Mein Kairo: Der Kissenbezug und der Soldat

Was willst Du heute sehen?

fragte mich Yehia und ich wusste (natürlich) keine Antwort. Es war mein dritter Tag in der Stadt, die ich ursprünglich mit einer ganz anderen Motivation besucht hatte. Zu der Zeit war ich Mitglied in einem illustren Ägyptologenzirkel und mit Freunden davon hatte ich mich gründlich auf Kairo vorbereitet.

Wenige Wochen vor meiner Abreise aber stellte ich plötzlich zu meinem eigenen Entsetzen fest, dass ich mich gut auf das historische, aber überhaupt nicht auf das moderne Ägypten eingestellt hatte. Ich kannte die Größe und sogar das Gewicht der Großen Pyramide, wusste aber noch nicht einmal von der bloßen Existenz der al-Azhar-Moschee, geschweige denn irgendetwas von ihrer Bedeutung und Geschichte. Also rief ich kurzerhand Olaf, der Kairo bereits ganz gut kannte, an. Auf meine Frage, worauf ich bei meinem Besuch achten sollte, stutzte er.

Naja … ticken Ägypter ungefähr so wie Tunesier?

fragte ich ihn. Ich blieb ohne Antwort – denn Olaf kannte nun wiederum Tunesien nicht.

Jedenfalls eröffnete sich mir in diesen ersten drei Tagen ein Kaleidoskop von Eindrücken, die mich schier überwältigten, gefangen nahmen, nicht mehr losließen, Fragen an mich stellten, an die ich nie zuvor gedacht hatte.

Yehia, glühender Patriot und gebürtiger Kairener, krempelte sich die Ärmel hoch, murmelte: lass mich mal machen, und so schoben wir los. Auf unserem Weg gabelten wir noch Arnold und Anja auf und schoben zu viert hinein ins islamische Kairo; ich lernte eine ganze Stadt in der Stadt kennen. Bunte Wimpelgirlanden üerspannten die engen Gassen, alles war verstopft mit Menschen, die alle „mal eben“ noch eine Besorgung zu machen hatten und die Gassen und Straßen mit sich selbst noch sehr viel bunter und lebhafter gestalteten. Trotz zuweilen drangvoller Enge, trotz aller Lebhaftigkeit herrschte ein heiteres Miteinander. Ab und zu passierte man Verkaufsstände, an denen leidenschaftlich und gestenreich gehandelt wurde, manchmal stieg man über müde gewordene Leute und häufig blickte man geradenwegs in Augen, die neugierig in die eigenen schauten und sich zu fragen schienen, ob hier eine interessante, eine gute, eine nette Geschichte warten könnte, die es zu erzählen und zu bestaunen gilt.

Manchmal neigen sich die Häuser aufgrund ihres hohen Alters müde geworden über den Gassen einander zu, was durchaus bedenklich werden könnte. Damit das Schlimmste ausbleibt, hat man massive Holzbalken zwischen ihnen verspannt. In meinem kurz vor dem Flug erstandenen Reiseführer stand zu lesen, dass das Betreten des Zeltmacherviertels wegen der vielen, feinen Fasern in der Luft zum Niesen reizen könnte – ich lachte, als ich nieste, kaum dass ich die ersten Meter dort hinter mich gebracht hatte.

Nur wenige Meter außerhalb des Zeltmacherviertels hatten sich Nähstudios niedergelassen; in teilweise sehr kleinen, nach außen geöffneten Kammern hingen große Mengen ihrer Erzeugnisse und schienen beinah nach außen, auf die Straße quellen zu wollen. In einem dieser Lädchen hockte ein wirklich sehr alter Mann, in sich gekehrt,  versunken, irgendwo außerhalb der großen Stadt – und doch mitten drin. Wie er da so saß und sich zu seinem Werkstück bückte, damit er den Weg der feinen Nadel genau beobachten konnte, bildete sein Körper beinahe ein „O“.

Ich bin weder respekt- noch distanzlos. Ich verzichtete darauf, ein Foto davon zu machen, obschon es märchenhaft geworden wäre und eine hervorragende Vorlage für ein gemaltes Bild gewesen wäre.

