Trolls – „Der nächste bitte!“

Wie bei vielen anderen auch, so spaziert auch bei mir der eine oder andere Troll vorbei, belästigt, beleidigt, quengelt und führt sich peinlich auf. Nun stellt dies für mich und in meinem Fall generell kein Problem dar: sobald ich einen solchen, unangenehmen Zeitgenossen als solchen erkannt habe, lösche ich seine Pamphlete ungelesen und sofort – der blanke Entzug der Aufmerksamkeit reicht aus und der Troll zieht sehr bald weiter. Selten, dass ein solcher „Befall“ länger als ein paar Tage anhält.

Das ist auch gar nicht das Problem.

Unlängst „gönnte“ mir ein solcher Troll (oder wäre der Begriff „Netzparasit“ in diesem Fall zutreffender?) eine ganze Litanei; er wird sich damit durchaus Arbeit gemacht haben – nur um erkennen zu müssen, dass der ganze Sermon über den „Papierkorb“ entsorgt wurde und nicht die erhoffte Aufregung erzeugt hatte.

Ich frage mich in solchen Fällen häufig:

Wenn ich mir vorstelle, solches zu tun – wie mies müsste es mir eigentlich gehen? Wie verrückt müsste ich sein, um anderen so zu begegnen?

Reflexhaft drängen sich mir Assoziationen auf; da ist der minderjährige Rotzlöffel, der aus Lust an der Zerstörung Scheiben einschlägt, Haltestellen verwüstet und Wände beschmiert. Aber ist das wirklich der gleiche Typus Mensch? Wenn ich den Autoren eines Blogs etwa beleidigen und herabwürdigen wollte, was müsste dieser mir angetan haben, dass ich dazu Lust oder sogar ein Bedürfnis hätte? Ich finde für mich keine Antwort darauf – weil ich so etwas ganz sicherlich nie tun würde.

Nicht etwa, weil ich mich selbst als so gut, erhaben, abgehoben oder überlegen empfände – sondern weil mein Leben durchaus nicht davon geprägt ist, dass ich voller Aggressionen steckte, für die ich kein Ziel finden könnte. Jedes Leben kann oder könnte immer noch optimiert werden, für mich und mein Leben gilt aber eine grundlegende Zufriedenheit, weil ich über rundherum gesicherte und erfreuliche Lebensumstände verfüge. Mich treibt nichts um, was ich an anderen abreagieren müsste und ich wüsste, dass der Fehler bei mir läge, wenn das der Fall wäre. An mir nagt nichts, was ich nicht bearbeiten könnte oder längst bearbeitet habe.

Gut – deshalb komme ich letztlich auch zu dem Schluss, dass diese Trolls nichts anderes als Kranke mit Lust an der Zerstörung sind. Wer über ein wenig Intellekt verfügt, sich im Leben und der Welt ein bisschen auskennt, ist über Derartiges weit erhaben. Der bekommt für gewöhnlich auch seine Probleme (vor allem die, die Aggressionen auslösen können!) in den Griff und fühlt sich nie hilflos gegen den, der sie auszulösen scheint. Die Lust am Beschmutzen und Zerstören ist bekanntlich nichts als ein Ventil für Drücke, die sich nicht anders entlasten können – etwa weil die Eltern übermächtig erscheinen oder der Ehepartner mit Streit oder Liebesentzug droht. Diese Trolls sind verletzt, gekränkt, allein und vermutlich auch auf breiter Fläche in ihrem Leben erfolglos. Sie sitzen auf verbrannter Erde und legen das Feuerzeug nicht aus der Hand.

Trolls sind hilflos und auch, wenn sie sich hinter einer durchscheinenden, aber vehement hochgehaltenen Maske vorgeblicher Intellektualität verstecken, im Grunde immer lebensuntüchtig – und häufig ziemlich dumm dazu. Sie stecken voller Angst. Sie haben das unstillbare Bedürfnis nach Geltung, sie müssen fühlen, von anderen Individuen wahrgenommen zu werden – und wenn sie es nicht im Positiven erreichen, dann eben über das Mittel der Zerstörung. Tragischerweise eigentlich beruht genau darauf das Geheimnis des Erfolgs, mit dem man diese Trolls sehr schnell wieder loswird: Ignoranz. Der Psychologe nennt dies „negative Aufmerksamkeit“; es ist die Qual, nur mit destruktiven Mitteln noch Reaktion von anderen erreichen zu können.

Man kann und darf ihnen nicht mit Kampf oder Verteidigung, nicht mit Gegenangriff oder Argumenten begegnen, denn all diese Mittel könnten nur bei weniger psychisch gestörten Menschen greifen, denen noch zumindest ein Rest klaren Verstandes in all ihrer bemitleidenswerten Wut geblieben ist. Was in einem persönlichen Gespräch noch erreichbar wäre, fällt als Option im Internet aus: der Versuch, dem Verletzten, dem nur noch seine Beleidigungen und Zerstörungen zur Verfügung stehen, andere Mittel für ihre Problembewältigung in die Hände zu legen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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