Der Hass, die Blindheit, und das Internet …..

Mein Vater war zu der Zeit, in welcher im Zweiten Weltkrieg die Alliierten mit großangelegten Flächenbombardements einsetzten, in Essen und hat mir, ich war vielleicht zwölf Jahre alt, vom Pfeifen und Gurgeln fallender Bomben berichtet. Auch, wie zahllose Menschen in Bunkern verschüttet, auf offener Straße oder in ihren Häusern zerrissen worden sind.

Alle Berichte und auch Filme wie Fotos aus israelischen Städten, deren Sirenen ihren Bewohnern den möglichen Einschlag anfliegender Qassam-Raketen verkündeten, machten mir demzufolge einen dicken Kloß im Hals. Die Bilder von Eltern, die voller Angst ihre schreienden Kinder in Bunker scheuchten oder trugen, sind voll von namenloser Angst. Eine Angst, die niemand haben sollte. Kein kleines Kind sollte lernen müssen, auf Zuruf Schutz unter Tischen, in Kellern und hinter Gasmasken suchen zu müssen. Eine solche Bedrohung ist im schlimmsten Sinne des Wortes gemein.

Im Jahr 2009 richtete ich meine spirituelle Spende in Form von Lebensmitteln über eine höchst vertrauenswürdige Organisation in den Gaza-Streifen. Es hatte mich gefreut, dass eine Familie beisammen sitzen und fröhlich davon würde essen können – und ich hatte großes Vergnügen daran, im besten islamischen Sinne dabei als Spender unbekannt zu bleiben. Sinngemäß heißt es:

Die beste und edelste Spende ist die, wenn die linke Hand nicht weiß, ob und was die rechte gegeben hat.

Wenige Wochen später geschah etwas Schreckliches. Die Bilder und Berichte davon ließen mir die Tränen in die Augen schießen, machten mich sprachlos vor Entsetzen und lassen mich bis heute nicht mehr los:

Israel griff mit dem Codenamen „Cast lead“ („Gegossenes Blei“) den Gaza-Streifen unter anderem auch mit besonders grauenerregenden Waffen an – so wie es das drei Jahre zuvor bereits im Libanon getan hatte: Phosphorbomben.

Erst sieht es beinah lustig aus. Beinah wie ein hübsches Feuerwerk. Da platzten Geschosse in luftiger Höhe über der Stadt auf und verstreuten einen breiten Regen hell leuchtender Punkte, die auf ihrem Flug zum Boden einen feinen Nebelstreif hinter sich herziehen. Womöglich hielten viele der Bewohner von Gaza-Stadt diese Erscheinung bis dahin noch gar nicht für eine Waffe.

Es war kein hübsches Feuerwerk.

Die glühenden Punkte entzündeten, wenn sie aufschlugen, alles. Sie verbreiteten ein Feuer, dass weder durch Ersticken, noch durch Gase oder Wasser löschbar ist. Die davon getroffenen Menschen, die verzweifelt versuchten, das Feuer, das sich in sie hineinfraß, zu löschen und schier unglaubliche Qualen erlitten, verbrannten zuletzt nicht selten bis zu einem Stückchen Kohle. Nichts half.

Ärzte berichteten unter Tränen, dass Getroffenen das Fleisch um die brennenden Flächen herum „großzügig“ fortgeschnitten werden musste und dass es nicht selten geschah, dass sich das Feuer während der Operation neu in den Wunden entzündete und sie hilflos dabei zuschauen mussten, wie die Schreienden unter ihren Händen qualvoll starben. Die Bilder von den Folgen der Phosphorbomben sind schier unerträglich – sie können ein Trauma auslösen. Die israelische Armee nutzte nicht nur eine dieser Brandbomben; sie gab offiziell die Verwendung von 20 zu – die Wahrheit wird weit darüber liegen.

In den darauffolgenden Tagen, Wochen, Monaten, ja sogar Jahren wartete ich vergeblich auf den Aufschrei der Welt. Mit anwachsendem Entsetzen musste ich feststellen, dass sich niemand dafür interessierte. Von einem paar mitleidlosen, nüchternen Berichten abgesehen, geschah gar nichts.

Es war still. Grauenerregend still. Unfassbar still.

Es wurde nie eine Diskussion zu dem Thema geführt, es gab weder Anklagen, noch Verurteilungen und keiner der „Freunde“ Israels hat sich je dazu zu Wort gemeldet. Für die ganze Welt schien es in Ordnung zu sein, dass die israelische Regierung absichtsvoll so viele Menschen zum Tod durch Verbrennung bei lebendigem Leib verurteilt hatte. Kinder zu einem Stückchen Kohle verbrannte und wohl hunderten Menschen Stunden, Tage und Wochen unendlicher Qual bescherte, weil nicht nur ihre Haut zu großen Teilen verbrannt war, sondern alles Fleisch und Muskeln bis tief in den Körper bei lebendigem Leib und vollem Verstand verkohlten.

Für die „Freunde“ Israels ist die Welt bisher völlig in Ordnung; wie ich tagesaktuell lernen musste, verweigern sie schlicht die Zurkenntnisnahme dieser Vorfälle. Konfrontiert man sie damit, erklären sie derartige Berichte kurzerhand zu“rotzfrechen Lügen“. Das sind genau die Fanatiker und Hysteriker, die ein Drittes Reich erst ermöglicht hatten – in welchem Millionen von Menschen schlicht nicht wissen wollten, dass sie so unglaublich große Menschenmassen mit Gas industriell töteten.

Dass die Leugnung des Holocaust unter Strafe steht, finde ich gut. Gegen die Frechheit, das Offensichtliche, das totale Grauen, die vollkommente Unmenschlichkeit zu leugnen, das es tatsächlich in diesem Maße gegeben hat, muss eine Gesellschaft vorgehen – sie darf das nicht geschehen lassen.

Ich wünschte mir, es gäbe dazu auch ein Gesetz gegen die Leugnung der Verbrennung von Menschen bei lebendigem Leib durch Israel. Niemand darf dazu den Kopf schütteln, sich die Finger in die Ohren stecken und die Augen schließen – es gibt im Grauen keinen qualitativen Unterschied zwischen einem Kind, das qualvoll im Gas oder im Feuer, das in seinem eigenen Leib wütet, zugrunde geht. Diesen Tod, diese Qual wegleugnen zu wollen, tötet diese Menschen ein zweites Mal und ist ein widerwärtiges Verbrechen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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