Mein Ägypten: Der Markt und das Zuckerrohr

Noch bevor ich meinen jüngsten Sohn damals fragte, ob er wohl Lust auf Ägypten habe, kannte ich seine Antwort. Er strahlte übers ganze Gesicht und hatte sofort begriffen, dass nur wenig luxuriöses Entertainment, sondern eine ganze Reihe von Abenteuern auf ihn warten würde. Mit seinen damals sechzehn Jahren war er ausreichend konstituiert, um einige Strapazen auszuhalten und viel von dem, was ich ihm vorstellen würde, auch als Lektion über das Leben mitnehmen könnte.

Im Vorfeld verzichtete ich auf sämtliche Vorträge. Ich konnte auf seine schnelle Auffassungsgabe, auf seine Sensibilität und auf sein Interesse vertrauen; ihn hatten meine Berichte von den manchmal recht abenteuerlichen Erlebnissen in der Vergangenheit immer brennend interessiert und nun war es hoch an der Zeit für ihn, selbst zu erleben.

Wir waren schon ein paar Tage im Süden Ägyptens, als wir eines späteren Nachmittags in Assuan auf dem Markt ein paar Besorgungen erledigt hatten und uns zu einem Karkadè in ein Cafè setzten. Zu meinem größten Vergnügen liebt mein Sohn den fruchtigherben Hibiskustee Ägyptens und so hatten wir uns auf dem Markt einen Vorrat für daheim zugelegt.

Mein Sohn fragte mich nachdenklich: wie funktioniert eine islamische Gesellschaft eigentlich?

Wo sollte ich da anfangen? Wie kann man möglichst eindrücklich und vor allem für einen Europäer nachvollziehbar zeigen, wie eine islamische Gemeinschaft funktioniert? Einigermaßen ratlos schaute ich auf das bunte Treiben des Markts. Und hatte eine Idee.

Zunächst berichtete ich ihm folgendes Geschichtchen aus Kairo:

Als ich zusammen mit Freunden durch das islamische Kairo streifte, blieb Yehia kurz stehen, weil er unvermittelt auf einen Bekannten traf und begrüßte ihn. Eine höfliche, arabische Begrüßung ist nicht in zwei Sätzen erledigt und so hatte ich Zeit, mich umzusehen. Wir standen in einer schmalen Gasse, die durch einen kleinen Platz lief und der von Geschäften vielfältigster Art umstanden war. Es herrschte dichtes Treiben und wir bildeten als Grüppchen, das einfach in der Gasse zu einem Schwatz stehengeblieben war, genauso ein Hindernis wie so manche andere Grüppchen auch. Die Menschen umflossen uns wie ein nicht enden wollender Strom. Dieser Teil Kairos ist ein ganz besonderer; Google Maps zeigt ihn von oben klar erkennbar als ein Gemengsel sandfarbener, kleiner und sehr eng aneinandergedrängter Häuser und Häuschen, durchzogen von Gassen und Gässchen, die jedem Stadtplan entkommen und die sich wie ein feines Aderngeflecht labyrinthartig durch die Häuser ziehen. Unablässig zieht sich der Strom der Menschen wie Blutkörperchen hindurch, bildet „Klümpchen“ an besonders interessanten Plätzen und Verkaufsständen. Jungs umlagern einen Stand mit quietschbuntem Plastikspielzeug und bewundern neonfarbene Wasserpistolen, Windräder, fernlenkbare Autos, obschon der Mond nicht weiter von ihnen entfernt ist als diese begehrten Objekte. Andere verkosten nicht weniger bunte Süßigkeiten, die sich in großen Haufen auf den provisorischen Tischplatten hochtürmen.

An einer Seite des Platzes öffnete sich quietschend eine alte Holztür. Ein junger Mann trat heraus und balancierte auf seiner Schulter eine größere Menge grüner Stangen von etwa doppelter Fingerbreite und deutlich mehr als einem Meter Länge. Meine erste Assoziation, die sie als Bambus erkennen wollte, ging natürlich fehl. Er ging etwa vier Meter und betrat dann durch eine Tür das Nachbarhaus. Kurze Zeit später vernahm ich hinter einer geschlossenen Rollade ein halblautes Knirschen. Der Mann kam wieder heraus, ging zurück durch die erste Tür, nur um wieder mit einer Schulter voller grüner Stangen in das zweite Haus zurückzukehren. Knirschen. Zwischenzeitlich war die Begrüßung beendet und Yehia fragte mich angelegentlich, was denn da wohl meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich zeigte auf die beiden Häuser. Ach, sagte er lächelnd, da wird Zuckerrohrsaft gemacht.

Der Bekannte war ebenfalls stehengeblieben, wobei seine Augen immer wieder die meinen suchten und Freude erkennen ließen. Yehia wird ihm wohl, denke ich, gesagt haben, dass ich einer von wohl wenigen Touristen sei, die ihr Land nicht belehren, sondern von ihm lernen wollten. Yehia teilte ihm jetzt mit, dass ich ganz offensichtlich noch nie Zuckerrohr gesehen, geschweige denn seinen Saft probiert hätte. Ob ich ein Glas haben wollte, wurde ich gefragt. Das sei ein sehr beliebtes Getränk in Ägypten und ich müsste es auf jeden Fall kosten.

Unterdessen waren zwei, drei Leute mehr stehengeblieben, fragten, was wohl los sei, beäugten mich sehr aufmerksam und warteten auf die Geschichte, die sich ereignen sollte. Yehia und sein Bekannter übernahmen es, das langsam anwachsende Publikum darüber zu informieren, was nun geschehen würde. Ich sah Frauen in meine Richtung linsen, lachen und einander zutuscheln. Vielleicht mokierten sie sich gerade über mein Bäuchlein oder gestanden sich gegenseitig ein, dass ich einen knackigen Hintern hätte.

