Mein Kairo: der alte Mann und der Teer.

Es war nicht stimmig. Es reichte irgendwie noch nicht. Zuwenig erlebt, dachte ich, und der Abend ist noch jung. Dabei war es schon deutlich später als 22 Uhr und ich war an dem Tag bereits seit acht Uhr unterwegs gewesen.

Aber es war eben Kairo.

Gerade in der warmen und heißen Jahreszeit schläft das Leben in dieser Stadt grundsätzlich nie ein. Der „Motor Kairo“ läuft immer – selbst wenn in den tiefen Nachtstunden die Drehzahl etwas nachlässt, gibt es keinen Augenblick, an dem sich nicht irgendwo irgendetwas Interessantes in unmittelbarer Nachbarschaft abspielt. So streiften an diesem späten Abend noch immer und in beinah unveränderter Zahl Myriaden von Menschen durch die Stadt und genossen das Nachlassen der Hitze. Es war ein Schwärmen und Leben, dass sich von dem des Tages nur durch die Abwesenheit der Sonne unterschied und das sich des Ausseufzens erfreute, mit dem Kairo nachts die Hitze loslässt.

Also erhob ich mich wieder vom Hotelbett, auf das ich mich in voller Montur hatte fallen lassen. Es würde zu einer größeren Runde durch die Stadt nicht mehr reichen, mir taten die Füße ein bisschen weh, aber herausgehen, ein Stück die Straße Richtung Bahnhof laufen vielleicht und mich dort auf dem Platz auf eine Bank fallen lassen – das würde wohl noch gehen.

In der Tat: es waren noch immer reichlich Menschen auf der Straße; die Shariah Ghoumourija führt mehr oder weniger in Richtung des berühmt gewordenen Tahrir-Platz, wenn man von einem Abbiegen absehen will und ist somit eine sehr zentrale und viel genutzte Straße. Arkaden überspannen den Bürgersteig und dort sind Geschäfte mit vielseitigstem Angebot ansässig; angelegentlich bestaunte ich das Schaufensterangebot eines Gerätehändlers, der von Maschinenhämmern über Kreissägen auch Kaffeemaschinen und Mikrowellenherde anbot.

Neben den zahllosen erfreulichen, besitzt Kairo auch einige weniger erfreuliche und für manche Zeitgenossen schier unerträgliche Aspekte; einer davon ist eher kleiner, mit einem langen Schwanz und dichtem Fellchen versehen und gehört zur Gruppe der Nager. Ratten. Auf diese ungewollte Begegnung muss man im nächtlichen Kairo abseits der Hauptstraßen und in der Nacht durchaus eingestellt sein. An diesem Abend sah ich zwei, drei von ihnen die Straße überqueren. Bei anderen Gelegenheiten und eher in periphären Stadtteilen versammeln sie sich schon mal zu einigen Dutzend – wenn nicht mehr.

Ich erreichte den Platz am Ende der Straße unweit des Zentralbahnhofs, von dem sternförmig andere Straßen abgehen und überquerte den Ring der Fahrstreifen wie es alle Kairener tun: flink wie ein Wiesel huscht man herüber und weicht dabei den Autos aus. Als ich dies Kunststück am Tahrir-Platz das erste mal übte und tatsächlich gesund am anderen „Ufer“ angekommen war, grinste mich Yehia breit an und sagte: Glückwunsch, Du hast soeben Deinen ersten Kairo-Qualifizierungsgrad erworben.

Es herrschte ein wahrhaft geschäftiges Treiben – wohl auch speziell an diesem Platz dem ganz nahe gelegenen Zentralbahnhof gschuldet, einem der wohl sehenswertesten und belebtesten Punkte der Stadt. Hier unterscheidet sich das Kommen und Gehen zwischen den Tageszeiten nur marginal; dem aufmerksamen und auch stillen Beobachter bietet sich ein nicht enden wollendes Schauspiel inmitten einer grandiosen Kulisse, die aus Autos, Hupen, einhereilenden, ziellos herumstehenden und schwatzenden Menschen aus allen Herkünften der Welt besteht.

Wie ich da so sitze, eine zweite Zigarette rauchte und alles ungehemmt auf mich einströmen ließ, löste sich aus der Masse ein einzelner, sehr alter Mann, der in meine Richtung über die Fahrbahn huschte und neben mir auf der Bank Platz nahm. Er war ganz sicherlich weit über siebzig; sein Gesicht zierte ein paar flinke und helle Augen, eine sehr knitterige, dunkelbraune Haut, worüber ein sehr sorgsam gebildeter, strahlend weißer Turban thronte. Er hatte sich mit vier offensichtlich wirklich schweren Plastiktaschen abgemüht und stellte diese, ich vernahm ein Rumpeln, vor sich zwischen seine Beine ab.

Ich wusste, hier wartete wieder eine dieser vielen hundert Geschichtchen und wartete darauf, erlebt, genossen  und vielleicht sogar eines Tages einmal erzählt zu werden. Nun ist es also soweit.

