Ägypten: Kreuzfahrt ohne Kreuz und mit Halbmond

Meine Frau ist bekennende Sonnenabeterin, eine erklärte Freundin guter Hotels, sie schätzt freundlichen, aufmerksamen Service und ein angenehmes Ambiente.  Deshalb erschienen ihr aufgrund meiner begeisterten Schilderungen zumeist aufregender und abenteuerlicher Berichte aus meinen Reisen die von mir favorisierten Länder nur wenig erstrebenswert. Spätestens nach meiner Erzählung von stundenlangem Fußmarsch durch eine Wüste und die letztsekündliche Rettung vor einer Sandviper sanken ihre Mundwinkel.

In diesem Jahr aber „verkaufte“ ich ihr eine Nilkreuzfahrt. Sie würde beides verbinden und wenigstens in Häppchen würde ich Streifzüge machen können, wie ich sie kenne und liebe. Es konnte gelingen – wir buchten und flogen.

Natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass alle erdenklichen Menschen in meiner Umwelt über lang oder kurz spitzkriegen, dass ich Muslim bin – in einem muslimischen Land ist das eine Frage weniger Augenblicke. Es ist dann immer wieder dasselbe; jedesmal schwanke ich zwischen großer Verlegenheit und mindestens ebenso großer Dankbarkeit, denn für mich und die meinen wird dann durch ein nochmal höflicheres, freundlicheres und aufmerksameres Servicepersonal alles noch einmal schöner. Während wir in Luxor noch einen halben Tag auf das Ablegen warten mussten und das Schiff kennenlernten, hatte man sich auf uns bereits „eingeschossen“. Es entwickelte sich immer wieder das gleiche Drama: wir wurden beäugt, ob uns nicht irgendwann irgendwas fehlen könnte und reichte es, auch im nur geglaubten Bedarfsfall sofort und wies unter tausend Dankeschön aufgedrängtes Bakshish meist zurück. Sie erinnerten sich gegenseitig, doch mal nach uns zu schauen, ob wir auch noch zufrieden wären. Wir waren es natürlich. Eigentlich immer.

Unser Schiff glitt über den Nil. Wir erlebten damals den aussergewöhlichen Glücksfall, dass viele Kreuzfahrtschiffe vor Anker lagen und wir den Fluss über Kilometer ganz für uns allein hatten. Jeden Tag, jede Stunde entfaltete sich eine neue Landschaft, wir glitten an einem Dorf vorüber, wunken badenden Kindern zu und beobachteten Büffel, die zum Trinken und Baden zum Fluss hinunter kamen. Meine Frau begann, das Land kennenzulernen, von dem ich immer sprach und immer öfter fing sie einen Hauch der Magie auf, den der Fluss unablässig für den verströmt, der sich ihm öffnet, der zuhört und hinschaut.

Wir hatten beide, was uns freut. Meine Frau genoss die Leichtigkeit, bestaunte beinah jede Palme, jeden Esel, der verdutzt vom Ufer zu uns schaute, das Fußballspiel der Kinder. Ich konnte meine Augen schließen und versank in jeden Vers des Gebetsrufs, der aus den Dörfern zu uns herübergrüßte.

Einmal sahen wir auf einem hohen Hügel gegen die Abendsonne ganz weit entfernt zwei Männer, die das Grab eines Marabuts säuberten – wobei wir nur ahnen konnten, was sie wohl dort taten, denn wir erkannten vor dem Sonnenuntergang nur zwei scharfe, schwarze Silhouetten. Als wir über die beiden sprachen, wollte ich meiner Frau über das Land hinaus auch seine Menschen vorstellen. Ich stellte mich an die Bordwand, weil ich zu erkennen glaubte, dass die beiden dort oben innegehalten und wohl über die seltsamen Europäer auf ihrem Luxusschiff nachgedacht hatten, und begann zu winken.

„Glaubst Du, die winken zurück?“

frotzelte sie und ich wusste natürlich, wie das ausgehen würde. Richtig genug sprangen die beiden Silhouetten auf, winkten jeder mit beiden Armen und sprangen auf und ab.

Siehst Du? Das ist das Ägypten, das ich so sehr liebe.

Sie schwieg. Sie gibt sich gern als eine eisenharte Lady und in ihrem eigenen Geschäft ist sie dies auch oft aber sie wäre kaum meine Frau, wenn ich ihr Innerstes nicht besser kennen würde.

Eines Morgens weckte sie mich sehr sanft und bat mich, jetzt sofort aufzustehen. Mich hielten noch Nebelstreife von Nachtträumen in ihren Fängen, da war sie schon aufgestanden, hatte irgendein Krämchen zusammengerafft und flüsterte mir zu: Ich bin dann mal oben. Komm schnell nach. Schlaftrunken grabbelte ich nach meiner Uhr und erstens war ich schlagartig wach und zweitens lachte ich laut: es war noch nicht einmal halb sechs in der Früh. Ich krabbelte ihr aufs Oberdeck nach und fand sie, in eine Decke eingehüllt, ganz vorn auf dem Schiff sitzend – und staunend.

Der Nil lag unter Frühnebel, der gerade dabei war, sich ein wenig aufzulösen und gab nur wenige hundert Meter Sicht frei. Über dem Wasser zogen noch einzelne, kühle Schleier und aus diesen schob sich ein Fischerboot. Noch bevor ich meine Frau überhaupt erreicht hatte wusste ich, dass ich es nun wirklich geschafft hatte: sie hatte die Magie des Flusses und das Geheimnis des Landes verstanden. Es war sehr kühl, es war erstaunlich leise und das Ufer verlor sich ein stückweit noch immer im Nebel, der sich nur sehr widerstrebend der aufsteigenden Sonne ergab. So wird sich wohl auch das Herz unseres Oberkellners, der natürlich längst auf den Beinen war und ganz sicher über uns und hinter dem Kapitän auf der Brücke stand, mit seiner letzten Faser auf meine Frau ausgedehnt haben, denn er mochte mich insbesondere wegen meiner Liebe zu seiner Heimat.

Das war der Moment, als ich das sanfte Lächeln des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Naguib Mahfus direkt vor mir sah, als er auf die Frage, was die Geschichte der häufigen Eroberungen Ägyptens durch andere Mächte ausgemacht hatte, (sinngemäß) sagte:

Wissen Sie, viele sind zur großen Mutter Ägypten gekommen und alle sind sie weiser wieder gegangen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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Eine Antwort zu Ägypten: Kreuzfahrt ohne Kreuz und mit Halbmond

  1. schnipseltippse schreibt:

    Schön beschrieben. 😊

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