Syrien – die Fehler und die Niederlage der USA

Die USA verdanken ihre nur wenig angeknackste Reputation einer auffällig milden und nachsichtigen Presse, die eine ganze Anzahl von „Gründen“ dafür findet, so manche Nachricht und Neuigkeit mal lieber gar nicht zu bringen oder sie in Form einer bloßen Randnotiz zur Bedeutungslosigkeit zu verdammen. Blickt man aber faktengestützt und unverstellten Blicks über die zurückliegenden dreißig, vierzig Jahre, dann offenbart sich ein wahrhaft erschreckendes Bild:

El Salvador, Nicaragua. Sollten wir etwa tatsächlich vergessen haben, mit welch verbissenem Einsatz die USA demokratische Erneuerungsprozesse in diesen Ländern zu unterbinden versucht haben? Haben wir etwa verdrängt, wieviel Waffen und (nur schlecht) getarnte Soldaten die USA zur Unterstützung der dort regierenden, brutalen Diktatoren dort hineingepumpt haben?

Afghanistan. Warum eigentlich wird nirgendwo offen geschrieben, was Tatsache ist: der Krieg gegen die Taliban ist vollständig verloren. Das Land fällt zügig wieder zurück an die Verrückten, die den Islam beschmutzen und reihenweise Menschen töten. Die USA haben  Afghanistan schon vergewaltigt, als es ihnen noch Spaß machte, die im Land tobenden Russen durch ihre heimlichen Waffenlieferungen zu traktieren. Als sie dann selbst im Lande standen, schauten sie in die Rohre der Waffen, die sie einst selbst geliefert hatten. Sie hatten eine ganze Infrastruktur für Guerillakämpfe dort errichtet und beliefert und waren am Ende selbst unfähig, dagegen zu bestehen. Sie vernichteten ganze Dörfer, murmelten etwas von „Bedauerlichem Kollateralschaden“ und fanden keine Entschuldigung. Sie haben konsequent die Falschen bewaffnet.

Irak. Weshalb eigentlich wird in der Presse nicht der Vorwurf des Völkerrechtsbruchs thematisiert? Warum will niemand hier wissen, dass der halbe Irak durch uranangereicherte Munition so verseucht ist, dass sich die Zahl der Missbildungen von Neugeborenen und der Krebserkrankungen mehr als verzehnfacht hat?

Und nun ist eben Syrien dran.

Die gleichen Fehler, von denen die US-Militärführung in all ihrer Starrsinnigkeit nie gelernt hat, erfahren eine Neuauflage. Der Schwachsinn, im Land kämpfende („gemäßigte“) Rebellen bewaffnen zu wollen, führt folgerichtig natürlich zu den gleichen Problemen wie seit Jahrzehnten in vielen Fällen: natürlich laufen die soeben bewaffneten Rebellen, die sich das „gemäßigte“ Tarnkäppchen für die Verhandlungen um Waffenlieferungen übergezogen hatten, sehr schnell über und zielen mit den soeben geschenkten Kanonen nun auf die, die sie bewaffnet hatten. Natürlich.

So meldet die Presse (nein, natürlich keine westliche!), dass die „Division 30“, die von den USA ausgebildet und bewaffnet worden ist, ihre Waffen zu großen Teilen jüngst der al-Nusra-Front übergeben hat, die allgemein mit al-Qaida assoziiert wird. Das gesamte Programm der USA auch in Syrien, solcherlei Rebellengruppen zu bewaffnen und zu trainieren, schlug fehl. Wie üblich. Das ging soweit, dass der US-Senator John McCain im Mai 2013 bei einem Geheimtreffen im syrischen Idlib zahlreiche solcher Rebellenführer traf und dabei Waffenlieferungen zusagte. Unter anderem zählte auch der spätere „Kalif“ des „Islamischen Staates“ zum Gesprächs- und wohl auch zum Empfängerkreis.

