Ägypten – Ist die Vergangenheit der Pharaonen wirklich dahin?

Alle kopfinternen Veranstaltungen, mit denen man vom nordischen Schreibtisch aus die uralte und große Geschichte Ägyptens durchdringen will, sind völlig für die Katz, wenn man sich plötzlich im Land selbst wiederfindet.

Ich hatte so einige Drahtgittermodelle aus Daten und Bildern über alle der relevantesten und sehr vielen der sonst interessanten Kunstwerke und Monumente Ägyptens im Kopf, als ich das erste Mal in Luxor aus dem Flugzeug trat. Die Überraschung hatte ich diesmal erwartet, und sie traf mich daher nicht unvorbereitet: nichts ist dort so, wie man es sich denkt.

Natürlich ist die Gegenwart der Gegenwart geschuldet und längst sind zehntausend Schuhe über die Flecken Erde marschiert, auf die die Pharaonen noch ihre Füße gesetzt hatten. Ganze Ortschaften haben sich viele Meter über das Oberflächenniveau ihrer Vorgänger aus der Antike erhoben und ihre Fundamente in deren Schutt gelegt. Längst haben die Monumente den weitaus größten Teil ihrer ursprünglichen Pracht und Farbigkeit eingebüßt, ihr Innerstes neugierigen Besuchern preisgegeben und seit Jahrhunderten hört man die Lieder der alten Götterprozessionen nicht mehr. In einem Fall errichtete man nichtsahnend eine Moschee um viele Jahre später bei zufälligen Grabungen festzustellen, dass man sie mitten in die Wand eines jahrtausendealten Tempels gebaut hatte. Heute erhebt sich die Moschee viele Meter über dem Bodenniveau des Tempels – und steckt tatsächlich inmitten seiner Wand. Ein durchaus skurriler Eindruck.

Das heißt aber noch lange nicht, dass das Alte Ägypten untergegangen wäre – denn das ist es keinesfalls. Es lebt.

Der Pronaos („Geburtshaus“) des großen Horus-Tempels zu Edfu, in welchem die Geburt der Götter jahrtausende zuvor in Riten gefeiert wurde, ist einer der seltenen Fälle, in denen der weitaus größte Teil der Architektur noch intakt ist. Bis vor wenigen Jahrzehnten noch brachten viele Frauen aus Edfu ihre Kinder dort im Aberglauben zur Welt, dies zwinge göttlichen Segen auf die Babies. Bis auf den heutigen Tag gibt es Bestattungsfeierlichkeiten im Süden, die sich eng an die antiken Zeitpläne halten und die damals übliche Dauer der Einbalsamierungszeiten berücksichtigen. Dem unfreundlichen Besucher, einem ungeliebten Gast serviert man dort bis heute Speisen, in welchen sich möglicherweise zufällig klitzekleine Büschelchen von Haaren finden, die von Wüstentieren stammen. Der Gastgeber greift dann auf die Märchen und uralten Legenden des Wüstengottes Seth zurück und wünscht dem Gast dessen Fluch.

All dessen bedürfte es gar nicht …. und man findet sehr viel mehr vom pharaonischen Ägypten bei zwanglosen Spaziergängen als man je erwartet hätte. In den Menschen selbst. Der meist freundliche, sanfte Gleichmut in ihren Gesichtern entstammt direkt dem Nil – das versteht man sofort, wenn man erst einmal da ist. Als erhöbe sich allmorgendlich ein Nebelstreif aus dem Fluss und dringt in die Häuser ein; auch wenn durch den Staudamm der Rhythmus des großen An- und Abschwellen der Wassermassen unterbrochen ist, wirkt er auf die Seele.

