Tunesien: Habib, der leidenschaftliche Alleserklärer

Meine allererste Reise in ein nordafrikanisches Land führte Mitte der achtziger Jahre, ehrlich gesagt: aus Kostengründen, nach Tunesien. Mit meiner damaligen, ersten Frau quartierte ich mich in ein nicht sonderlich luxuriöses, aber sauberes und freundliches Hotel in der Nähe von Monastir ein.

Geplant war irgendwie gar nichts.

Strand, Meer, ein wenig orientalischer Kitsch – viel mehr hatte ich von Tunesien gar nicht erwartet. Ich verstand kein Arabisch, ich kannte keine Araber, wusste mit Islam noch gar nichts anzufangen und einzig und allein meine damals schon entwickelte „Reisetechnik“ ließ mich recht angst- und sorgenfrei meine ersten, zaghaften Ausflügchen ins Land machen. Mit meinem Französisch konnte ich mich recht gut verständlich machen, handeln konnte ich auch und so organisierte ich ganz problemlos privat ein Taxi für kleines Geld, mit dem ich Monastir besuchte. Auf der etwa halbstündigen Fahrt kam ich mit dem Fahrer sehr nett ins Gespräch. Er empfahl mir dringlichst, wenigstens noch ein weiteres Mal nach Monastir zu fahren, er könne mir da die Besichtigung einer hübschen, höchst geschichts- und kunstträchtigen Moschee organisieren, obschon es offiziell aus Gründen der Erhaltung für Nichtmuslime ganz, und selbst für Muslime teilweise verboten war.

Natürlich konnte ich nicht anders. Mir dies Erlebnis entgehen zu lassen, wäre mir gar nicht möglich gewesen.

Und so fuhr er mich zwei Tage später zu einer durchaus konspirativen Adresse, legte meine Hand in die eines alten Mannes und bedeutete uns beiden nach einigen scheuen Blicken zu allen Seiten, wir möchten uns nun beeilen. So eilten wir, Hand in Hand, über die Straße, huschten an zwei Häusern vorüber und mit kurzem Knirschen des Schlosses öffnete sich das Tor. Ich trat in die Kühle eines Vorraumes ein, der über und über mit kostbaren Fayence-Kacheln belegt war. Hin und wieder sprießten über und über mit Blüten betupfte, liebevoll gepflegte Büsche, zumeist Oleander, aus Kübeln. In einem winzigen, nicht überdachten Lichthof vor dem kleinen Gebetsraum und der Ruhestätte eines verehrten Imams lächelte mich der alte Mann mit seinem zahnlosen Mund vermutlich noch breiter an, als seine Augen blitzen konnte. Er hielt noch immer meine Hand, zog sie nun jedoch nach vorn, zwischen uns, griff nach einem Kännchen, das beiseite stand und übergoss sie mit Rosenwasser.

Hier erfuhr ich, was ich viele Jahre später in Kairo um ein Tausendfaches verstärkt wiederfinden sollte: hier war etwas.  Aus kunsthistorischem Interesse vermeide ich grundsätzlich nie irgendeinen Sakralbau; ihre jeweilige Ausführung zeigt mir die Ängste, die Freuden, die Befürchtungen, die Alpdrücke und die Freudenfeste ihrer Errichtungszeit und ich sehe die Menschen, die sie geschaffen haben, vor mir. Aber außer der Kunst und der Geschichte sprach dort nie etwas mit mir – in der Fayencemoschee aber glitt mein Blick tatsächlich ab von den kostbaren Malereien und Ornamentiken und rutschte ins Leere. Unfähig zu erfassen, zu erahnen, was denn da wohl war außer dem Atem einer jahrhundertelangen Geschichte und wunderschön bemalten Kacheln.

