Warum ich Azharit bin

Es gibt Momente im Leben, da stellt man mit großer Freude und Befriedigung fest, dass man etwas völlig richtig gemacht hat.

Für mich hat sich die Frage, ob ich im Islam wirklich gut aufgehoben bin, tatsächlich noch nie gestellt.

Die einzige Frage, die ich seit vielen Jahren immer wieder einmal bebrütet habe ist die, welcher Rechtsschule, welcher Strömung ich folgen soll und mit welcher sich mein Herz mit den dicksten Tauen verbindet. Nicht nur wegen meiner Aufenthalte im Land, sondern auch als Ergebnis echter Kopfarbeit erwählte ich für mich die Gemeinschaft der Sunniten – und innerhalb dieser verbindet mich ein tiefes Vertrauen in die Kompetenz, Milde, Weisheit und Aufrichtigkeit der Al-Azhar. Ich bin darin nie enttäuscht worden.

Nun stoße ich auf ein Interview der Zeitschrift „Cicero“ mit dem Großimam der Al-Azhar-Moschee zu Kairo, das durchaus von den deutschen Interviewern absolut stümperhaft, ja eigentlich entlarvend dumm mit Fragen besetzt worden ist. So ärgerlich die Fragestellung in ihrer offen zutage liegenden Uninformiertheit auch war, so interessant und für mich höchst faszinierend sind die Antworten von Dr. Ahmad Mohammad al-Tayyeb. Die Dummheit der Interviewer zeigt sich u.a. in der Nachfrage, ob die Maßnahme, dass al-Azhar neue Fächer zum Thema „Terrorismus“ in ihrer Universität und überall auf der Welt Beobachtungszentren einrichtet, etwas helfen soll. Da haben die Journalisten einfach die Bedeutung, Größe und Richtlinienkompetenz der Al-Azhar nicht verstanden – obschon dies selbst für den einfachen Muslimen weltweit völlig klar ist.

Das gesamte Interview ist hier nachzulesen: http://www.cicero.de/weltbuehne/die-bestie-terror/59667

Ich lasse hier ein paar ausgewählte, für mich besonders kostbare Zitate Revue passieren.

Es gibt nur eine Ausnahme, wann Muslime Krieg führen müssen: wenn ein anderer Waffen gegen sie richtet.

Für Azhariten ist dieser Grundsatz ultimativ bindend und kennt keine Ausnahme. Selbst der Verteidigungsfall ist in sich exakt geregelt. Das ist ein sehr einfacher, sehr grundsätzlicher und extrem belastbarer Gedanke – an dem es kein Vorbei gibt!

Es ist erforderlich, den Islam so zu präsentieren, wie er ist: dass er den anderen respektiert, an den anderen glaubt und ihm die Glaubensfreiheit gewährt.

Das so häufig bemühte Märchen von der angeblich beabsichtigten „Verbreitung des Islam mit Feuer und Schwert“ wird den Dummen unter den Islamophoben u.a. Europas bis heute serviert – und leider auch gekauft.

Zum Thema „Terror“:

Es funktioniert nicht so, wie manche es fordern: Ändert euer kulturelles Erbe, ändert den Koran. Nein, der Koran ändert sich nicht.

Und er wird es nie tun. Warum sollte er auch? Muss ich mit einem Hammer die Schneide eines Messers stumpf schlagen – bloß weil sich so viele an Messern verletzen? Muss ich den Motor aus allen Autos ausbauen – bloß weil so viele mit Autos verunfallen? Oder sollte ich vielleicht, wenn ich mich denn geschnitten und mit einem Auto einen Unfall gebaut habe, lernen mit einem Messer und einem Auto umzugehen?

Zudem wäre es eine unerträgliche Schändung der Offenbarung, die wir von Allah selbst erhalten haben – denn an der Schöpfung des Qur’an und dessen Herabsendung durch Allah selbst gibt es keinen Zweifel (von Leuten mit Verstand).

Was wir jetzt brauchen, ist eine Rückbesinnung auf den Koran.

Der Qur’an fordert die Menschen an zahllosen Stellen dazu auf, ihn zu verinnerlichen, sich seiner zur Gänze bewusst zu werden und zumindest den aufrichtigen Versuch zu unternehmen, ihn mit dem eigenen Verstand zu umspannen. Wenn das nur von allen Muslimen getan würde, könnte kein Terror existieren, kein Hass, keine Verfolgung und vor allem könnte es keine Verurteilungen von Menschen geben, die allein Allah zustehen.