Eines seiner Werkstücke fiel mir in die Augen. Es war eine wunderschöne Umsetzung einer Kalligraphie und von einer höchst fein gearbeiteter Ornamentik umrandet. Ich bekundete Yehia mein Interesse – und er stutzte, was eigentlich gar nicht seine Art ist. Ob ich das Stück denn wirklich wolle, fragte er leise, immerhin stelle es ein höchst wichtiges Schriftzeichen dar und er wisse nun nicht, ob ich damit etwas anzufangen wisse. Ich beharrte aber darauf. Also sprach Yehia den alten Mann an, wies auf diesen Kissenbezug, dann auf mich und es erhob sich ein überraschend ausgedehnter Dialog zwischen den beiden.

Abwechselnd blickten beide zu mir. Dann erhob sich der Alte mit ernster Miene, nahm den gefragten Bezug, trat zu uns und begann eine Rede. Yehia übersetzte mir, dass er mir das Stück eigentlich gar nicht verkaufen wolle, denn die Kalligraphie stünde für das arabische „Allah“. Er habe jedoch gehört und würde darauf vertrauen, dass ich es in Ehren halten würde und er würde mir das Versprechen abnehmen, immer ehrenvoll damit zu verfahren.

Dabei fuhren seine braunen, schmalen, sehr gepflegten Finger liebevoll über den Bezug, als müsse er sich persönlich von ihm verabschieden. Dann ergriff er meine Hand, schaute mich an und wollte mein Einverständnis direkt von mir hören. Yehia flüsterte: nicke einfach. Dann nahm ich den Bezug an, zählte den ausgehandelten Betrag ab und griff dann in meine Jacke, in der ich eine handvoll Kugelschreiber bevorratet hatte. Denn der Tip wurde mir vor der Reise ebenfalls noch gegeben: Kugelschreiber sind höchst beliebt und begehrt. Sie sind in Ägypten unverschämt teuer, werden aber von den Schulen für Schüler vorgeschrieben, was jedesmal ein unangenehmes Loch in die Haushaltskasse der Familien reisst. Also legte ich dem alten Mann zu dem Kaufpreis noch drei Kugelschreiber in seine Hand, die er eine zeitlang beinah fassungslos anstarrte. Er fragte Yehia, was das zu bedeuten habe und als er verstand, dass das ein besonderes Dankeschön von mir war, traten Tränen in seine Augen. Als wir weitergingen, winkte er uns noch solange nach, wie er uns in der Menge noch entdecken konnte.

Kugelschreiber bedeuteten für mich auf dieser Reise in einem Fall die Rettung – so trivial das auch klingen mag:

Yehia grinste mich eines morgens auf dem Pyramidenplateau bei Gizeh breit an und fragte mich:

Willst Du Deine Füße genau auf den Fleck setzen, wo sie die größten Pharaonen schon hatten?

Was für eine Frage! Natürlich!

Es sei jedoch nicht ganz unbedenklich, sagte er. Man müsse das „offizielle“ Gelände verlassen und sich möglichst unbemerkt zu einem Hügel bewegen. Genau dorthin gingen die Pharaonen, die den Fortschritt ihres Pyramidenbaus möglichst gut beurteilen wollten. Von dort aus hatte man einen grandiosen Ausblick auf das gesamte Plateau samt aller Pyramiden.

Wir konnten aber beide nicht anders, schlenderten zu einem etwas weiter entfernten Punkt auf dem Plateau, bemerkten, dass uns offenbar niemand bemerkte und verschwanden dann wie Erdmännchen offenbar in den Wüstenboden – wir duckten uns zwischen niedrigeren Dünen, hielten den Kopf unten und eilten in die Richtung des Hügels, den wir in einem Hui hochstiegen. Es war in der Tat für jeden begeisterten Ägyptologen ein unvergesslicher Blick; beinahe auf Augenhöhe blickte man auf das gesamte Plateau, auf welchem sich dem Betrachter alle drei großen Pyramiden in ihrer vollendeten Form präsentierten und auch auf die umliegenden Gräberfelder einen hervorragenden Überblick boten. Ohne Mühe fand ich genau den historischen Fleck, auf welchem der große Khufu gestanden haben musste – in rasender Geschwindigkeit drehte sich die Uhr rückwärts, wir übersprangen in unseren Gedanken ganze Jahrtausende und sahen die Szene vor uns. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort gestanden haben mochten. Der milde Wind betrog die Sonne um ihre Hitze und wir betrachteten das Gewimmel der vielen tausend Besucher, die umherziehenden Kamele, die fliegenden Händler – es wird kaum eine andere Szene gewesen sein als sie sich dem Betrachter viele Jahrtausende zuvor auf diesem Fleck ebenfalls gezeigt haben musste.