Wieder ein paar Tage später fiel ich anlässlich einer angebotenen Mehrtagestour durch das ganze Land Habib zum Opfer. Größer gewachsen als ich, einen beinahe Afro-Look aus pechschwarzem Haar und fröhlichen, braunen Augen darunter – das war er. Ein Deutsch zum Fürchten sprach er und begrüßte unsere kleine, illustre Runde mit den Worten:

Mein Deutsch furchtbar. Aber ich sicher, dass mein Deutsch besser als Euer Arabisch!

Aufgrund meiner interessierten Fragen, die ich unablässig im Vertrauen auf seine patriotischen Gefühle an ihn zu richten wagte, fand er ein Publikum ganz nach seinem Geschmack in mir. Fortan entriss er mich sämtlichen lässlichen, seiner Meinung nach weniger wichtigen Attraktivitäten seiner Heimat und führte mich den faszinierenden davon zu. So kriegte er mich bei einem Halt zu fassen, führte aus, dass ich natürlich nicht zusammen mit den anderen überteuerten Touristenfraß hinunterschlingen, sondern mit ihm zusammen bodenständiges, gutes, tunesisches Essen genießen solle. Man servierte ihm, einigen anderen Touristenführern und zum allgemeinen Erstaunen auch mir als dem Exoten in ihrer Reihe ein Couscous, wie ich es zuvor und anschließend nie wieder bekommen sollte. Ich wusste beim Essen nicht immer genau, was ich aß – und im Rückblick würde ich das vermutlich auch gar nicht wissen wollen. Es war aber köstlich, mitunter scharf wie der heiße Wüstenwind, kernig wie das Lachen der Leute am Tisch, derb wie die Scherze, in die sie mich eingebunden hatten.

Bei anderer Gelegenheit schlug er dem Fahrer beinah auf den Kopf, weil dieser mitten in Tozeur in einer übervollen Landstraße unbedingt sofort halten sollte. Mit quietschenden Bremsen kamen wir zum Stehen, Kamelführer und -Reiter empörten sich, alles quetschte sich an unserem Minibus vorüber und Habib sprang heraus. Er hatte einen ambulanten Palmsafthändler gefunden. Nach kurzem Palaver füllte dieser grinsend einen Becher ab, reichte ihn Habib und der nötigte ihn mir auf. Das, sagte er, das müsse ich ganz unbedingt probieren, sonst würde er nicht weiterfahren lassen. Es war herrlich süß und frisch – ich werde den Geschmack nicht vergessen können.

In Kairouan lotste er mich zu seinem Lieblingskonditor, der, weil Markttag war, mit einem Stand außerhalb seines Geschäfts unweit der Großen Moschee stand. Trauben von Wespen umschwirrten ein ausgestelltes Blech, welches fingerhoch in Öl schwamm und einige süße Backwaren darin bis zur Hälfte versunken aufwies. Habib umtanzte mich; als ich nicht sofort zustimmte, weil ich Befürchtungen wegen der Verträglichkeit hegte, hatte er bereits zwei Portionen erstanden und hielt mir eine vor. Widerspruch wurde nicht akzeptiert. Habib hatte eine Mission.

Regel eins in Arabien: Geschenke kannst Du nur schlecht, eigentlich gar nicht ablehnen.

Ich aß – und mir eröffnete sich ein süßer Geschmack, den man in unseren Backstuben und Konditoreien wohl vergeblich sucht. Eine schwere, und zugleich leichte Süße, ein Touch Marzipan darunter, knisternder Blätterteig obendrauf und einem Klecks roter Marmelade darin. Ganz ohne jeden Scherz überlege ich bis heute, inwiefern ich möglicherweise gegen die Erreger übelster Erkrankungen, die den Ungeübten in diesen Ländern gern heimsucht, möglicherweise bereits immunisiert sein könnte. Auch auf meinen noch folgenden Reisen blieb ich grundsätzlich immer davon verschont und nicht selten sanken Mitreisende links und rechts von mir blaß, schweißübertrömt und wirklich leidend aufs Lager. Ich aß noch verschiedentlich aus Töpfen und Tiegeln, deren Inhalte sich nicht wirklich für Europäer empfehlen und manchmal aß ich sorgenvoll – doch nie widerfuhr mit Übles, aber davon werde ich sicherlich auch noch erzählen.

