Fliehende: Der Kampf um das Menschsein

Da dies blog hier meine ganz und gar unkorrigierten „Rohgedanken“ aufnimmt, zeige ich natürlich auch Wirkung, wenn ich Pressemeldungen vielfältigster Art reflektiere.

(Die Lektüre eines wunderbaren Artikels in der taz von Martin Kaul hat meine Begrifflichkeit nachhaltig verändert: ich nenne die Betreffenden nun „Fliehende“ so wie er – denn sie sind, wie wir miterleben, auch nach ihrem Eintritt in die Gefilde der EU noch immer auf der Flucht und werden es noch lange bleiben.)

Und ich will nicht verschweigen, dass mich das Video der ungarischen Kamerafrau, die einem Mann mit Kleinkind auf dem Arm, der entkommen wollte, ein Bein stellte, nicht nur zutiefst schockierte. Nein. Ich gestehe vor mir selber ein, dass ich dieser Frau ob ihrer Unmenschlichkeit ganz gern weit mehr angetan hätte als ihr nur ein Bein zu stellen.

Das Video ist vollkommen klar, unmissverständlich und die Aussage der Tat dieser Frau ist durch gar nichts zu relativieren. Diese Frau trägt den gleichen Hass in sich, der vor siebzig Jahren erst in Deutschland vermeintlich „brave“ Bürger zu Scheußlichkeiten brachte, die den Mund vor blankem Entsetzen offenstehen lassen.

Wie weit ist es noch von dieser Frau zu dem unvergesslichen Filmstreifen, der eine Gruppe Juden in einer deutschen Stadt von ekelerregend „arischen“ Bürgern umringt zeigte, die mit Stöcken auf die Gestellten einschlugen, entfernt? Wann ist genau der Zeitpunkt erreicht, an welchem Maßnahmen gegen solche „Bürger“ ergriffen werden müssten, die man heute im Rückblick Filme und Geschichten von damals vermisst? Wie oft habe ich selbst als Zuschauer solcher Filme gedacht:

Warum ist da keiner? Kein Mensch? Unter diesen Viechern? Warum schießt oder prügelt da keiner in diese widerwärtige und ekelerregende, unmenschliche Menge?

Was sind das für Aufnahmen von dieser Brücke in Dänemark, die von solchem Vieh bestanden wurde? Was ist das für dänisches Vieh, das seine Freude über die gescheiterten Fliehenden übers Geländer auf sie hinab blökte? Das Gabriel’sche Wort „Pack“ greift einfach nicht genau – es trägt noch viel zu viel Menschlichkeit in sich und ist damit unangemessen. Eigentlich trägt auch der Begriff „Vieh“ einerseits nicht weit genug und ist andererseits eine Beleidigung für das Vieh, das auf Weiden steht, niemandem weh tut und uns widerstandslos seine Milch schenkt.

Für mich persönlich ist es beinah ganz allein das „Seil Allahs“, mein Glaube, an dem ich mich durch solche Dunkelheit festhalte und hochziehe: ich darf keine Gewalt gegen dies Vieh einsetzen und werde es demzufolge auch nicht tun. Ich muss sie als Mitgeschöpfe wahrnehmen, deren Existenz von Allah befohlen ist; es ist mir nicht gestattet, sie mit Gewalt zu bekämpfen oder, schlimmer noch, auslöschen zu wollen. Sie sind die Verlorenen; sie sind die, die uns im Qur’an mehrfach und eindrücklich beschrieben und vorgestellt werden. Sie zeigen uns einen markanten Punkt auf dem Weg, der in die Verdammnis führt und von diesem aus winken sie uns zu.

Ich bin nicht besser als sie. Ich habe nur das unverschämte Glück, auf die helle Seite des Daseins geschubst, gezogen und gebeten worden zu sein und ich habe damit die Chance erhalten zu begreifen, wohin solch furchtbarer Hass und zu welch entsetzlichen Verbrechen er führen kann und immer wird. Mir bleibt nur, mich da, wo ich selbst unmittelbar anwesend bin, solches Vieh von Angriffen abzuhalten und mit den Fliehenden auch Menschlichkeit zu verteidigen. Mir ist es völlig egal, ob derjenige, der von diesem Vieh bedroht wird, Muslim oder Nichtmuslim, Kosovare, Albaner, Syrer oder irgendetwas anderes ist.

Er ist Mensch.

Sein Gegner allerdings ist es auch – und es ist schon schlimm genug, dass ich ihn als „Vieh“ bezeichne. Aber ich bin eben auch nur Mensch. Und ringe in diesen Tagen beherzt darum, darüberhinaus auch ein akzeptabler Muslim zu sein.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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4 Antworten zu Fliehende: Der Kampf um das Menschsein

  1. echsenwut schreibt:

    Gerade das nämlich nicht. Wie ich geschrieben habe, fühle ich mich meinen Werten durchaus sehr verpflichtet -und am Ende gestehe ich diesen Leuten allerdings das Menschsein zu. Sie erhalten genau den Respekt und genau die Unverletzlichkeit als Menschen von mir. Lesen Sie nochmal. Das steht da nämlich.

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    • the_real_siteadmin schreibt:

      Ich habe Sie schon richtig gelesen. Das zugestandene Menschsein ist abgerungen, ein formales Lippenbekenntnis, um nicht angreifbar zu sein – die Affekte toben ganz anders.

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      • echsenwut schreibt:

        Danke für Ihr Kompliment. Sie sehen also, dass „menschliche Kultur“ darin besteht, nach sehr islamischer Disziplin den eigenen Affekt erkennen, jedoch mit dem Kopf auf eine korrekte Ebene heben und kontrollieren zu können. Wissen Sie, das ist eine äußerst zentrale Idee und Forderung des Islams; Muslime können und müssen erkennen, wonach ihr Bauch strebt und was gemäß ihres Verstandes richtig ist. Ich bin daher offenbar auf dem völlig richtigen Weg.

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  2. the_real_siteadmin schreibt:

    Sie sind ja schnell bei der Hand, anderen das Menschsein („Vieh“) abzusprechen. Traditionell sozialdemokratische und egalitäre Dänen, die aufgrund schlechter Erfahrungen nur das „Eigene“ schützen und solche Verhältnisse http://searchlight-germany.blogspot.de/2015/09/refugees-say-thank-you-germany-by.html verhindern wollen , würden Sie am liebsten herzhaft durchprügeln. Die feinsinnige Fassade bekomt Risse..

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