Geraume Zeit später machten wir uns auf den Rückweg; die moderne Zaunanlage hat damals nur in Anfängen existiert und daher hinderte uns nichts daran, als ganz normale Besucher in der Nähe der offiziell zugelassenen Anlage wiederum wie Erdmännchen plötzlich aus dem Wüstenboden wieder aufzutauchen.

Bis auf den Soldaten mit seinem Dromedar.

Yehia wurde blass, als sich dieser uns näherte, wobei er vorsorglich sein Maschinengewehr bereits von der Schulter genommen und tatsächlich auf uns in Anschlag gebracht hatte. Ich ahnte sofort: das kann jetzt wirklich böse ausgehen. Er zwang uns auf die Knie; abwechselnd tippte er Yehias und meinen Kopf mit der Mündung seines Gewehres an. Zwischen beiden entwickelte sich ein schnelles und längeres Gespräch, in welchem Yehia ihm klarzumachen versuchte, dass er uns gern durchsuchen möge und nichts finden würde. Wir hätten weder gegraben noch gestohlen oder irgendetwas beschädigt …. und man würde sich sicherlich gütlich einigen können. Der Soldat zögerte. Yehia förderte sein gesamtes Bargeld zutage, sammelte meines ein und bot es ihm dar. Er nahm es, zählte, schüttelte den Kopf und bedeutete uns, ihm zu folgen; eine Anzeige sei unumgänglich. Eine solche Anzeige würde in jedem Fall Untersuchungshaft bedeuten, und die versprach schon im Ägypten eines Hosni Mubarak Schläge, Misshandlung, Einzelhaft und Kontaktverbot nach Außen – in meinem Fall würde man sich wie üblich auch lange weigern, meinen Botschafter zu informieren. Es hätte auch noch ganz erheblich übler ausgehen können da sich der Soldat trotz Bitte von Yehia standhaft weigerte, irgendetwas anders mit seinem Gewehr zu unternehmen als wechselweise auf unsere Köpfe zu zielen. So etwas macht durchaus nervös. Dann zischelte mir Yehia zu, ich möge ihm all meine Kugelschreiber geben, ich hätte doch wohl noch welche?

Ich hatte.

Ich zeigte dem Kerl zehn Kugelschreiber, wobei ich mich betont sehr langsam bewegte, als ich in die Innentasche griff. Er strahlte und wollte danach greifen, als er plötzlich innehielt, wohl dachte, da wären noch mehr und sich noch weitere fünf, meine letzten, geben zu lassen. Als er sie sämtlich in seiner Uniform versteckt hatte, schnalzte er mit der Zunge und ließ sein Dromedar weitergehen. Einfach so. Keine Geste, kein Wort mehr, nichts …. er ritt ganz einfach davon und ließ uns, schweißgebadet wie wir waren, grußlos zurück und gönnte uns noch nicht einmal mehr ein schäbiges Grinsen.

Es ist durchaus verrückt ….. aber die einzigen schlechten Erfahrungen, die ich je in Ägypten machte, habe ich der Staatsmacht zu verdanken. Ich hatte sehr schnell gelernt, dass man, wenn man in Schwierigkeiten steckt und sich hilfesuchend etwa an die Polizei wendet, sofort noch in ganz erheblich größeren Problemen steckt. Schon vor diesem Erlebnis machte ich einen großen Bogen um die Polizei – und wenn ich einmal Rat oder Hilfe brauchte, wandte ich mich (jedesmal mit durchschlagendem Erfolg!) grundsätzlich immer nur an normale Bürger.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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