Assuan – das Gold im Silber des Redens

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!

Eine typisch europäische Redensart, die ich noch nie richtig verstehen konnte, zerfiel für mich an diesem Tag in Assuan besonders eindrucksvoll in die Bedeutungslosigkeit.

Gut – ich sah ein, dass ich mir offensichtlich zuviel vorgenommen hatte und mir zähneknirschend eingestehen musste, dass ich nicht jünger werde. Ich war zu meinem Rundgang aufgebrochen, der mich über die Corniche direkt am Nil entlang mehr oder weniger vom Süden bis zum Norden der Altstadt bringen sollte. Dort gedachte ich, vom Nil ab in die Stadt einzubiegen, um von dort über Parallelstraßen zur Corniche wieder zurückzukehren. Auf meinem Einkaufszettel standen zwei Dinge: ich wollte eine (englischsprachige) Tageszeitung und einen silbernen Ring, dessen Besorgung mir meine Frau aufgetragen hatte.

Auf Höhe der größeren Burgerbude, die zwischen Corniche und Nil noch Platz gefunden hatte und sich augenscheinlich größerer Beliebtheit erfreute, fühlte ich meinen Rücken quietschen – und war beleidigt. Ich würde improvisieren müssen, dachte ich, die alte Route schaffst Du nie. Wir schrieben das Jahr 2011, das wichtige Jahr Ägyptens und es waren nur noch wenige Wochen bis zur ersten freien, demokratischen Wahl. Die Leute hatten Plakate für sich entdeckt; alle paar Meter standen einige auf Leitern und montierten solche an Laternen, spannten sie über Straßen und standen unterhalb in Grüppchen zusammen und diskutierten. Politisch. Ägypten diskutierte politisch. Interessiert hielt ich einen dahineilenden, älteren Zeitungsboten kurz an, steckte ihm für seine Geduld eine Münze zu und fragte, wo denn hier wohl das Büro der F.J.P. wäre. Er strahlte über das ganze Gesicht, fackelte nicht lange, zog mich am Ärmel nur wenige Meter weiter und zeigte dann in ein Quersträßchen. Tatsächlich. Da gab es einen Hauseingang mit einer bunten Tafel darüber und darauf standen die Buchstaben „F.J.P.“ („Freedom and Justice Party“) Niemals hätte ich das wenige Monate zuvor noch für möglich gehalten. Wer immer mich gefragt hätte, wann Ägypten wohl das erste Mal demokratisch wählen würde, dem hätte ich auf jeden Fall geantwortet: frag mich das mal in zehn Jahren vielleicht.

Jedenfalls kaufte ich ihm auch noch eine Zeitung ab und wir strebten auseinander. Nach wenigen Augenblicken war seine weiße Gelabyia in der Menge untergegangen, von Plakaten, Menschen, Turbanen, Wasserträgern Autos, Lautsprechern mit Musik, und heulenden Kindern verschluckt. Ägypten eben.

Ich bog also ab; lotrecht fort von der Corniche, also da, wo das Abenteuer Ägypten beginnt. Da, wo kein Bürgersteig mehr ohne riesige Löcher war, da, wo die Tristesse der unzulänglich gepflegten Häuser wegen Geldmangels nur noch Schulterzucken verursacht, da, wo man nur noch mit profunder Orts- und Landeskenntnis vorwärts kommt, weil ein Gewirre von Gassen, blinden Wegen, gewundenen, aufgerissenen Straßen herrscht. Nun stand ich an einer Kreuzung und befragte mehr meinen Rücken als eine imaginäre Straßenkarte, wo es denn hingehen sollte. Denn eigentlich ist Ägypten navigationstechnisch gut für Idioten: man muss sich nur merken, wo und wie in etwa der Nil verläuft, auf welcher Seite man sich befindet – und kann sich im Grunde gar nicht verirren.

Es sei denn, man ist in Assuan.

Verliert man dort Lauf und Position des Nils, dann kann man sich nicht nur verirren, man wird es tun. An diesem Tag aber wusste ich, dass es links in die kleinen Gässchen führte, die letztlich in die Altstadt nahe der Corniche mündeten, geradeaus auf und zwischen die Hügel Assuans in die Wohngebiete und rechts von mir führte die Straße gen Kairo. Mein Erwägen und Verwerfen blieb nicht unbemerkt. Ein alter Mann stand mit einem Esel und einem kleineren Kind, wohl seinem Enkel, zufällig unweit der Kreuzung und bemerkte mich. Er sprach auf das Kind ein, und samt Esel kamen sie auf mich zu. Wo ich denn hinwolle, wurde ich gefragt und ob man mir helfen könne. Man würde mich gern zu einem Tee und einem kalten Getränk da drüben im Cafè einladen, wenn ich denn durstig sei. Ich schlug alle freundlichen Angebote der beiden aus und musste dies wort- und gestenreich tun; da ich augenscheinlich Fremder war, musste ich wenigstens irgendein Bedürfnis haben um ihnen die Chance zu geben, etwas Gutes zu tun. Als sie gingen, wandten sie sich noch mehrfach nach mir um um sicherzugehen, dass ich wirklich wohlauf sei und meinen Weg finden würde.

