„Blutmond“ – wie üblich nichts passiert …..

Das milde Lachen, das ich einigen verschwurbelten Zeitgenossen damals in der Mitte der 80’er Jahre gönnte, blieb mir seinerzeit im Halse stecken und wich einem gehörigen Schrecken:

Ein paar Neunmalkluge stellten an der Deckenkonstruktion in der „Großen Galerie“ der Cheops-Pyramide unerwartete Unregelmäßigkeiten fest. Sie waren weder mit dem verwendeten Material, noch unzureichenden Fähigkeiten der Baumeister zu erklären. Statt der zu erwartenden, glatten Oberfläche zeigen sich Anstiege und Absenkungen des Deckenniveaus. In der Tat ist dies eine bis heute ungeklärte Frage – so wie ein gutes Dutzend offenbar recht einfacher Fragen gerade zu diesem Monument bis heute ohne Antwort geblieben ist.

Diese Zeitgenossen allerdings legten einen Zeitstrahl an diese Deckenformation und vermeinte, Übereinstimmungen zwischen einschneidenden Ereignissen auf der Welt und der Decke festgestellt zu haben. Dort, wo das Niveau anstieg, sollte es allgemein freudige Nachrichten von gesundem Prosperieren gegeben haben und dort, wo es abfiel, Kriege, Seuchen, Hungersnöte und Zerstörungen. Sie glaubten, an diesem Verlauf Ereignisse wie etwa den Zweiten Weltkrieg punktgenau ablesen zu können.

Ihrer Erkenntnis nach, ich erinnere mich nicht mehr genau an das Datum, endete ihr Zeitstrahl mit dem gänzlichen Abfall der Decke – dort, wo die Sargkammer ansetzt. Das Deckenniveau „stürzt“ hinab bis auf das kleine Plateau nach dem Treppenaufgang der „Großen Galerie“ und öffnet nur einen sehr kleinen Eingang zur Sargkammer.

Dies, so schlossen sie daraus, bedeutet den Weltuntergang. Das Ende des pyramidischen Zeitstrahls war besiegelt – und damit das Ende der Welt.

Ganze Myriaden von Wissenschaftlern und solchen, die sich einbildeten welche zu sein, haben sich mit dem Millionen Tonnen schweren Monument bereits abgemüht; viele kam zu akzeptablen, viele zu wirren, manche zu irrwitzigen und einige zu völlig verrückten Schlüssen – allein nur die Legenden- und Märchenbildung um die „Große Pyramide“ würde Regalwände und unterhaltsame Abende füllen.

Ich erinnere mich nur, dass ich mit der Pyramide zum Stichtag ähnlich verfuhr wie mit dem „Blutmond“ der letzten Nacht – der ja, einigen verschwurbelten Zeitgenossen zur Folge, den Weltuntergang hätte einläuten sollen. Ich gönnte den Zeitungsberichten damals und dem Mond heute morgen einen Seitenblick – nur um festzustellen, dass sich die Welt trotz des abgerissenen Zeitstrahls damals wie heute morgen trotz des „Blutmonds“ hartnäckig geweigert hat, unterzugehen.

Mein Weg führt mich allmorgendlich über eine landschaftlich wunderschöne Strecke. Im Herbst, so wie heute morgen auch, gleite ich an müden Kühen vorüber, die mit halben Körpern noch im Frühnebel stehen, dahinter breitet sich eine Ahnung in hundert Grau- und Grüntönen vom nahegelegenen Wald aus und darüber schimmert das erste Sonnenlicht. Ich surrte einem Sonnenaufgang entgegen – und es war einer von den wirklich sehr schönen. Meine Strecke ist für Pendler eine wenig genutzte und allgemein unbeliebte, da sie zwar entfernungsmäßig kurz, aber wegen vieler Geschwindigkeitsbeschränkungen unpopuläre ist. Sie führt nach den Wiesen in eine sanft hügelige Waldlandschaft; nicht selten steckt ein Reh seinen Kopf zwischen Bäumen hindurch und schaut, was da solche ungehörigen Lärm macht und auf Kaninchen muss man achten, weil sie gern am Straßenrand sitzen.

Alles wirkte aufgeräumt, heiter, gab sich einen wunderschönen Herbstmorgenanstrich, die Luft roch nach Nebel und trägt bereits eine Duftnote nach Pilzen in sich – da erinnerte ich mich wieder des „Blutmondes“, der in meinem rechten Augenwinkel auftauchte und so gar nicht „blutig“ aussah.

Heute lache ich nicht mehr über Spinnereien wie die um einen „Blutmond“.

Denn damals hatten sich etliche der eingangs erwähnten Pyramidenanalytiker zum Stichtag vor dem Monument versammelt – und voller Angst vor dem Weltuntergang umgebracht.

Manche Menschen mögen sich wundern, dass der Islam auf Hellseher, Wahrsager, Zauberer, Geisterbeschwörer und ähnliches Volk sehr zornig reagiert – ich nicht. Ich habe mich damals gehörig über die mögliche Macht erschrocken, die sie haben und die auf nichts fußt außer auf Phantasie, Träumen, Sehnsüchten und Bösartigkeit, Habgier und Niedertracht. Für mich sind all diese Leute psychiatrisch auffällig, dringend behandlungsbedürftig und damit gleichzeitig auch Opfer von Shajtanen. Sie sind entweder böse, weil sie ihre Mitmenschen mit billigen Zaubertricks und Täuschung verführen, einfangen, für sich ausnutzen oder beklagenswert Kranke, die ihren Verstand verlieren oder längst verloren haben. Und die, die an solch wertlosen wie dummen Zinnober glauben, Ängste durchstehen und sich verloren sehen, haben den Glauben an alles andere längst verlassen und verloren. Sie sind vom Pfad des Realismus abgewichen und fangen sich in einem Gestrüpp abstrusester „Erklärungen“, die sich selbst ein Fundament von weiteren, noch abstruseren „Erklärungen“ verschaffen.

Meine ganze Familie liebt astronomisch interessante und vor allem beobachtbare Phänomene; wir Eltern haben schon unsere Kinder (wenn es vertretbar schien) nachts aus den Betten geholt und sind mit ihnen in den Garten getreten, wenn ein Komet beispielsweise vorüberpfiff, wir staunten zusammen in Sternschnuppennächten und betrachten schon mal gemeinsam die Milchstraße – an Hokuspokus wie „Astrologie“ glaubt alhamdulillah niemand von uns.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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