Ägypten – der Diktator frisst seine Menschen

Alarmierende Nachrichten aus Ägypten nehmen an Intensität noch zu – die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Es gibt ernstzunehmende Berichte, dass das Regime und seine „Sicherheits“-Kräfte systematisch die Bevölkerung nicht nur unterdrückt, sondern mit stahlharter Gewalt außerhalb jeder rechtlichen Legitimität mundtot macht. Wenn die Polizei schon immer ein argwöhnisch und misstrauisch beäugtes Instrument der jeweiligen, ägyptischen Regierung war und deren Willen rigoros durchsetzte, steigert sich die Willkür heute in ungeahnte Höhen. Verifizierte Zeugenaussagen zeichnen ein Bild der absoluten Hölle.

Ich habe mich dazu entschieden, eine dieser Zeugenaussagen (von mir übersetzt) in großen Teilen wiederzugeben; eine Frau, „N“ genannt, sagt aus:

Ich sah den Polizisten, der die Brust einer Frau anfasste und sagte ihm: „Wenn sie sie verhaften wollen, verhaften Sie sie. Sie haben aber nicht das Recht sie auf diese Weise zu berühren.“

Er antwortete: „Was glauben Sie, wer Sie sind? Ein Mann?“ und dann ergriff er mich mit zwei anderen Polizisten. Sie schlugen mich, beleidigten mich und brachten mich in ihren Transporter. Sie prügelten mich, bis ich nicht länger stehen konnte. Ich verlor mein Kopftuch und sie begannen mich anzugreifen. Einer der Polizisten forderte sie auf, aufzuhören aber sie sagtem ihm still zu bleiben.

Einer von ihnen sagte zu mir: „Ich will Dir zeigen was ein Mann ist.“ und sie lachten. Er zog seine Hose aus, stopfte sein Glied in meinen Mund, einmal, zweimal, dreimal …. drei Mal. Ich war vollkommen gelähmt und begann zu erbrechen. Dann legte er sich auf mich. Ich sagte ihm, dass er nicht das Recht dazu habe, das zu tun. Er schlug mich auf die Beine, spreizte sie und vergewaltigte mich während er mich beleidigte.“

Dies ist kein Einzelfall – sondern System. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind Praktiken wie diese vom Regime nicht nur toleriert. In dieser Woche veröffentlichte die Organisation International Federation for Human Rights (FIDH) einen Bericht dazu und kommt zu folgendem Schluss:

Mit größter Sicherheit können wir annehmen, dass alle verhafteten bzw. festgehaltenen Personen Opfer sexueller Gewalt werden. [Vergewaltigungen] sind das „Willkommensgeschenk“.

Nach offiziellen Angaben der Regierung sind bisher „nur“ 16.000 Menschen verhaftet worden – neutrale Institutionen geben die Zahl mit 40.000 an. Manche von ihnen tauchen nie wieder auf; ihnen wird jeder Kontakt zu Angehörigen und Anwälten ebenso verweigert wie medizinische Behandlung. Die Tötung von Gefangenen durch den gezielten Entzug lebensnotwendiger Medikation ist offensichtlich Strategie des Regimes.

Die „Sicherheits“-Kräfte Ägyptens herrschen in vollkommener Unverletzlichkeit. Anzeigen werden größtenteils überhaupt nicht aufgenommen, die wenigen tatsächlich erstellten werden regelmäßig niedergeschlagen, Verurteilungen gibt es keine. Beobachter sehen die Ursache nicht nur im absichtsvollen Schweigen des Regimes, sondern auch als Form der Rache der Polizei für die Schmach und Demütigung, als die Bürger im Januar 2011 bei der Revolution zahlreiche Polizei- und Militärstationen niedergebrannt hatten. Das Wort „Vendetta“ wird dazu genannt.

Obschon es kein schriftliches Material dazu gäbe, so die Organisation FIDH, sei mit großer Sicherheit anzunehmen, dass das Mittel der sexuellen Gewalt, der Vergewaltigung absichtsvoll verwendet und vom Regime zur Demütigung und totalen Kontrolle der Bevölkerung akzeptiert wird. Der Diktator verlässt sich jedoch nicht allein darauf. Getreu seines Vorbildes Mubarak, lässt auch al-Sisi zumeist nachts Rollkommandos in Häuser einbrechen und deren Bewohner sofort niederschießen. Opfer einer solchen Aktion zu werden, bedarf es lediglich des vagen Verdachts, Mitglied einer islamischen Vereinigung zu sein. In perfider Weise wird insofern ultimativer Druck zur Denunziation aufgebaut, als dass das Unterlassen einer Anzeige seinerseits schwer bestraft wird. Erhält also ein Bürger irgendwie Anhaltspunkte darauf, dass etwa sein Nachbar früher einmal Mitglied der Muslimbruderschaft war und zeigt dies nicht an, kann das für ihn selbst Gefängnis mit Vergewaltigung, Folter und möglicherweise mit dem Tod enden.

So ist es bereits verschiedentlich vorgekommen, dass kritische Worte im privaten Bereich eine derartige Polizeiaktion zur Folge hatten.

Der Blutsäufer al-Sisi hatte vor etwas mehr als zehn Jahren als Bataillonskommandant eine Fortbildung in einer US-Militärakademie. Dort verfasste er eine Hausarbeit (die mir vorliegt) und kommt darin zu dem Schluss, dass in Arabien letztlich nur eine islamistisch geführte Regierung Erfolg haben könne – und dürfe. In dieser Arbeit befasst er sich höchst kritisch mit der Idee, demokratische Verhältnisse in Arabien einführen zu wollen. Jedes Gesetz, dass ein arabisches Land verfasse, müsse mit dem Qur’an und in jedem Falle mit der Shariah im Einklang stehen. Er selbst versteht sich (ich kommentiere das nicht, weil ich es als Muslim nicht darf) selbst als frommen Muslimen und sagte erst unlängst „Religion ist das wertvollste, das wir auf der Welt haben!“

Persönlich finde ich keinen Unterschied mehr zwischen der tödlichen Raserei des ägyptischen Regimes und den unvorstellbaren Schrecken der Herrschaft eines „Islamischen Staats“.

….. Und ich frage (mich) nochmals: wie kann man da Urlaub machen ?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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