Al Azhar erklärt keinen Moslem als ungläubig, und der Islam erkennt an, dass es Menschen gibt, die nicht an ihn glauben. Er zwingt niemanden, zum Islam überzutreten – mit Waffen schon mal gar nicht. Das ist unmöglich. Man kann ein bestimmtes Verhalten mit Waffen erzwingen, aber niemals den Glauben.

Das sind für mich unumstößliche Wahrheiten und alhamdulillah auch ultimative Gebote. So hat nach meiner Auffassung Islam verstanden zu werden und so versuche ich ihn zu leben. Ich schätze niemanden gering, nur weil er meinem Glauben nicht folgt und ich verbiete es mir, andere Muslime als Ungläubige oder als Abgefallene zu bezeichnen und zu betrachten – eine der widerwärtigsten und schwersten Sünden im Islam ist die „üble Nachrede“. Da nur Allah weiß, wer Muslim ist und wer nicht, obliegt auch Ihm allein das Urteil darüber. Wer sich mir gegenüber selbst als Muslim bezeichnet – ist einer für mich.

Die Weltordnung, die das Ziel hat, einen neuen Nahen Osten zu kreieren, die wurde schon aufgeschrieben, gelesen, übersetzt. Sie wissen bestimmt, wie Millionen andere auch, dass es so etwas gibt wie kreatives Chaos. Das soll in der ganzen Welt verbreitet werden. Vor allem in Ländern des Nahen Ostens. So ist es zu den gewaltigen Erschütterungen in Syrien oder im Irak gekommen.

Dies ist ein politisches Statement von Dr. al-Tayyeb – welches ich hundertprozentig teile.

Schauen Sie sich die Veränderungen im Kräftegleichgewicht an. Dahinter steckt eine bestimmte Kraft, die wiederum von weiteren internationalen Kräften unterstützt wird und das Ziel hat, über die Region zu herrschen. Und sie sagt bereits: „Hier ist mein Imperium, hier ist meine Hauptstadt.“ Dabei geht es um eine arabische Stadt.

Hier spielt er natürlich auf Jerusalem an; begriffen hat der Interviewpartner dies nicht und hakt tatsächlich noch einmal nach. Vielleicht hätte „Cicero“ bessere Leute schicken sollen.

Die Väter der christlichen Kirche haben in ihren Kreuzzügen auch die Religion als Stütze genutzt. Diese Kriege haben uns getötet, und unser Blut ist 200 Jahre lang geflossen. Haben wir deshalb das Christentum verurteilt? Nein. Wenn ihr den Islam auf Grundlage der Praktiken von Isis verurteilt, dann sei es mir auch gestattet, das Christentum auf Grundlage der Kreuzzüge zu bewerten. Oder können Sie zum Beispiel Israel sagen: „Du, Israel, du jüdischer Staat, lass’ die Finger von der Politik?“

Eine Frage, um die sich die westliche Welt herumwindet. Mit welcher Begründung eigentlich wird klaglos ein (angeblich) „jüdisches“ Diktat israelischer Politik akzeptiert und weshalb bricht eigentlich Geschrei aus, wenn ein islamisches Land das gleiche Recht für sich reklamiert?

Was gerade in Jemen passiert, wird auch im Kampf gegen die islamistischen bewaffneten Bewegungen in Zukunft passieren. Im Prinzip haben wir bei diesem Schritt wieder auf die Stimme des Islam gehört, die uns zum Bündnis und zur Einigung auffordert. Hätten wir das 1948 gemacht, als die Arabische Liga gegründet wurde, wäre unsere Situation eine ganz andere und unsere Haltung auch.

 Ja. Die Situation wäre allerdings eine ganz andere. Hätten sich die Muslime damals auf den Qur’an konzentriert und verlassen, würde die Landkarte nicht nur einen, sondern vermutlich eine handvoll Staaten heute nicht kennen. Man würde sich auf den einen einzigen Punkt verlassen haben, den der Islam als Kriegsgrund akzeptiert. Und genau aus diesem Grund wäre es niemals zu diesem einen Krieg gekommen und es wären andere, für alle akzeptable Lösungen für die nachkoloniale Zeit in der Region gefunden worden.

Ich freue mich, dass ich bisher noch keinen Punkt gefunden habe, der mich von der Lehre der al-Azhar und von der Person ihres Großimams entfernt hätte. Schon der Amtsvorgänger von Dr. al-Tyyeb, Dr. al-Tantaoui, bestach durch seine klare Sprache, die Stellung bezog, Positionen einnahm und dies immer im vollen Bewusstsein, das bessere Verständnis von Islam und dem Qur’an zu haben.

Mich macht das nicht nur zufrieden. Es lässt mich mehr als eine Milliarde Geschwister auf der Welt fühlen und das Wort der al-Azhar verbindet mich mit jedem einzelnen von ihnen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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