Es war an diesem einen, ganz besonderen und sonst eigentlich völlig unauffälligen Tag. Mein Auge, das historische und schöne Architektur liebt, floss in Kairouan förmlich über. Ich schwelgte in den weißen Mauern, in denen ich Gassen durchschritt, die durch fein geschmiedete, reich ornamentierte Tore getrennt wurden von lichtdurchfluteten, üppig von blühenden Pflanzen umstandenen Lichthöfen. Und in diesen Höfen plätscherten Springbrunnen, die das von der Sonne heruntergeworfene Licht tausendfach brachen und das Wasser in glitzernden Juwelen auseinanderstieben ließen.

Ich stand an einer Straßenkreuzung an eine Laterne gelehnt und betrachtete den Film- und Kamerashop neben mir, über dessen Tür eine alte, aber funktionstüchtige Box als Lautsprecher angebracht war und aus welcher sich arabische Musik auf die Straße ergoss. Es war ein heißer Tag und in meine Überlegungen hinein, ob ich noch neues Filmmaterial für meine Spiegelreflex brauchen würde, verdrehte sich die Luft mit der Musik, der strahlenden Weiße der Mauern, dem schweren Duft des Windes nach Wüste und ich fand den Rhythmus plötzlich im eigenen Herzschlag, die Harmonien im Sand unter mir und in den Augen der Menschen um mich herum wieder. Auf einmal verstand ich die einsetzenden Flöten, die Schwere der Trommeln und entdeckte mich selbst, wie ich mich darin verdrehte, verwunden, selbst zu einem Teil, zu einem Sinn dieser Musik geworden war. In diesem einen, isolierten und auf nur Momente eingedampften Augenblick begann ich, die arabische Musik zu lieben. Jedesmal, wenn ich sie heute in meinem Auto höre, mitklopfe, Refrains mitbrumme und mich meine Umwelt deshalb mit größtem Unverständnis, oft mit zusammengezogenen Augenbrauen anschaut, entsteht dieses Gefühl von dieser Kairouaner Straßenkreuzung in aller Frische neu für mich.

Tagelang durchflitzten wir das Land und hielten überall, wo es Habibs Meinung nach interessant für mich sein könnte. Die wenigen anderen Gäste stellten weder Fragen noch Forderungen an ihn und so konzentrierte er sich ganz auf mich. Alle stiegen aus, wo er wollte, kehrten zurück, was er als Abfahrtszeit benannte, bestaunten, was er ihnen zum Bestaunen vorgab und suchten auf, was er als interessant zu besichtigen erklärte und aufzeigte. Mich jedenfalls kriegte er immer zu fassen, wenn die Tür aufschwang, bog mit mir anders ab als alle anderen und zeigte mir keine Urlaubserlebnisse – sondern Tunesien.

Er rüttelte mich am Arm, als ich gerade auf einem zufälligerweise tatsächlich plan asphaltierten Stück einer Überlandstraße eingeschlafen war und wies am Eingang eines reich bewaldeten Tal begeistert auf ein römisches Quelltempelchen, das auf halber Höhe an einen hohen Hügel wie angeklebt schien. Es war unwirklich schön und wirkt fast ein wenig kitschig, beinahe wie der Airbrush-Traum eines Künstlers. Der Minibus quälte sich ein wenig den dichtbewachsenen Hang hinauf; wer dort einen Moment verweilte, den weißen Marmor der verspielten Figuren vor dem Hintergrund der Wälder und des ganzen Tales vor sich sah, das Gurgeln des frischen Wassers im umrundeten Teich vernahm, der sah ein ganz anderes Land als das der Händler am Strand, den Schirmchen im Cocktail und des Geruchs vom unvermeidlichen Sonnenöl.