Also entschied ich mich für links, überquerte die besonders staubige Straße und verschwand kurzerhand im Gewirre der Assuaner Gassen und Gässchen. Da muss man zugegebenermaßen schon mal gedanklich mitschreiben, denn man taucht in ein Labyrinth ein. Manche Gassen sind nur wenige Fuß breit und man kann kaum eine Haustür öffnen, ohne dass diese ans gegenüberliegende Haus schlägt. Dort herrscht eine braungraue Farbe und ein ewiger Dämmer vor, weil das Tageslicht kaum einen Weg durch die Dächer, Balkone, aufgehängte Wäsche, Stromkabel oder neugierigen Leuten schafft, die von oben interessiert herunter in die Gasse schauen. Aber so, wie alle Wege nach Rom führen, so führen in Ägypten die allermeisten Wege zum Nil. In dieser Lage helfen sowieso keine Straßen- oder Stadtpläne; alle existierenden sind hoffnungslos überaltert oder gar bloße Fantasie. Es gibt solche, von Plänen versprochene Gassen, die vollständig verschwunden sind und neue, die unvermutet auftauchen und die noch kein Plan je zu Gesicht bekommen hätte. Natürlich ist man dort als Europäer, und wenn man sich noch so angestrengt nach Landesdurchschnitt kleidet, nur wenige Meter Luftlinie von den von Touristen durchspülten Prachtgassen ein absoluter Exot.

So gelangte ich beinah neben der uralten Moschee auf eine breit, neu und sauber ausgearbeitete Fußgängerzone, die sich parallel zum Nil durch die Altstadt wand. Das Teilstück war mir neu; ich staunte, was in den wenigen Jahren, die seit meinem letzten Besuch vergangen waren, alles fertiggestellt worden war. Nun reihte sich ein Souvenirshop an den nächsten; man sollte auf jeden Fall originale Shishas (laut Aufdruck ganz unten „Made in China“ natürlich), T-Shirts mit allerlei launigen Sprüchen, lustige Aufblastiere für die Kleinsten und ihren Pool-Spaß und sonstige, unverzichtbare Mitbringsel kaufen. Das ist nicht so ganz meine Welt. Aber seis drum, die Sanierung des Viertels ist wunderschön gelungen, allen Touristenwellen zum trotz, die dort hindurchspülten. Von großzügiger Breite zu dramatischer Enge, es gab einen von maurischen Baustilen bestandenen, spannenden Stil in der Gesamtwirkung. Hätte man alles modernes Zeugs fortgeräumt, man hätte in diesen Gassen Salah ad-Din (genannt „Saladin“) auf dem Pferd erwarten können.

Der Ring. Richtig. Ich wollte oder sollte einen Silberring kaufen. Für die Schwiegermutter, also keinen Tand, keinen Touriramsch. Zwei, drei Gassen weiter lag links in einer kleinen Querstraße tatsächlich ein offenbar respektabler Schmuckhändler, der eher etwas gehobeneres Niveau, wenn auch keine preisliche Höchstklasse führte. Sein Laden verriet schon von außen einen gewissen Selbstanspruch und da das sympathisch auf mich wirkte, trat ich durch die offenstehende Tür ein. Ein alter, höchst gepflegt gekleideter Gentleman erwies sich als der Besitzer und fragte mich in tadellosem Britisch nach meinen Wünschen. Ein jüngerer Mann, wohl sein Sohn, war über mich sichtlich erfreut. Er sollte wohl vom Vater lernen und fand, dass ich ein interessanter Kunde sei. Mein Gespräch mit dem Gentleman bereitete mir großes Vergnügen; ich studierte eingehend gute zwei Dutzend verschiedene Silberringe, bis mein Auge auf einen sehr geschmackvoll ziselierten in einem durchaus passenden Preisrahmen fiel. Was dann allerdings anhub, wuchs sich zu einer Attraktion aus, die etliche passierende Ägypter einlud, einen Moment in der offenen Tür zu verweilen um mitzuerleben, wie leidenschaftlich und einigermaßen stilvoll ein Franke zu handeln vermochte. Wir rangen lächelnd, manchmal lachend im besten Oxford-Englisch um jedes Pfund, versicherten uns unserer höchsten Wertschätzung, diskutierten den aktuellen, etwas nachgegebenen Silberpreis und zogen die handwerkliche Qualität des Stücks in Betracht.