Wir schritten zu dem zweiten Haus, an dem nun die Rollade vor dem kleinen Shopfenster hochgezogen wurde. Dahinter erkannte ich auf einem Tisch eine Maschine, einer Wäschemangel nicht ganz unähnlich (vermutlich war es eine!), die durch eine Kurbel angetrieben wurde und knirschend aus den eingezogenen Stengeln Saft presste. Yehia bestellte für mich. Natürlich mit dem Zusatz, hier würde jetzt gleich ein Deutscher den ersten Zuckerrohrsaft seines Lebens trinken. Der Shopkeeper lachte – und spülte das frische Glas gleich noch einmal durch. Ich fühlte mich nach Empfang des Glases, in dem nun ein Saft von der Konsistenz und Farbe von Kiwisaft etwa war, dazu verpflichtet, mich umzudrehen. Die Menschen hatten ein Recht zu erfahren, wie es mir schmeckte. Soviel hatte ich in Kairo längst gelernt.

Ich erschrak fast.

Die Menge war nun auf deutlich mehr als drei Dutzend Menschen angewachsen und begann, das Strässchen grundgütig und vollständig zu verstopfen. Wer auch immer am Weitergehen gehindert war, erfuhr den Grund, wandte sich mir zu und vergrößerte Publikum und Stau.

Ich hob das Glas an. Das geschäftige Lärmen auf dem Platz ebbte vernehmlich ab.

Ich trank. Es wurde beinahe still.

Was ich schmeckte, war ein etwas dickerer, kühler Saft von überraschender Süße und Frische, der verrückterweise etwas an den Duft frischen Grases erinnert. Ich fand es tatsächlich ausgezeichnet – und habe all die Jahre später sehr bedauert, dass es ihn hier nirgends zu bekommen gibt. Also strahlte ich, grinste breit, reckte den Daumen der rechten und mit der linken Hand das halbleere Glas hoch.

Viele Leute lachten, klatschten, Frauen schenkten mir ihren typisch arabischen Triller und alles winkte mir zu. Einige traten an mich heran, klopften mir Ärmsten, der soviele Jahre seines Lebens auf einen so einfachen Genuss warten musste, fröhlich und mitfühlend auf die Schulter. Yehia grinste und kniff mir ein Auge zu. Das ist Ägypten, lachte er. Du tust hier nichts, ohne dass irgendjemand Anteil daran nähme. Einige Grüppchen von Leuten blieben beieinander stehen und besprachen das soeben Erlebte, fanden eine Überleitung zu etwas anderem, Interessanten und wir zogen unseres Weges weiter – bis zuletzt begleitet von fröhlichem Winken und freundlichen Grüßen. Da hatte man wieder einmal einem Touristen etwas Kultur beigebracht.

Als ich also mit meinem Sohn am Rand eines Marktplatzes in Assuan saß und ihm diese Geschichte erzählte, verwandelten sich die vielen Menschen auf dem Platz in seinen Augen und er begann zu verstehen, was ich meinte: Ägypter, Muslime bilden eigentlich immer eine Gemeinschaft, die einander verpflichtet, füreinander verantwortlich ist. Zufallsgemeinschaften bilden keine Ausnahme; entsteht eine besondere Situation in ihrer Mitte, so bilden sie sofort einen Kreis Interessierter, der sich für zuständig hält – wofür nun auch immer. Es mag ein Notfall sein, weil vielleicht gerade jemand stürzt. Etwas Amüsantes, wie mein Zuckerrohrsaft, etwas Bedrohliches in Form eines größeren Unglücks. Muslime werden sich grundsätzlich immer dafür interessieren, ob jemand, der Hilfe braucht, auch welche bekommt und was notwendig ist, diese Hilfe zu leisten. Wenn es ein Ratloser ist, und ich war häufiger in dieser Lage, dann genügt einer, der Rat anbietet und den Hilfesuchenden begleitet – gern auch einmal durch die halbe Stadt. Müssen mehrere Hände zufassen, findet man grundsätzlich immer viel mehr davon, als es bedarf. Gemeinschaften finden und organisieren sich in atemberaubender Geschwindigkeit; innerhalb weniger Augenblicke bilden ursprünglich dahineilende Passanten ganze Einsatztrupps, teilen sich Aufgaben nach Fähigkeiten und akzeptieren einen Älteren als „Shaikh“. Diese Gruppen müssen sich nicht notwendigerweise untereinander kennen.

Mein Sohn betrachtete, ich konnte das sehr gut erkennen, die dahineilenden Passanten auf dem Platz plötzlich mit ganz anderen Augen. Er war verblüfft. Es konnte mir inshallah gelingen, ihm ohne alle Vorträge, Belehrungen und Vorlesungen Ägypten zu zeigen und ihn fühlen zu lassen, wie dies Land und wie Islam funktionieren. Er erwarb eine größere Gelassenheit und ist bei diesem Aufenthalt spürbar erwachsener und reifer geworden.

Nein – er ist kein Muslim geworden. Das war auch gar nicht meine Absicht, da ich ganz grundsätzlich nicht missioniere. Ich wollte ihm die Schönheit Ägyptens schenken, seine Heiterkeit, den Nil wollte ich ihn fühlen lassen und die Würde und die Ehre der Menschen des Landes. All dies ist zu meiner größten Freude auch gelungen – und wenn die Dinge anders lägen als sie leider liegen, wäre ich mit ihm schon längst auch in mein Kairo gereist……

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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