waren absichtlich sehr füh dort angekommen, da einerseits der Tag besonders heiß werden würde und der späte Morgen die meisten Touristen bringt – auch wenn sich sehr selten nur mehr als zwanzig vielleicht auf einmal dort einfinden. Noch war die Luft frisch, die über den Nil strich und noch brannte die Sonne nicht so heiß. Wir stiegen aus dem Boot und gingen auf dem Inselchen zum Eingang der Anlage. Von hier aus hat man einen umwerfenden Ausblick über die Flusslandschaft mit ihren vielen, kleinen aber hohen Granitfelsen darin. Philae wirkt wie ein Traum; als verlasse man mit dem Boot auch das Diesseitige und betrachte dies nun wie ein Goldfisch im Glas die Welt da draußen, die plötzlich unwirklich ist und ganz weit fort.

Philae ist ein Traum.

Nichts dort ist von dieser Welt und alles wirkt, als haben sich vor wenigen Momenten erst die letzten Priester mit einem der Ruder abgestoßen und den Tempel verlassen. Nach den wunderschönen Arkaden, an deren Kapitelle die Geschichte der Insel bereits durch den Nil selbst geschrieben worden war, betraten wir die inneren Kammern durch den Pylon hindurch – und traten sogar aus der märchenhaften Insel heraus an einen schattig-kühlen, noch um ein Weiteres entrückten Ort.

Da ich in der Geschichte des Landes, seiner Kunst und Kultur ein bisschen bewandert bin, begann ich damit, meinem Sohn einige der Inschriften vorzustellen und ihm den Inhalt näherzubringen. Als ich ihm die Kanonisierung in der Kunst erklärte und auf einige Elemente wie auf die Kronen auf Häuptern der Dargestellten etwa hinwies, linste mir Karim über die Schulter und hörte zu. Mit wachsender Begeisterung begann er, diese Dinge in den Inschriften zu entdecken und auch zu finden. Er ließ sich die Prozession erklären, folgte ihr zu den innersten Räumen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Anschließend gingen wir an dem Mausoleum des Nektanebos vorüber an einen alten, nicht mehr benutzten Schiffsanlegeplatz; während ich die Stufen zum Wasser herunterging, blieben alle anderen oben. Und ich blickte hinauf, an uralten, verwitterten Mauerwerken hoch, die vom Grün erobert, überall durchbrochen und dadurch verziert wurden hoch zu Freunden und meinem Sohn, während ich mich gebückt hatte und mit den Fingern im Nil spielte. Dies Erlebnis ist mir ein sehr kostbarer Moment und eine wundervolle Erinnerung. Zumal sich Karim kurz bevor überschwenglich bei mir bedankt hatte, weil ich ihm ein Stückchen Heimat schenken konnte, das er vorher nicht gekannt hatte.

Nun war es heiß geworden und die Zikaden hatten ihren Gesang begonnen. In der Luft lag schon ein Hauch Nubien. Wir kletterten wieder in unser Motorboot und verließen Philae, das wir beinahe ganz für uns gehabt hatten. Karim war eine zeitlang nachdenklich; die Intensität seiner albernen Einfälle sank um einiges, auch wenn sie sich dann doch mit altgewohnter Herbe wiedermeldete.

Dies Mal, dies eine Mal, konnte ich dem Land ein bisschen von dem zurückschenken, was ich bisher erhalten habe. Bis heute muss ich lächeln und ich freue mich, dass ich einem Ägypter ein bisschen Ägypten schenken konnte. Tausend und mehr Menschen haben mir überreichlich von ihrem Land geschenkt, da draußen, jenseits des mutigsten Touristen, da, wo Ägypten ist. Ich habe an ihren Feuern, an ihren Tischen, in ihren Teehäusern und im gleichen Wüstensand gesessen und war jedes einzelne Mal zutiefst dankbar. Ich durfte in einem nubischen Haus Tee trinken, war Zeuge bei einer koptischen Hochzeit und verrichtete mein Gebet Schulter an Schulter mit ägyptischen Freunden in der große Moschee von Assuan – und all das konnte ich meinem Sohn schenken, der mich stets begleitete und der noch heute viel davon spricht. Von den fröhlichen Freunden, der lustigen, aber islamischen Runde, der Gang, dem Lachen, der Moschee und der Shisha, mitten in der Nacht im Irgendwo von Assuan …. meiner zweiten Leidenschaft, gleich nach der zu Kairo ….

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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