Jedenfalls verschnaufte der Alte nur kurz und wandte sich dann der ersten seiner Tragetaschen zu. Bedächtig entnahm er ihr ein Dreibein und stellte es vor sich hin. Es war ein Dreibein, wie ich es aus arabischen, häufig improvisierten  Küchen kenne und etwas verwirrte erwartete ich nun, dass der Alte darunter etwas Holz und Holzkohle aufschichten würde. Richtig. Er griff in die zweite Tasche, entnahm ihr etwas Reisig, einige Klötzchen und zwei, drei etwas stärkere Stückchen Holz. Darauf wiederum legte er einige respektable Brocken Holzkohle.

Gut. Ich hatte schon so einiges in Arabien erlebt. Ich weiß, das man dort zuweilen das absolut Unerwartete als sehr wahrscheinlich einplanen muss. Da scheucht ein Zahnarzt die Katze vom Behandlungsstuhl und sucht sich einen Aschenbecher für seine Kippe, bevor er seinen Patienten bittet, Platz zu nehmen. Da wird ein solches Dreibein, allerdings mit Gaskocher, im Flugzeug kurz nach dem Start aufgebaut, weil man seinen Chai erst zuzubereiten und dann zu trinken wünscht. Arabien – das ist das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Also nahm ich sicher an, dass sich der Alte eine Mahlzeit zubereiten würde, als er einen halbkugelförmigen Topf auf das Dreibein setzte, unter dem bereits ein munteres Feuerchen flackerte. Was er dann aber seiner dritten Tragetasche entnahm, war das erwartete Unerwartete. Es waren faustgroße, tiefschwarze und glänzende Brocken – und glichen somit nichts von alledem, was mir in Arabien je als „essbar!“ begegnet wäre. die Brocken polterten in den Tiegel. Mit einem Stöckchen piekste der Alte bald dort hinein und ich sah, dass sich eine fettig glänzende, schwarze Suppe bildetet, in welcher die Brocken langsam aufgingen. Am Geruch erkannte ich dann recht schnell: es war Teer.

Ich grinste. Denn das ist eine der oben bereits erwähnten Geschichtchen aus TausendundEiner Nacht.

Wir saßen eine geraume Weile nebeneinander. Ich bewirtete den Alten mit der einen oder anderen Zigarette, linste gespannt auf den Tiegel und ergab mich ansonsten meinen sonstigen Beobachtungen. Dann waren alle Brocken in der Suppe verschwunden, auf deren Oberfläche langsam Blasen aufstiegen und mit einem matten „Blubb“ wieder zusammenfielen. Der Teer war nun fertig. Der Alte griff sich ein paar dicke Lappen, fasste den Tiegel vorsichtig an den Seiten, hob ihn und bewegte sich zur Straße. Ich hatte begriffen: hier handelte es sich um einen Reparaturauftrag der Kairoer Stadtverwaltung – mithin ein offizieller, öffentlicher Auftrag. Also stand ich dem Alten zur Seite, betrat die Fahrbahn, bedeutete den Fahrern, auszuweichen und geleitete den Alten auf die mittlere Spur. Dort klaffte tatsächlich ein respektables Loch – inmitten von tausenden und abertausenden Löchern, die die Straßen Kairos zu einem Abenteuer machten.

Nachdem der Alte den Inhalt des Tiegels dort hineingegossen hatte, zogen wir zwei uns von der Straße wieder zurück. Der Auftrag, der ganz sicherlich nicht ursprünglich an ihn erteilt worden war, war in aller vollendeten Sinnlosigkeit beendet. Bereits zwei Minuten später würden genug Reifen hindurchgepoltert sein und noch flüssigen Teer mit auf ihre Reise genommen haben, dass der Stadt auch dieses Schlagloch erhalten bleiben würde – da war ich ganz sicher.

Aber solche Aufträge sind grundsätzlich immer Ehren- und Familienangelegenheiten. Der Sohn des Alten wird wohl den Auftrag offiziell erhalten und nicht erledigt haben, weil er vielleicht seinem Cousin, einem Spediteur, bei einer dringlichen Lieferung helfen musste und daher seinen Vater damit beauftragt haben wird. Der Spediteur wiederum, der den Stadtangestellten aus seinem Job entführt hatte, wird womöglich seinerseits und ebenfalls mit einem städtischen Auftrag in Verzug geraten sein, weil ein entfernter Verwandter irgendwo in Kairo eine Baustelle betrieb, dessen Bauherr wegen der ständigen Verzüge langsam unwirsch wurde. So funktioniert Kairo. So funktioniert Arabien. Es wird nicht organisiert – es wird „organisiert“. Sicherlich ist die halbe Stadt untereinander verpflichtet und in tausende und abertausende solcher Aufträge verwickelt; die Ausmaße menschlicher Beteiligung an zunächst trivial klingenden Gewerken sind kaum zu überblicken.

Das gelingt nur mit einem maximalen Ausmaß an künstlerischer Freiheit; Improvisationsgenies sind gefragt, gesucht und immer stark beschäftigt. Es gilt immer, große Sippen, ganze Stadtviertel untereinander zu verweben – denn diese Taktik ist nicht aus einer Not geboren, sondern sie ist guter Stil, gutes Benehmen und die Welt aller möglichen Aufträge und „Aufträge“ wird nach diesem Strickmuster erledigt.

