Sultan Erdogan, der Westen huldigt Dir!

Natürlich ist das gesamte Thema im Grunde vollkommen lächerlich und lädt dringlich zu wüstester Ironie, ja sogar zur Zynik ein.

Die führenden Europäer wie Bundesmutti Merkel etwa haben sich des türkischen Präsidenten Erdogan in der Vergangenheit immer bedient, als quetschten sie ein Antiaggressionsbällchen in der Faust. Umtriebe, die sich selbst gern, zügig und ohne großen Kommentar gönnen, werden Erdogan wie nasse Lappen bei Bedarf um die Ohren gehauen. Das daraufhin losschlagende Gepäpe von den bekannten Türkenhassern reizt wirklich zum Lachen; selbst die dümmsten Zeitgenossen fühlen sich ganz furchtbar klug, belesen und weise genug, dann aus Erdogan „Erdowahn“ zu machen. Großartig. Wirklich.

Unerheblich, ob da Rentner in Stuttgart mit blutenden Augen vor Kameras auftauchen, weil der Strahl der Wasserwerfer drohte, ihnen die Augen ganz aus dem Schädel zu drücken. Wenn Erdogan Wasserwerfer anrücken lässt, dann ist er ein „Despot!“, ein „brutaler Diktator!“ Videoaufnahmen von prügelnden Polizisten sprechen hier bei uns ganz generell grundsätzlich immer nur von „Einzelfällen!“, während in der Türkei natürlich der Präsident immer persönlich Order zum Schlagen ausgibt. Ich selbst habe in Deutschland Demonstrationen miterleben müssen, zu denen gezielt und absichtsvoll berüchtigte Einheiten aus Großstädten herangekarrt wurden, deren Mitglieder auf der Fahrt an ihren Einsatzort richtig heiß gemacht wurden. Sie kamen mit ihren schwarzen Transportern, hielten, ergossen sich auf die Straße – und prügelten los. Alles Einzelfälle. Ähem. Natürlich. Verzeihung.

Das endlose Durchschnüffeln von Privatsphären, Abhören, Belauschen, Kontrollieren ist in der Türkei grundsätzlich immer ein Anzeichen eines „brutalen und perfiden Islamismus“ – hier bei uns sind das natürlich nur Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Freundesdienst für Verbündete.

Die Türkei wird auch gern noch immer als „Arme-Schlucker-Staat“ bezeichnet, obschon sich seine Wirtschaftsleistung, wenn auch mit z.T. größeren Schwankungen, meist konsequent oberhalb der europäischen insgesamt liegt. Da schert es auch niemanden, dass der Türkei eines Erdogan ein enormer Zuwachs und Ausstabilisierung rechtsstaatlicher Eigenschaften attestiert wird. Und schon gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird, dass es ein Erdogan war, der demokratische Prinzipien konsequent eingeführt, den bewaffneten Kampf gegen die PKK durch Gespräche beendet und schon vor vielen Jahren Aussöhnungsmaßnahmen mit Armenien begonnen hat. Ohne Erdogans Bestrebungen wären Demonstrationen im Gezi-Park vollkommen undenkbar gewesen.

Nein – die Türkei ist alles andere als ein Paradies.

Die bizarren Vorwürfe gegen sie und ihre Regierung aber müssen allerdings distanziert und differenziert betrachtet werden.

Jedenfalls ist die Türkei immer dann ein mieser, islamistischer Staat, der von einem brutalen Despoten beherrscht wird, wenn dessen Bestrebungen, der EU beizutreten, wieder einmal ernsthaft diskutiert werden. Die Türkei ist aber immer dann ein rechtsstaatlich konsolidierter, ernstzunehmender „Partner“ mit gesundem Wirtschaftsfaktor und zufriedener Bevölkerung, dem moderne Bestrebungen und ein Weg aus einer verkrusteten Historie zugeschrieben werden, wenn man was von ihr will. Und das führt tagesaktuell zu der bizarren Situation, dass Erdogan heute hofiert wird wie ein Sultan, dass ihm alle möglichen Ehrbeigungen erbracht werden. Kein Wunder – man will ja auch was von ihr. Und auf einmal werden Erdogans Vorschläge zur Konfliktlösung um die Ströme der Fliehenden mit ganz anderem, neuen Zungenschlag beurteilt und bewertet. Was gestern noch herabwürdigendes Lachen erntete, wird heute ernsthaft erwogen. Kein Wunder, dass der doofen Türkenhasser-Fraktion Deutschlands langsam schwindelig wird. Kaum findet die Bundesregierung rhetorisch Anschluss an sie und hat „Verständnis für ihre Sorgen“, dann ist der Trend schon wieder vorüber und die Türkenhasser sind plötzlich wieder unappetitlich. Ist ja auch wirklich ein bisschen gemein. Man will sich ja an seinen Lieblingsfeind gewöhnen und die blöden Vorwurfsfloskeln in Ruhe auswendig lernen, bevor plötzlich alles wieder anders ist.

Man bittet Erdogan heute, den Zurückgestoßenen, Unberührbaren, den „Despoten“, den „Islamisten“, genau dem Europa zu helfen, zu dem er keinen Zutritt haben soll.

Da erhebt sich die Frage, weshalb er das wohl tun sollte. Die Türkei könnte sich mit Fug und Recht, wenn sie das bloß wollte, diesem Ansinnen völlig verschließen – was oder wer sollte sie daran hindern? Aus welchem Grund sollte die Türkei einem Bündnis, dem sie als Mitglied jahrzehntelang immer viel zu schlecht war, heute helfen? Warum bloß sollte ausgerechnet eine Türkei als Nichtmitglied der EU die Hauptlast der Flucht zurückschlagen? Um diese scharfe Diskrepanz in der Sprachregelung einer EU der Türkei gegenüber weiß natürlich jeder Diplomat – und genau deshalb verlegt man sich auf beinah peinlich überhöfliches Bitten (ja fast: Betteln).

Reccep Tayib Erdogan muss langsam eine Identitätskrise kriegen. Die Geschwindigkeit seiner Verwandlung ist wahrlich atemberaubend. Morgens noch ein grausamer Diktator, Mittags dann abgefeimter Islamist, Abends jedoch legitimierter Präsident eines sauberen, demokratischen Staates. Holla die Waldfee. Wohin soll das noch führen?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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