Zwei Männer waren vom Beginn an bis zu dem Moment stehengeblieben und hatten sehr interessiert zugeschaut, bis ich den ausgehandelten Preis entrichtete und um den Ring und ein schönes Erlebnis reicher den Laden verließ. Der ältere von beiden, sie waren biedere Handwerker, lud mich spontan zu einem Tee ein und wenige Schritte später saßen wir, wieder fernab vom Touristenstrom, in ihrem Stammteehaus, streckten die Beine aus und genossen den Chai. Es waren beides wettergegerbte, dunkle und lustige Kerle. Sie neckten sich gegenseitig und beherrschten beide ein für Araber ordentliches Englisch. Innerhalb weniger Augenblicke hatten wir unsere Geschichten erzählt; es waren Amr und Nuri, während der eine Segel für Feluken machte, baute der andere Feluken, was sie beinah zu Brüdern und somit unzertrennlich machte. Nuri berichtete mir von seiner Tochter, die gerade Grundkenntnisse in IT erwarb, während sich Amr über seinen Sohn freute, der schon wie er das Beil über den Rohbau einer Feluke fliegen lassen konnte und wohl auch bald heiraten wollte. Nuri zog ihn damit auf, dass er dann Opa und von ihm dann auch immer so genannt werden würde. Dass es hoch im Norden der Welt Muslime gab, das erschien ihnen neu. Zugezogene, das hätten sie noch verstanden, aber dass ein Europäer den Islam annehmen würde, fanden sie überaus faszinierend.

Alhamdulillah!

sagten sie lächelnd und umarmten mich. Und zusammen nahmen wir unseren Chai, sagten unisono

Allahu akhbar

und fuhren fort in unseren Geschichten, von denen meine die von den meisten Fragen flankierte war. Ob es denn wohl viele „wie mich“ gäbe, wollten sie unbedingt wissen, und ob man auch Moscheen baute, da oben, im kalten Alemannia. Und ob diese Moscheen auch Minarette hätten, so hoch wie die der Großen Moschee von Assuan. Sie hakten mich unter und entführten mich zu ihrer Werkstatt; da zogen wir auf dem Steg unsere Schuhe aus, setzten uns hin und tunkten alle gleichzeitig unsere Füße in den kühlen Nil, begleitet von einem dreifachen „Aaaahhh“ der Wohltat, weil es bereits Mittag und ordentlich heiß geworden war. Das Geschäft wäre nicht mehr, was es einmal war, erzählte mir Nuri und Amr, der gerade mit der nächsten Lage Chai um die Ecke gekommen war und das mitgehört hatte, pflichtete bei. Es sei schwierig in diesen Tagen, sagte er. Es habe gar unlängst einen Japaner gegeben, der die kleinen Stromschnellen etwas weiter südlich unter Plexiglas stecken und damit schützen wollte. Das Projekt sei jedoch wegen akuten Kapitalmangels dankenswerterweise eingestellt und nicht weiter verfolgt worden. Alhamdulillah. Ab und zu schlugen Taue leicht gegen Masten, ab und zu erreichte uns ein bisschen kühle Luft. Aber nun war die Zeit gekommen, sich zu trennen. Wir umarmten uns, ich strebte wieder auf die Corniche zu, wir drehten uns noch oft zueinander um, winkten, machten kleine Hüpfer – und dann verschluckte das unvergleichliche, leidenschaftliche Assuan mich für sie und sie für mich.

Lächelnd kehrte ich in meine Unterkunft zurück – schon wieder war ich, wie immer ungeplant und unbeabsichtigt, mit einem ganzen Sack voller neuer Geschichten zurückgekommen, über die ich noch lange nachzudenken haben würde – was auch eintrat. Den beiden war wichtig, von den Moscheen in Alemannia zu hören und zu wissen, dass der Islam auch dort verkündet und angenommen wird. Sie waren fröhlich, grundentspannt, lustig und pflegten einen lichterfüllten Glauben, in dem Gewalt keinen Platz hat. Ägypter eben. Meine Ägypter eben.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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