Ich bekam von meinen Eltern eine Nilkreuzfahrt geschenkt und nutzte diese damals, mir erste Eindrücke über den Süden Ägyptens zu verschaffen und Punkte zu identifizieren, die ich später im Rahmen größerer Aufenthalte gesondert bereisen wollte. Die Besatzung des alten und kleinen, aber hübschen Schiffes hatte ihren Spaß an mir. Viele gaben mir Tips, Informationen, einer stellte mir eine Musiksammlung mit ägyptischer Volksmusik auf CD zusammen und manchmal ließen sie mich stillschweigend tun, was sie sonst niemandem gestatteten: ich durfte mich spätabends an den äußersten, vorderen Punkt am Schiff in ein zusammengelegtes Tau setzen. Während hinter mir das Geschwätzige, Lachen, Gläserklirren und die Musik auf dem Schiff langsam verebbten, verstärkte sich der Eindruck, förmlich über den Fluss in die Nacht zu fliegen. Der Abendwind über dem Nil duftet süß – eine sehr erstaunliche Entdeckung, die wohl kaum jemand macht.

Man erhascht einen Blick auf letzte, müde Kinder, die am späten Abend ihr spärlich beleuchtetes Fußballspiel am Ufer beenden, noch ein letztes Mal ins Wasser springen und sich dann auf den Weg ins Haus machen. Den Blick eines Büffels, der dem Schiff noch ein wenig folgt, eine aufgeschreckte Eule flattert davon. Dreitausend Jahre zuvor wird ein Auge kaum eine andere Szene gesehen haben – vermutlich fehlen heute nur die mächtigen Nilkrokodile, die damals so hohen Blutzoll gefordert und die Gegend unsicher gemacht haben.

Manchmal blickte ich zurück und hoch auf die Brücke, auf der der Steuermann hinter seiner Scheibe saß, sein Glas Chai mit spitzen Fingern und das Ruder mit den Füßen hielt und der sich vermutlich mild über den seltsamen Deutschen amüsiert haben wird, der spätestens jeden zweiten Abend mit stiller Genehmigung des Kapitäns seinen Platz dort einnahm. Und dort ebenfalls seinen Chai bekam …. ein stiller, ungefragter Dank von der Besatzung für sein Lernen, Zuhören und für seinen Respekt.

Berührend für mich war die Erfahrung, im Laufe meiner Reisen eine deutliche Entwicklung festgestellt haben zu dürfen: die Zahl der ägyptischen Besucher in und an den Monumenten hat sich dramatisch vergrößert. Fand ich um das Jahr 2000 herum nur vielleicht zehn oder gar nur fünf unter hundert Besuchern von ägyptischer Abstammung, so ist der Anteil heute fühlbar größer. Ich freue mich sehr über das Staunen, über das Kennenlernen und über den wachsenden Stolz der Leute, die jetzt endlich die wahre Größe des Schaffens ihrer Vorväter entdecken. Einmal haben sich gleich drei (!) Busse voller Schulkinder ergossen, als ich zum Eingang von Karnak lief und plötzlich versank ich bis zur Hüfte in einem lärmenden, fröhlichen und albernen Meer von Kindern – eine wunderschöne Erfahrung!

So oft, wenn ich einen Bauern vor einer Pyramidenkulisse auf seinem Feld sah, machte ich eine Zeitreise und befand, dass sich dem Zuschauer auch dreitausend Jahre zuvor kein anderes Bild geboten hatte. Selbst der bunte Zirkus um die großen Pyramiden von Gizeh ist keine Erfindung der Neuzeit – auch wenn heute Batterien, Telefonkarten, bunte Plastikwindräder und T-Shirts mit lustigen Aufdrucken statt Speiseopfern und kleine Statuetten dargeboten werden. Die Touristen von heute tragen genauso „seltsame“ Kleidung wie damals schon, als sich die Pyramide nach der Bestattungsfeierlichkeit für immer geschlossen hatte.

Die alten Zeiten sind nicht vorüber. Wer sich im Kreise von Ägyptern aufhält versteht sehr schnell, dass sie sich heute anders kleiden, anders sprechen und womöglich anders essen, aber immer noch das respektgebietende, wundervolle Volk der Pyramidenbauer von damals sind.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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