Urlaub in Ägypten?

Kommt für mich nicht mehr in Frage.

Für mich bedeutet das ein Auseinanderreißen, eine schmerzhafte Trennung, einen ganz besonders tragischen, traurigen Abschied. Aber ich kann Ägypten nicht mehr bereisen und wie die Dinge stehen muss ich, wenn ich mir nichts gegen jeden Verstand schönreden will, davon ausgehen, dies auch die nächsten Jahrzehnte nicht mehr zu können. Wenn es besonders schlimm kommt, bleiben mir für den Rest meines Lebens nur noch meine Erinnerungen.

Ich habe, obschon ich eigentlich Fotoenthusiast bin, auf meinen Reisen nach Ägypten in den allermeisten Fällen gar keine Kamera dabeigehabt. Im Vertrauen darauf, dass ich viele Bilder besser, nachhaltiger und genauer im Kopf habe und behalte, habe ich immer alles versucht zu vermeiden, was mich als hilf- und ahnungslos daherstolpernden Touristen würde outen können. Also baumelte mir auch nie ein Fotoapparat oder, schlimmer noch, eine Videokamera vor dem Bauch. Zudem hätte ich es als besonders unangenehmen Faux Pas betrachtet, die vielen Menschen, die mir ihr Herz, ihre Privatsphäre und ihr Leben geöffnet haben, einfach abzulichten als ob ein Jäger eine Trophäe mit nach Hause nimmt.

Mir will auch überhaupt nicht in den Kopf, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die Ägypten für einen spaßigen Urlaub in der Sonne besuchen – und ganz offensichtlich wie tatsächlich dazu in der Lage sind, all das Grauen, das Blut, die Tränen, die Zerstörungen, den Hass auszublenden, wegzuwünschen, zu ignorieren. Schon ganz allein nüchterne Sicherheitserwägungen verbieten mir eine Reise nach Ägypten; selbstverständlich würde ich Moscheen betreten und in ihnen beten und ebenso selbstverständlich würde ich mich wie früher frei bewegen (wollen) – doch fliegende Kugeln und gezündete Bomben fragen nicht nach Staats- oder Religionszugehörigkeit und gerade letzteres könnte für mich zu einem Problem werden im Ägypten dieser Tage. Ich werde Ägypten nicht im Ganzkörperkondom des geführten Touristen bereisen, der auf alle fünf Schritt von bewaffneten Soldatentrupps bewacht wird, die ihrerseits ein groteskes Sicherheitsproblem sind und Anschläge förmlich anziehen.

Ich war immer stolz darauf, diese Ausländer- und Touristen-„Membran“ in Ägypten durchstoßen zu können, im Straßenbild unterzugehen und, eben das war mir immer das wirklich Größte, wenigstens für Augenblicke mit dem Land zu verschmelzen. Ich verschwand im Straßenbild, wenn ich allein unterwegs war. Kein Ägypter vor oder hinter einem Marktstand wäre auf die Idee gekommen, dass neben ihm ein Deutscher stand – solange ich nicht sprechen musste. Und wenn ich es musste, benahm ich mich höflich und nach Landessitte und so, wie es sich für einen Muslimen geziemt. All das könnte ich heute nicht mehr – ohne nicht häufig Gefahr zu laufen, mich als „Kollaborateur“ bezichtigt im Gefängnis wiederzufinden oder, wie anderen bereits geschehen, von „Sicherheitskräften“ in einer stillen Gasse erschossen zu werden.

Die Liste der wirklich dämlichen „Argumente“, die sich Ägyptenreisende heutzutage für die unangenehme Nachfrage, wie sie dies Land noch besuchen können, ist ebenso endlos wie haarsträubend. Sie reisen mit der Mentalität des Konsumenten, der einen Preis bezahlt und die Ware, den Spaß also, die Erholung, das unbeschwerte Vergnügen, das Lächeln der Menschen und ihre Freundlichkeit mit bitterböser Starrsinnigkeit einklagt. Was schert es den bierbäuchigen Ignoranten, wenn der Kellner, der etwas weniger lacht und Späße macht, seine halbe Familie im Kugelhagel Kairos verloren hat? Auch seine Gattin, nicht weniger blöd, hat schon Jahre zuvor in diesem islamischen Land nie darauf verzichtet, (das habe ich leider selbst beobachten müssen) ihr welliges Fleisch auf dem Deck eines Nilschiffs und auf der Sonnenliege breitbeinig dem Ufer zugewandt zu präsentieren. Und das zu allem Überfluss häufig auch noch „oben ohne“.

Man hat das ja alles gekauft. Gekaufte Ware aber hat zu funktionieren. Ein erschreckend hoher Prozentsatz aller Touristen reist mit dieser kaltschnäuzigen, ignoranten und unverschämten, inneren Haltung. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich auf meinen Reisen touristisch dominierte Gegenden grundsätzlich immer meide. Ich habe es seit Jahrzehnten längst aufgegeben, diesen Leuten etwas nahezubringen zu versuchen. Ihnen etwas zu zeigen, sie etwas erleben zu lassen – sie wollen es nicht. Sie wollen ihre gekaufte Ware störungsfrei, ungestört konsumieren. Nur zwei- oder insgesamt dreimal haben mich neugierig gewordene, „normale“ Touristen begleitet und Land und Leuten durch mein Beispiel und Vorbild Respekt gezeigt. Sie haben mir anschließend bestätigt, einen anstrengenden, völlig unerwartet tiefen, nicht unbeschwerten und kontemplativen Urlaub gemacht zu haben, von dem sie noch lange zehren würden.

Ich hätte im Leben nicht genug Tränen die ich bräuchte, wenn ich den Tahrir-Platz in Kairo wiedersähe. Ich habe viel zu viel Bilder von der Gegenrevolution des aktuellen Blutsäufers al-Sisi gesehen; ich bekomme sie weder aus dem Kopf, noch aus dem Herzen.

Ägypten hat samt all seiner Menschen diese Gegenwart nicht verdient und gerade heute auch nicht diesen geradezu widerwärtigen Tourismus, der „kleinen süßen Negerkindern“ Süßigkeiten zusteckt und nicht wissen will, was er damit anrichtet. Ich habe in all den Jahren nur sehr, sehr wenige Reisende mit ähnlicher Intention wie meiner getroffen und selbst darunter befanden sich noch welche, deren Empathie sich sehr schnell erschöpfte.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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