Kairo: die Pyramiden und die Zigaretten

An diesem Tag würde ich allein sein; meine Schweizer Freunde lagen mit einer bösen Diarrhoe auf ihr Lager gestreckt und Yehia, Kairener, Ägyptologe, Patriot und Muslim, konnte mich wegen dringlicher Familienangelegenheiten nicht begleiten. Macht nichts, sagte ich ihm am Vorabend, ich düse dann zu den Pyramiden.

Ich musste lachen, als er mich sorgenvoll schon wieder fragen musste, ob ich mit der Metro in Kairo wohl klarkäme. Seine Bedenken waren gegenstandslos; erstens war ich Tage zuvor natürlich mit der Metro zu unserem Treffpunkt gefahren, zweitens bin ich, was Paris, London und andere Städte angeht, in Sachen Metro erfahrungsgestählt. Wobei dem Interessierten unbedingt erzählt werden muss, dass in Kairo das französische System umgesetzt ist: das gekaufte Ticket wird zum Auschecken nochmals benötigt. Deshalb nicht nach dem Einchecken fortwerfen! Und ausreichend Kleingeld mitnehmen, die Schalter können für gewöhnlich nicht wechseln!

Jedenfalls war ich früh auf den Beinen; der überaus freundliche Service des kleinen, aber sehr stilvollen, sauberen und aufmerksam geführten Hotels Victoria (ein Geheimtip!) hatte mich pünktlich auf die Minute per Telefon geweckt. Ich hüpfte unter die Dusche, genoss das frische, wenn auch leider stark chlorhaltige Wasser, überdieselte mich wegen des herzhaften Schwimmbadgeruchs reichlich mit Deo nebst Aftershave, zog mich an, nahm ein Frühstück ein und verließ das Hotel nach rechts – da lag, hundert Meter weiter vielleicht, der Eingang zur Metro. Das Kairo der Menschen ist ein wohlriechendes; man liebt schwere, süße Parfums, wegen des Glaubens und der Hitze häufigere Waschungen und so bleiben fragwürdige Gerüche in größeren Menschenmengen grundsätzlich aus. Ich wollte da keine Ausnahme darstellen.

Ich hatte am Abend zuvor aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit vergessen zu tun, was mir sonst Vergnügen bereitete und ein sinnvoller Beitrag zur ägyptischen Gesellschaft zu sein schien: es gab an dem Eingang des Hotels hinter der großen Glastür einen schmucklosen Blechschreibtisch. Augenscheinlich auch ganz ohne jeden Inhalt, aber meist mit einem Glas Chai darauf. Dahinter stand ein etwas abgeliebter Küchenstuhl, auf dem meist ein recht alter Herr saß, dessen erklärte Aufgabe nicht viel mehr als aus Lächeln und gelegentlichen Handreichungen und sonstigen Diensten bestand. Dachte ich. Bis ich am ersten Tag an der Rezeption nach einer Gelegenheit zum Kauf von Zigaretten fragte und man mir Auskunft erteilte, dass ich links auf der Sharia Ghoumouriya eigentlich immer einen fliegenden Händler treffen könne. Als ich mich bedankte und schon loslaufen wollte, hielt mich der freundliche Rezeptionist auf und schüttelte leicht den Kopf. Nein nein, gab er mir zu verstehen. Das funktioniere hier anders. Er wies auf den alten Mann und trug mir auf ihm aufzutragen, meine Zigaretten zu besorgen. Ich verstand nicht sofort, aber schnell genug. Also drückte ich dem Alten, der leichte Rückenbeschwerden hatte, meine Pfundnoten in die Hand, hielt zwei Finger hoch und sagte: Marlboro. Er nickte heftig, seine Augen blitzten, er lächelte, und flitzte los – wobei sich die Vokabel „flitzen“ hinsichtlich seines Rückens relativierte.