Ich traf mal auf einen Taxifahrer, der die Bekanntgabe meines Fahrtzieles in keiner versuchten Sprache verstand. Ich versuchte, nach Kenntnis eine arabische Aussprache zu verwenden, ich fand das französische Wort und nutzte das englische – er schüttelte jedesmal energisch, aber freundlich den Kopf. Irgendwie aber vereinbarten wir trotzdem einen Fahrpreis und er kutschte mich tatsächlich eine halbe Stunde durch halb Kairo – zu seinem Cousin in der Nähe von Gizeh, weil der etwas englisch verstand. Zwei klärende Sätze später, wir zogen den Cousin an seinen Beinen auf seinem Rollbrett unter einem Auto hervor, einem frischen Chai und etwas Palaver setzten wir zwei unsere Fahrt fort – und ich zahlte keinen Piaster mehr als vorher ausgehandelt, trotz des ungeheuren Umwegs.

Der Alte zog mit nun leeren Tragetaschen wieder seines Wegs und war schnell von Kairo verschluckt. Wohl noch bevor er sein Zuhause erreicht haben wird, wird das Loch in der Straße wieder in alter Frische da sein, hier und da eine Achse brechen, den einen oder anderen Fluch hervorkitzeln und ich werde mit ihm, dem Alten und seinem Sohn zusammen der Einzige bleiben, der je davon erfahren hat, dass die Stadt Kairo den Auftrag erteilt hatte, das Loch zu beseitigen.

Und der alte Ramses, der damals noch dort ganz in der Nähe dieses Schauspiels in Form seiner Kolossalstatue gestanden hatte, wird gerührt darauf hinabgeschaut, gelächelt und gedacht haben:

Ägypten ändert sich nie.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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4 Antworten zu Mein Kairo: der alte Mann und der Teer.

  1. stillerradau schreibt:

    Guten Morgen,
    seit Kurzem verfolge ich Ihren Blog und möchte Ihnen eines sagen: Dankeschön! Ich bin zwar keine Muslimin, aber in Ihren Texten geht ja hervor, dass Ihnen sowas egal ist, dass ein respektvolles Miteinander wichtiger ist. Ich genieße diesen schönen Samstagmorgen mit der Lektüre Ihrer Erinnerungen und bin begeistert von Ihrer Gelassenheit und Ihrer Haltung.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich auf weitere Texte, die mich sehr zum Nachdenken anregen!
    Herzliche Grüße

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    • echsenwut schreibt:

      Ihr liebenswerter Kommentar hat mich berührt …. und ich bedanke mich sehr dafür. Vor dem Hintergrund der erschütternden Ereignisse in Ägypten habe ich mich sehr häufig selbst nach diesen Erinnerungen gefragt, habe sie gedanklich auf ihre Inhalte überprüft und vor allem ihre Wirkung auf mich festgestellt. Die Raserei der Gegenwart, die u.a. auch in Kairo einen hohen Blutzoll gefordert hat, forderte mir ultimativ ab, mich der zahllosen Erlebnisse in der Stadt aufs Neue zu vergewissern – sozusagen mit ihrer Niederlegung hier erneut „einen Nagel hindurchzuschlagen“ um sie als Bollwerk dem entgegenzusetzen, was dort augenblicklich passiert. Auf dem Boden dieser Erinnerungen kann ich mich voller Überzeugung vor die Menschen Kairos stellen und sagen: die sind nicht so!
      Wissen Sie, ich habe Kairo damals als (Noch-) Nichtmuslim betreten und war dennoch von der Wärme der Menschen, ihrer Heiterkeit, ihrer Würde und Geradlinigkeit förmlich überwältigt. Wenn wir hier in Deutschland immer wieder gebetsmühlenartig von „Integrationsproblemen“ sprechen, sollte man uns breitflächig einen Aufenthalt in Kairo per Rezept verschreiben. Das Thema existiert dort überhaupt nicht – dies in Kairo anzusprechen verhielte sich, als wenn man hier grundsätzlich die Notwendigkeit von Verkehrsschildern debattieren wollte.
      Ich bedanke mich noch einmal sehr herzlich bei Ihnen – und werde neue Gedanken, die ich Ihnen verdanke, in meinen neuen Beitrag einfließen lassen! 😀

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  2. echsenwut schreibt:

    Wenn das Histörchen Spass machen konnte, so freut mich das ganz ungemein. Mir selbst sind aus diesen selbstverständlichen erst nach Jahren besonders kostbare Erunnerungen geworden – und ich versuche, dieser Stadt mit ihren Menschen Würde und Wert zu erhalten. Wenn es gelingt, Dir eine schöne Zeit in meinem Kairo gegeben zu haben spricht das letztlich sehr gut für Dich!

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  3. schnipseltippse schreibt:

    😊 jetzt habe ich eine Weile mit dir auf der Bank gesessen. Vielen Dank.

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