Die gesamte US-Strategie in Bezug auf Syrien ist also nicht nur schiefgelaufen, sondern hat sich in ihr Gegenteil verkehrt und wie üblich alles nur noch erheblich schlimmer gemacht. In der Konsequenz dieses Handelns muss nun die ganze Welt realisieren, dass ausgerechnet der ins Fadenkreuz genommene Baschar al-Assad der letzte Hoffnungsträger gegen den endlosen Bürgerkrieg und im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ist.

Diese Erkenntnis aber dämmert den USA (offiziell) nicht – sie würden das offene Zugeben dieses Sachstandes als Gesichtsverlust verstehen, und der ist es ja auch.

Also bleibt nur noch zu tun übrig, wozu sich augenblicklich wohl Russland anschickt. Der Hoffnungsträger gegen den syrischen Bürgerkrieg und den „IS“ heißt heute Putin. Ich empfinde das als vollkommen bizarr – aber realistisch. Russland ist als einziger gewillt, mit Soldaten gewaltsam Ruhe in Syrien zu schaffen und stellt sich selbst mit seinen Streitkräften in die Front gegen diejenigen, die Syrien langsam zu Tode bluten lassen. Putin muss Assad beschützen und stützen, denn in all ihrer gloriosen Weisheit haben und hatten die USA zu keinem Zeitpunkt auch nur den Hauch einer Idee, wer das Vakuum in Damaskus füllen sollte, wenn Assad fiele. Aufmerksame Beobachter berichten schon seit vielen Monaten von ihrer Angst, dass sich der Bürgerkrieg in diesem Moment noch ganz wesentlich verschlimmern würde, weil dann zahllose Kampfgruppen gegeneinander antreten, weil sie im Falle des Sieges die Führung des Landes an sich reißen wollen.

Weder die USA, noch irgendjemand im Westen hat die Signale aus Damaskus, die über Putin in die Öffentlichkeit gebracht wurden, gehört oder verstanden: Assad sei nach Beruhigung der Lage bereit, „Teile der Macht“ abzugeben. Dahinter versteckt sich die Botschaft, dass eine Transition der politischen Verhältnisse vorbereitet werden könnte.

Die ersten Berührungspunkte russischer Streitkräften im syrischen Latakia hat es bereits mit der ersten Rebellengruppe namens Jaish al-Islam gegeben – der Reigen ist also eröffnet. Jaish al-Islam hat schon ein Video online gestellt, welches seine Kämpfer beim Abfeuern von Boden-Luft-Raketen auf russische Flugzeuge zeigt – oder besser angeblich zeigen soll, denn von Kämpfen oder gar von Verlusten Russlands ist derzeit nichts bekannt. Die al-Nusra-Front bewegt sich im Raum Latakia; dass sie demnächst in Kämpfe mit russischem Militär geraten werden, ist nicht nur zwangsläufig, sondern wohl von al-Nusra auch so beabsichtigt.

Russland wird also den Job blutiger erledigen, oder besser erledigen müssen, den die USA wieder einmal notwendig gemacht haben. Es wird in allernächster Zukunft, da bin ich sehr sicher, einige Berichte von schnellen, aber blutigen Kämpfen zwischen russischem Militär und syrischen Kampfeinheiten geben, denen große und größte Zerstörungen und Verwüstungen folgen. Der „IS“ wird dabei von den Russen in Syrien entwurzelt – und mit etwas Glück regelrecht davongejagt, was wegen des drohenden Verlusts der syrischen Ölquellen endlich ein möglicherweise dauerhafter, extrem schmerzhafter Schlag für den „IS“ sein kann.

Nein – Putin ist sicherlich kein Engel, und auch kein Demokrat. Es gilt ihm nachhaltig zu misstrauen, er ist ein gerissener, erfahrener und höchst kluger Despot, dem für seine Interessenlage großer Erfolg winkt. Er kann aber für Syrien ein Friedensbringer und für den „IS“ endlich einmal ein wirksamer, schlagkräftiger und ebenso sehr erfolgreicher Gegner sein.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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