Es waren nur hundert Meter. Dachte ich. Hundert. Das konnte eine Viertelstunde dauern. Ich setzte mich also hin und wartete. Das Brausen der Stadt vor der Tür nahm zu; wenn Kairo auch niemals schläft, so vermehrte sich das Treiben nun doch noch um einiges. Tatsächlich erschien der Alte eine knappe Dreiviertelstunde später und händigte mir drei Schachteln Camel aus, die ich dankbar annahm und ihm ein gutes Bakshsish in die Hand drückte. Der freundliche Herr hinter der Rezeption, der das ganze Schauspiel verfolgt hatte, lachte über das etwas schräge Ergebnis. Ich auch. Denn das hatte ich aus meinen Erfahrungen verstanden: der Alte war seiner Familie eine Last, da er nichts produktives mehr arbeiten konnte. Dieser „Job“ aber verhalf ihm zu einem Zubrot, das er zum Einkommen der Familie beisteuern konnte. Das „Bakshish-System“ ist nicht nur vornehme, islamische Art und freudvolle, spirituelle Aufgabe für Muslime, sondern eben auch ein wichtiger Bestandteil sozialen Zusammenlebens in Ägypten. Es wird für gewöhnlich maßvoll betrieben; zu hohe Beträge erreichen das Gegenteil, sie machen argwöhnisch und gelten beinahe als Beleidigung, mit der man sich absichtsvoll über die Armut des Gegenübers mokiert. Man wird kaum Bettler finden; zumeist sitzen Bedürftige am Straßenrand und „verkaufen“ beispielsweise einzelne Päckchen Tempotücher. Betteln ist im Islam verboten – und unnötig. Wer auf sich hält, ein guter Mensch ist und, besser noch, praktizierender Muslim, der kann kaum an einem solchen Menschen vorüber gehen, ohne ein Päckchen Tempos zu „kaufen“. Würde dies umgerechnet eigentlich vielleicht 10 Cent kosten, so „zahlt“ man mit großer Selbstverständlichkeit eben mindestens 50 Cent. Es gab Tage, da leerte ich abends drei Päckchen Tempos aus meinen Taschen. Die schmalen Einkünfte aus solchem Straßengeschäft reichen zumeist für grundlegende Ernährung.

Zurück zu meinem Morgen. Ich verließ also das Hotel Victoria, stieg die Treppen zur Metro hinab, kaufte ein Ticket für „Cairo University“ und bestieg die Bahn. Heute ist die Metro weiter ausgebaut, damals gelangte man mit ihr, wollte man die Pyramiden sehen, nur bis dorthin. Für den Rest bemühte man seine Schuhsohlen oder ein Taxi. Ich nahm beides in Anspruch. Es war noch früh, aber trotzdem liefen bereits die ersten Touristenbusse ein. Das mussten sie, denn die Ticketausgabe für das Betreten der Pyramiden beginnt um 9 Uhr und es steht nur eine limitierte Anzahl zur Verfügung – wer zu spät kommt, bleibt draußen. Ich ergatterte eines und betrat den Schlund uralter Geschichte in Form der „Großen“, der Cheops-Pyramide, das Zentrum meines großen Interesses, meiner Leidenschaft. Denn genau dies war die ursprüngliche und sinngebende Motivation für meinen Kairo-Aufenthalt überhaupt gewesen – auch wenn sich dies durchaus dramatisch vollkommen verschoben hatte. Es war mein zweiter Besuch und so trat ein dezidiert historisches und architektonisches Interesse diesmal stärker gegen die Überwältigung an, die mich beim ersten Mal angesprungen hatte.

Geraume Zeit später krabbelte ich wieder ans Tageslicht. Ich würde das gesamte Plateau bei diesem Besuch genauer besichtigen und wollte speziell an das Grab des Hemiun, des genialen Baumeisters eben der „Großen“ herantreten.

Mal eben eine rauchen.

Ich beklopfte sämtliche Taschen, die irgendwo an meiner Kleidung angebracht waren. Eine nach der anderen. Leer. Alles leer. Ich förderte zum Rauchen nur mein Feuerzeug zutage, aber sonst nichts, was man anstecken und inhalieren konnte. Ah. Am Eingang, da gab es einen Kiosk, den hatte ich dort gesehen, der führte so allerlei. Auch Getränke, das wusste ich genau und wer Getränke hat ……. hat, wie ich nach meinem Weg zum Kiosk feststellen musste, noch längst nicht auch Zigaretten. Momente später stand ich wieder vor der Pyramide. Quengelig. Durchaus etwas verärgert über mich selbst. So ein Mist.

Da kreuzte ein Kamelführer meinen Weg. Und der rauchte.