Dann entführte uns Habib auf einen weiteren dieser Hügel, an den ein Berberdorf geklebt war mit der Entschuldigung, es handele sich hierbei, wenn es ihm denn erlaubt würde, um einen völlig außerplanmäßigen Abstecher. Er habe dort oben einen Cousin, der sei krank und bräuchte seinen Besuch. Natürlich hatte niemand etwas dagegen (ich schon mal überhaupt nicht, im Gegenteil!). Am Rande des Dorfplatzes angekommen, stieg ich als einziger aus und spazierte über den Markt, als ich einen vielleicht zehnjährigen Jungen mit Rosenblüte hinter dem Ohr entdeckte, der mir in angemessener Entfernung zusammen mit einem Mädchen, das seine Schwester sein mochte, folgte. Blieb ich stehen, blieb er stehen. Erblickte ich seinen Schopf, wenn er sich neugierig hinter einem Erwachsenen vorschob, gickerte er und versteckte sich wieder. So ging es eine gute Viertelstunde, bis es für ihn nun kein Halten mehr gab. Plötzlich tauchte er mit seiner an ihn geklammerten, etwas furchtsameren Schwester dicht neben mir auf und fragte scheu mit ausgesuchtestem, höflichsten Französisch, ob er mich vielleicht einmal anfassen dürfe. Ich nickte lachend und da fasste er mir mit Daumen und Zeigefinger federleicht wie der Stupser eines Katzenpfötchens auf den Arm. Fröhlich sprangen die beiden lachend wieder fort – sie werden ihren Kumpels und abends ihrer Familie von dem Weißen erzählt haben, von denen sich doch nie welche in ihr Dorf verirren. Und alle werden zugehört und gestaunt haben. Ein Weißer. In ihrem Dorf! Und die Pelle von Weißen ist irgendwie wie die eigene, obschon sie so komisch aussieht.

Ganz ehrlich? Mit knapper Not erinnere ich mich noch des Namens des Hotels: „Houda“ – aber ansonsten war es das wohl Bedeutungsloseste an dieser Reise für mich. Ich will dem Hotel kein Unrecht tun; ich weiß noch, dass das Essen reichhaltig, die Zimmer sauber, der Pool einladend groß und gepflegt wie die ganze Anlage war. Aber da war irgendetwas in den Augen, im Lachen und in der Fayence-Moschee zu Monastir, was ich damals nicht ansatzweise verstehen, mit dem ich nicht fertigwerden konnte. Das Phänomen begrübelte ich buchstäblich noch jahrelang – ohne eine Antwort darauf zu finden.

Das war es, was ich als „Souvenir“ auf dieser ersten Reise für mich aus Tunesien mitgebracht hatte: den Geschmack frischen Minztees, das Geheimnis, die Kühle, die Schönheit und das Rosenwasser der Fayence-Moschee, den Palmsaft vom Rande der Wüste – und die Liebe zur Musik des Landes, in der ich all das Vorgenannte wiederfinde.

Kein Zweifel ….. diese Reise hatte riesige Tore vor mir geöffnet und sie weit aufgestoßen. Was ich damals nicht ahnte war, wie dicht ich dem Geheimnis des Landes eigentlich schon gekommen war. Auch wenn ich noch lange nicht hindurchgetreten war, war mir doch ein erster Blick auf Dinge vergönnt, die ich erst Jahre später verstehen lernte. Und erst kürzlich fand ich einen Spruch, der unserem Verehrten Propheten Mohammed (saws) zugeschrieben wird:

„Monastir ist eines der Tore des Himmelreichs“

Das zu verstehen, dafür bedurfte es noch einiger Reisen – von denen ich jede einzelne von Mal zu Mal mehr mit klopfendem Herzen und unbändiger Vorfreude antrat.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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