„Charlie Hebdo“ – Brechreizerregend wie immer

Um es gleich vorwegzuschicken: Gewalt gegen Papier und Gedanken ist und war schon immer erstens ein Verbrechen und zweitens Unsinn.

Gewalt zur Unterdrückung beziehungsweise Beseitigung von Ideen erreichte seit Beginn aller menschlichen Kultur grundsätzlich immer nur das Gegenteil: wenn man sicher gehen wollte, dass ein Gedanke populär wird, muss man nur jemanden finden, der ihn mit allen Mitteln bekämpfen will.

Aus diesem Grund allein hat „Charlie Hebdo“ mit all seinen „Karikaturen“ bisher als Nebeneffekt einerseits dem Islam starken Zulauf beschert und zweitens einen solchen, den kaum ein halbwegs normalgebliebener Muslim haben will: Radikalität. Die „Karikaturen“ spülten eine ganze Reihe verzweifelter, gelangweilter, uninformierter und gewaltbereiter Leute in die Moscheen und ließen sie Dinge auswendig lernen und Floskeln dahersagen, die sie nicht verstehen und deren tieferen Sinn sie (unfreiwillig!) beschmutzen. Die Zahl geht europaweit sicherlich in die Tausende.

„Charlie Hebdo“ hat niemanden zum Nachdenken gebracht, sondern außer gesteigerter Radikalität, Zerstörung, Blut und Tränen nichts erreicht – der blutige Anschlag auf seine eigene Redaktion war letztlich sein eigenes Werk. Mein bodenloses Entsetzen nach dem Terrorakt galt aber neben der Trauer um die Toten auch der Dummheit der Menschen, die den ganz unglaublichen Schwachsinn der Redaktion nicht nur unterstützten, sondern auch noch verteidigten. Es war schon höchst erstaunlich, dass sich plötzlich ein Dutzend hochmögender Staatsmänner und -Frauen in Paris einfanden um die Idee: „Die Beleidigung von hohen Werten muss zur Ausweitung des Profits erlaubt sein!“ mit bitterem Ernst zu verteidigen. Faszinierend, wie wenig das fadenscheinige Manöver der Redaktion erkannt und in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

Das Magazin hatte, als es sich erneut zur Veröffentlichung von „Karikaturen“ entschieden hatte, auf der einen Seite massive, wirtschaftliche Probleme und auf der anderen die Erfahrung schon früher gemacht, dass sich mit solchen Zeichnungen ganz wunderbar Kasse machen lässt. Da das Blatt wieder einmal vor dem Aus stand, mussten also neue „Karikaturen“ her. Der Plan ging ja auch auf, wenn auch insgesamt nicht ganz so, wie man sich das gewünscht hatte. Ein paar Todesopfer später verzeichnete das Blatt wieder akzeptable Auflagenstärken. Na, geht doch.

Die neuesten Zahlen von „Charlie Hebdo“ kenne ich nicht – aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit muss man davon ausgehen, dass der angenehme, wirtschaftliche Effekt nach dem Terroranschlag bereits wieder verblasst. Anders wäre die erneute Geschmacklosigkeit des Magazins nicht mehr zu erklären. Wie schon mittlerweile zweimal sehr eindrucksvoll bewiesen, hat die geradezu widerwärtige „Karikatur“, die diesmal den ertrunkenen Jungen Aylan zum Ziel hat, selbstverständlich überhaupt nichts mit einem „künstlerischen Anspruch“ zu schaffen, den das Blatt zur Verteidigung seiner neuen, auflagenstärkenden Maßnahme behauptet. Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat aus der Vergangenheit nur gelernt, dass sie sich diesmal besser nicht an Inhalten einer Religion, sondern nur an Menschen vergreift, denen jede Menge Mitgefühl gilt. Schicksale, die die Welt bewegen. Aber wehrlos eben.

„Charlie Hebdo“ will diesmal seine Auflagenstärke und Gewinnsituation dadurch optimieren, dass es Menschen beleidigt und entwürdigt, denen keine Schattenkrieger, keine Waffen, keine Geldberge zur Verfügung stehen. Die Redaktion muss vor den Angehörigen Aylans keine Angst haben – sie kann sich aber weltweit maximalen Interesses sicher sein.

Vielleicht sollte man den Managern von „Charlie Hebdo“ einmal anhand von „Karikaturen“ erklären, wo die Grenzen von Kunst liegen. Ein Bild einer Ehefrau eines Managers wäre toll, die auf dem Bild ausgeweidet mit dem Kopf nach unten vom Seil baumelt – mit der Unterschrift: „Charlie Hebdo liefert alles, was es hat, jetzt auch in den Irak!“ – wie wärs denn damit? Wäre das nun „ekelerregend“ oder wäre das „Satire, die alles dürfen muss!“ ? In „Charlie Hebdos“ Erklärungsmuster wäre das natürlich nur eine absolut notwendige Satire, die ja „schocken muss“, die die Meinungs- und Kunstfreiheit verteidigt. Oder das Bild des Sohnes vom Herausgeber, dessen Extremitäten abgetrennt sind, mit Big Ben von London im Hintergrund – Unterschrift: „Kinderschänderei? Engländer fragen! Die können das besser!“ Wie wärs denn damit? Was wäre das? „Notwendige Satire“? „Künstlerische Freiheit“?

Man hätte diesen Unsinn aus der Redaktion von „Charlie Hebdo“ nur unter einer einzigen Bedingung für glaubhaft befinden können: wenn das Blatt nicht in massiven, wirtschaftlichen Problemen gesteckt hätte, als es seine „Karikaturen“ brachte. Wenn es den höchst profitablen Hype nach den ersten Bildern nicht erlebt hätte, die so wunderbar viel Geld in die Kasse gespült hatten. Wenn es nicht so ekelerregend eingängig und logisch wäre, dass die Hernahme des Jungen Aylan nichts als eine neue, auflagenstärkende Maßnahme wäre….

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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