Ich sprach ihn an, begrüßte ihn sehr höflich und teilte ihm mit einem ganz erstaunlichen Sprachenmix mit, dass ich auf gar keinen Fall ein Kamel, ihm aber gern zwei oder drei Zigaretten gegen gutes Geld abnehmen würde. Der Typ strahlte übers ganze Gesicht, drehte sich um und pfiff und rief nach seinen Kollegen. Oha, dachte ich, jetzt gibts eine Versammlung. Fünf seiner Kollegen ritten oder führten ihre Kamele heran, schon aus gewisser Entfernung rief ihm der von mir Angesprochene ihnen den Grund seines Rufs zu. Dann bildeten sie einen Halbkreis, bedeuteten ihren Tieren, sich zu legen, setzten sich und baten mich, das gleiche zu tun. So ginge das ja nun nicht, bekam ich zu hören. Man würde sich schon anständig, ausgedehnt und intensiv miteinander unterhalten müssen, bevor man derart schwierige Geschäfte abschlösse. Alle lachten, das Ding bereitete allen Spaß. Derlei geschieht nie; gewöhnt sind sie barsche Rückweisungen, Prügel der patroullierenden Polizei und eher Respektlosigkeiten – aber wohl nie höfliche Ansprache und die Frage nach etwas ganz anderem als ihrem Angebot.

Unterdessen blieben bereits die ersten Touristen stehen und fotografierten. Der Kamelhalbkreis mit den schön gekleideten Führern vor der Pyramide und mir in der Mitte schien ein hübsches Motiv zu sein.

Ich wurde peinlich genau nach meiner Herkunft und nach meinen Familienverhältnissen befragt und gab bereitwillig Auskunft. Mir wurde selbstverständlich jeder Anwesende nebst seines Kamels und dessen Name vorgestellt und auch ihre Geschichten erfuhr ich. Das da, das war Ahmed beispielsweise. Ein junger, dunkler Kerl mit Krauskopf. Der habe heute morgen seine Frau geschlagen. Alle blickten ihn darob finster an und schwiegen kurz, Ahmed lächelte unsicher in meine Richtung; er hatte ganz offensichtlich schon einige Kommentare dazu gehört. Mohammed hingegen sei ein guter Mann, er würde nur zuviel arbeiten, aber er hätte auch drei Töchter. Wie denn wohl das Wetter in Deutschland sei. Als ich berichtete, seufzte ich, weil ich den jüngeren unter ihnen erklären musste, was „Schnee“ ist. Immerhin war ich zu Beginn des Januars da.

Polizeistreifen kamen vorbei. Einer von ihnen fragte mich, weniger zugewandt zu mir als drohend gegen alle anderen gemeint, ob alles in Ordnung sei. Jaja, sagte ich ihm. Ich wolle bloß ein paar Zigaretten kaufen. Er verstand sofort. Ein einzelner Japaner begann mich zu stören. Er hüpfte von einem Punkt zum anderen um uns herum, um den besten Blickwinkel für sein Foto zu finden.

Wir redeten und redeten, wir bestaunten uns gegenseitig. Zwischendurch reichte mir abwechselnd einer von ihnen mal eine, mal zwei Zigaretten. Ich erfuhr, das die meisten von ihnen zwar aus dem Ortsteil Gizeh stammten, aber längst nicht alle. Dass sie tragischerweise von keinem auf dem Pyramidenplateau Bediensteten geschätzt und respektiert, sondern meisten nur davongejagt würden. Sie kämen aber immer wieder – schließlich müssten ihre Familien und natürlich auch die Tiere essen. Mitunter tätschelten oder neckten sie ihre Tiere; auch wenn Tierliebe ansonsten (nicht nur) in diesem Land nicht unbedingt angesagt ist, waren die Leute hier vom Wohlergehen ihrer Kamele direkt abhängig. Kamele sind höchst sensibel, und wenn sie abgerissen, krank und mager ausschauen oder unfreundlich sind, können sie nicht vermietet werden.

Eine gute Stunde später wurde es trotz des ewigen, milden Windes zu warm und ich fand, dass es Zeit zum Aufbruch wäre (ich hatte mir noch den Gewürzmarkt für den Tag vorgenommen). Als ich gedanklich zurück in den Sand vor den Pyramiden kehrte, meine Gesprächspartner registrierte und mich darüber amüsierte, dass wir unterdessen eine weitere Attraktion des Plateaus geworden waren, erhob und bedankte ich mich wortreich bei allen. Jedem einzelnen schüttelte ich lange die Hand, wir tauschten Höflichkeiten in unserer jeweiligen Muttersprache aus und verstanden uns nicht verbal, sondern bestens. Ich bin absolut sicher, dass sie abends ihren Familien ebenso belustigt von dem verrückten Aleman berichtet haben werden wie ich den meinen von den verrückten Kameltreibern an den Pyramiden. Zudem prange ich zusammen mit ihnen sicherlich in einem guten Dutzend Fotoalben und bin vermutlich zehn Sekunden in einer Diashow wert.

Als ich das Plateau verließ, verfügte ich übrigens über gut zehn Zigaretten.

Und hatte keine einzige mit Geld bezahlt.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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