Mein Kairo: die Reise auf dem toten Esel in die Vergangenheit …..

Erst Jahre nach meiner hier bereits detailreich beschriebenen Reise nach Kairo verstand ich ganz allmählich, wie erstaunlich, wie wunderbar sich jeder Augenblick davon in mein Leben gefügt und welche Folgen dies für mich hatte.

Nein – ich kann nicht sagen, dass ich Angst vor der eigenen Courage bekommen hätte, als sich unsere Maschine nach ihrer letzten Kurskorrektur zur Landung in Kairo vorbereitete, die Triebwerke drosselte und ihre Passagiere mit mir darunter bald in die Nacht dieser Stadt entlassen sollte. Wie auf dem anschließenden Transfer zum Hotel aber auch, so saß ich gedanklich wie eine Fliege auf der Fensterscheibe, wohl mit ganz ähnlich großen Augen, und versuchte, möglichst viel bereits von oben zu erkennen. Da es jedoch bereits kurz nach 21 Uhr und längst dunkel geworden war, zeigten sich mir nicht viel mehr als Lichterketten, ein kurzer Blick auf einen Nil, der ein bisschen im Mondlicht glitzerte und ein Meer von großen und kleinen Sternchen auf dem Boden, die jeder für sich ein noch besetztes Büro, ein Wohnzimmer, eine Straßenlaterne waren.

Aber mich umfing zu meinem eigenen, übergroßen Erstaunen eine sehr seltsame, mir vollkommen unbekannte Nervosität. Hatte ich mir zuviel vorgenommen? Viel zu viel vielleicht? War es vermessen oder sogar tatsächlich dumm, ein Kairo allein und ohne jede Erfahrung zu besuchen? Ohne jede Ahnung vom Land mitten in dessen pulsierendes Herz hineinzufallen? Was, wenn mich meine Kenntnis aus Tunesien in Ägypten nicht trug?

Ich beruhigte mich ein wenig, als ich aus der langsam ausrollenden Maschine einen Blick auf eine Gruppe älterer Männer erhaschte, die genau neben der Landebahn zusammensaßen und eine Shisha rauchten, sich angelegentlich über den Typ unseres Flugzeugs zu unterhalten und bester Laune zu seinen schienen. In Ordnung. Das war denn doch wieder mein Arabien.

Nachdem mich der Kleinbus in meinem Hotel abgesetzt und ich die wiederholte, aber ungeheuer höfliche und freundliche Nachfrage des Reiseleiters, ob ich denn nicht doch einige der von ihm angebotenen Besichtigungsprogramme in den nächsten Tagen buchen wolle, mit ebenso freundlichem Nein abgelehnt hatte, erhielt ich an der Rezeption meinen Schlüssel und trat an den Lift. Dritter Stock. Aha. Da mein Koffer nicht sonderlich schwer war, würde ich mich nur wenig die Treppen abzumühen haben – denn es wäre schließlich ein Unding, in einem nicht sonderlich touristisch frequentierten Hotel einen funktionierenden Lift erwarten zu wollen. Ich drückte den Rufknopf. Der Lift setzte sich zum Erdgeschoss in Bewegung, ich konnte es an der rücklaufenden Zahl darüber sehen und auch hören. Ich stutzte. Der Lift stoppte, die Tür öffnete sich. Jetzt staunte ich. Ich trat ein, drückte die „3“ und die Tür schloss sich ordnungsgemäß. Es gab sogar leise Musik. In der dritten Etage stieg ich aus, zugegebenermaßen ein wenig verunsichert.

Mein Zimmer war ein wirklich anrührender Mix aus britischem Kolonialstil und ägyptisierender Ornamentik, ich mochte es sofort.

An dieser Stelle mache ich sehr gern (und vor allem vollkommen provisionsfrei) Werbung für das Hotel Victoria; es ist sehr liebevoll gepflegt, erstaunlich günstig für seine eigentlich privilegierte Lage und hat sehr aufmerksames Personal. Dem Vernehmen nach hat es in den letzten Jahren ein wenig mehr westliches Publikum; es wird, denke ich, wohl noch angenehmer geworden sein.

Schon der erste Morgen hielt gleich einige Lektionen für mich bereit und schien mir ganz Grundlegendes beibringen zu wollen. Im Schlepptau eines gebürtigen Kaireners, Yehia, ich habe ihn hier schon vorgestellt, wanderten wir zu einem Treffpunkt, an welchem wir ein ähnlich wie mir ägyptologisch fasziniertes Ehepaar aus der Schweiz treffen wollten.

Es war noch recht früh, und so war das Gedränge auf den Straßen noch ein wenig lichter – es gab Momente, an welchen man mehr als ein oder zwei fußbreit Platz um sich hatte. Vor mir, noch verdeckt von einigen Passanten, bewegte sich ein kratzendes und schabendes Geräusch aus Bodennnähe auf uns zu. Ich lief ein wenig langsamer, ich konnte das Geräusch nicht einordnen. Einige auf uns zukommende Menschen machten etwas Platz und da schälte sich eine Erscheinung aus der Menge und kam unvermittelt auf mich zu, deren Eindruck ich nie wieder vergessen kann. Ein Mann mittleren Alters in durchaus schäbiger Kleidung bewegte sich in Hüfthöhe auf mich zu. Da ihm beide Beine vollständig fehlten, saß er auf einem kleinen Rollbrett und stieß sich mit beiden Händen, die er mit Lumpen umwickelt hatte, vom Boden ab um vorwärts zu kommen.

Vier Meter – dann würde er mich erreichen. Vier Meter. Dann waren es nur noch drei, die mich von der Notwendigkeit trennten, irgendetwas zu tun, zu sagen – zu empfinden. Denn die Augen des Mannes waren fest auf meine gerichtet. Zwei Meter. Mittlerweile war ich, zur Salzsäule erstarrt, einfach stehengeblieben wie ein Roboter, der einen Computerfehler hat. Was tun? Was sollte ich jetzt nur tun?

Welcome in Egypt!

rief er mir von unten zu. Er strahlte, hob seine rechte Hand und winkte mir sehr fröhlich zu. Seine Augen unter dem schmutzigen Etwas, was sein Turban sein sollte, blitzten und verrieten seine Freude über mich. Mich getroffen zu haben. Mich begrüßt haben zu können, in seiner Heimat, seiner Stadt, die er mir damit zu Füßen legte.

Noch bevor ich dies Erlebnis noch irgendwie begreifen oder gar den Entschluss dazu fassen konnte, ihm mit einer Gabe seinen Tag erleichtern, mich für seinen mehr als nur freundlichen Gruß bedanken zu können, war er längst schon wieder verschwunden. Von dieser Stadt verschluckt – und das war gut so.

Ich hätte ihn maßlos damit beleidigt, seinen Gruß entwertet, mit blödem Geld bezahlt – mithin der ganzen Stadt eine Herabwürdigung gezollt. Ich hatte bis dahin noch lange nicht begriffen und sollte erst unter anderem durch dies EEinige rlebnis lernen, welches der tausendundein Geschenke Kairos und seiner Menschen man wie und wodurch belohnt und würdigt. Vielleicht habe ich ihn sehr viel mehr dadurch belohnt, dass ich diese Geschichte bis an mein Lebensende wie ein Juwel im Herzen trage und seine Ehre, seine Würde in seinem Gruß erkenne.

Einige Lektionen mehr erteilte mir Yehia. Er ist ein glühender Patriot, ein gläubiger und praktizierender Muslim, gebürtiger Kairener und all das macht ihn zu einem weit mehr als nur angenehmen Zeitgenossen; völlig unaufdringlich, voller guter Ideen, einer grandiosen Spontaneität, einem ausgeprägten Improvisationstalent, häufig nachdenklicher Stille und einem ewig bunten Strauß an Heiterkeit, die sich ganz gern zur Albernheit steigern konnte. Zwei Abende später kutschierte er mich zum Treffpunkt, an welchem wir in einem typisch kairener Restaurant mit Arnold und Anita essen wollten.

Unvermittelt steckten wir in seinem klapprigen Fiat im riesigen Kreisverkehr unterhalb der Zitadelle fest. Nichts ging mehr. Eine gute Viertelstunde lang entwickelte sich ein für Kairo so typisches, unglaubliches Chaos. Ein gutes Hundert von Autos stand Stoßstange an Stoßstange, aus grauen Rauchfahnen der Abgase formierte sich ein dichter Nebel, viele Fahrer waren ausgestiegen und schauten nach der Ursache der totalen Verstopfung. Erste Rufe wurden laut, einige stellten sich zusammen und diskutierten die Lage – auf Abhilfe war nicht zu hoffen. Yehia lächelte leise, wandte sich mir zu und flüsterte, obschon er ein beinahe wasserklares Deutsch beherrscht:

Scheisendreck.

Meine aufkeimende Nervosität verflog wie ein kühler Frühnebel vor der Sonne. In einem Ruck war ich von seiner inneren Ruhe überwältigt und begriff ganz schnell: ja, auch das ist Kairo. Die nächste halbe Stunde verbrachte ich wie er auch damit, mir das Treiben und vor allem das Stehen genauer anzuschauen und hinzuschauen. Es gab keine Schreiereien, keine Unordnung inmitten des totalen Chaos, keine Wut, keine aggressiven Rufe, keine geschüttelten Fäuste. Irgendwann setzten wir die Fahrt tatsächlich fort – und gelangten ganz nach kairener Art pünktlich eine gute Stunde später an den Treffpunkt als vereinbart.

Erst am dritten Tag sollte ich die Pyramiden sehen. Erst am dritten Tag. Wenn man mir solches vor Antritt der Reise gesagt hätte, wäre ich höchst unwillig gewesen – denn immerhin waren de Pyramiden der ursprüngliche Zweck meiner ganzen Reise. Als ich aber einmal in der Stadt war, traten sie für mich auf wundersame Weise in den Hintergrund. Während wir das Programm des nächsten Tages besprachen und Yehia die Pyramiden auf die Tagesordnung setzte, schaute ich nur kurz auf und flüsterte beiläufig: Na gut. Dann eben Pyramiden. Fast wäre mir jedes andere Ziel in Kairo mindestens ebenso recht gewesen.

Es ging früh los, eigentlich sogar sehr früh, denn wir wollten möglichst viel sehen an diesem Tag. Yehia hatte sich von seinem Bruder wieder einmal seinen eigenen, verrosteten und wenig zuverlässigen Fiat zurückgeliehen, ließ uns einsteigen und bedeutete mir, die Beifahrertür gut festzuhalten, sie würde ab und zu dazu neigen, abzufallen. Ich hielt sie, dass mir das Weiße auf die Fingerknöchel trat. Es ging ein wenig nilabwärts; wir wechselten die Nilseite und flitzten an den Feldern entlang, die ihrerseits an die Wüste grenzten, überquerten einige Wasserkanäle und blieben dann kurz stehen. Rechts von uns erhoben sich die obersten Stufen der Stufenpyramide von Saqqara und neben den Feldern davor verlief ein Kanal. Im Wasser trieb der aufgedunsene Kadaver eines toten Esels und gerade, als ich ihn entdeckte, drehte ihn die Strömung ein wenig in meine Richtung und ich blickte geradenwegs vor der Kulisse der Stufenpyramide in seine gebrochenen Augen.

Wo siehst Du den Tod?

fragte mich der Blick des Esels und ich wusste nicht zu antworten, ob er in ihm oder in der Pyramide war. Ich sollte der Antwort später ein Stückchen näherkommen.

Yehia brachte uns vor die Rote Pyramide; da sie nur sehr selten Teil eines touristischen Besichtigungsprogramms ist, liegt sie meist allein und still in ihrem Wüstensand und nur ein älterer Wächter sitzt vor ihrem Eingang, für den man die halbe Höhe an ihrer Flanke emporklettern muss. Es hat ein bisschen was von einem magischen Tor in einem Märchen – und genau das sollte diese Pyramide für uns werden.

Am Eingang angekommen, schüttelte der Wächter bedauernd den Kopf. Der Eintritt sei leider nicht möglich, im Innern der Pyramide sei leider jede Beleuchtung ausgefallen und sie befände sich in vollendeter Dunkelheit. Arnold grinste mich breit an: kann uns das aufhalten? Ich verneinte, seufzte und kletterte wieder von der Pyramidenflanke herunter. Es gab eine Taschenlampe im Fiat und Yehia, der wegen einiger Rückenprobleme unten geblieben war und uns nicht begleiten konnte, händigte sie mir aus. Und noch einmal hochklettern, was durchaus ein herausforderndes Unterfangen ist, Mut braucht und eine gesunde, kräftige Motivation.

Wir glitten mehr als zu klettern den dunklen und engen Schlund hinunter. Da weder Arnold noch ich gänzlich unambitioniert sind, kannten wir das Innere der „Roten“ auswendig und hatten keine Mühe, unseren jeweiligen Standort ziemlich genau zu identifizieren. Uns umhüllte eine Schwärze von einer Dichte, die ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Nachdem wir die unteren Kammern durchquert hatten, standen wir vor dem wackeligen Holzgerüst, welches wieder ein wenig hinauf zur Sargkammer führte. Dort setzten wir uns ganz einfach hin, Arnold und ich. Um uns herum lagen Millionen Tonnen von Stein, wir befanden uns im Zentrum des Bauwerks.

Was dagegen, wenn ich die Lampe ausmache?

fragte Arnold und als ich den Kopf geschüttelt hatte, knipste er sie aus und übergab uns dem Abenteuer der Schwärze.

Der Geist begann nach einigen Augenblicken zu rebellieren; er hastete mit den nutzlos gewordenen Augen mal hierhin, mal dorthin. Diese ewige Nacht in der Sargkammer war weitaus tiefer, dichter als es nur die Abwesenheit von Licht hätte erreichen können. Sie bildete Schlieren aus, wo keine sein konnten; sie verdichtete sich zuweilen noch um ein Wesentliches, sie begann, geradezu unheimliche Formen auszubilden – und insgeheim begann die Furcht davor zu wachsen, im nächsten Augenblick Gesichter darin zu entdecken. Als tunke man mit einem Zeh in die Idee des Todes. Der Pulsschlag entwickelte sich zu hartem Hammerschlag und mit ansteigender Verzweiflung klammerte sich der Geist an das Geräusch des eigenen Blutes in den eigenen Adern – weil er sonst nichts mehr fand.

Arnold knipste die Lampe wieder an. Auf dem Rückweg tauschten wir uns über das Erlebte aus und begriffen, weit mehr über uns, die Alten Ägypter und unsere Furcht als über die Pyramide gelernt zu haben. Selten habe ich das einfache Sonnenlicht so sehr zu schätzen gewusst und begeisterter begrüßt als in dem Moment, als wir kriechend und krabbelnd dem Schlund des Eingangs wieder entkamen.

Da habe ich für mich den Gedanken formuliert:

Ägypten ist ein Meister des schönen Todes – und Ägypten ist ein schöner Meister des Todes.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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