Henning Mankell – Vervollständigung eines Nachrufs

Natürlich war die Entdeckung, dass Mankell als Autor krampfhaft auf das Thema „Krimi“ reduziert wurde, nicht sonderlich überraschend. Magazine, Zeitungen und sonstige, beliebige Blättchen wie DER SPIEGEL eiern um seine zentralen Leidenschaften neben seinem Schreiben herum, kürzen seine Aktivitäten, Statements und wütenden Reaktionen unangenehm ein.

In Europa soll sich der Verstorbene als Autor schwedisch-düsterer Krimiautor in den Köpfen der kurzlebigen und -sinnigen Bevölkerung manifestieren.

Seine Romane sind in den vielen Nachrufen genug besungen, analysiert, besprochen und gewürdigt worden. Sie waren fraglos beachtlich, wenn ich den Lesern glauben will (ich habe selbst nichts von ihm gelesen, ich bin kein Krimi-Fan).

Viel, ja sehr viel wichtiger war sein Engagement gegen Israel. Magere fünf Zeilen widmet Gerhard Spörl in SPIEGEL Online diesem sehr zentralen Punkt in Mankells Leben. Das ist so wenig, nichtssagend, ja zynisch eingekürzt, dass man es „mal eben“ wegzitiert hat:

Er sagte auch, der Konflikt begleite ihn sein Leben lang, und der Gedanke, dass es nach seinem Tod dort genau so weitergehen werde, sei ihm unerträglich. Er reiste häufig nach Jerusalem und Tel Aviv, zum Literaturfest nach Hebron. Er fand, dass die Palästinenser das Recht auf einen eigenen Staat hätten, und deshalb schloss er sich der Gaza-Expedition an.

Mankells Teilnahme an der „Freedom Flotilla“ in 2010, die durch ein blutiges Massaker bei einem Feuerüberfall durch israelische Soldaten mit zehn Toten brutal beendet wurde, wird von Spörl gleich ganz relativiert, ja eigentlich ins Lächerliche gezogen:

Ich glaube nicht, dass er sich auf dem Schiff wohlgefühlt hatte.

… sagt Spörl und verzichtet darauf dem Leser mitzuteilen, wie er zu diesem seltsamen Schluss kam oder ob er gar selbst mit Mankell auf dem Schiff gewesen ist um dies beurteilen zu können. Spörl unterdrückt folgende Worte von Mankell zu den Toten der Freedom-Flotilla gleich ganz:

Das israelische Militär ist ausgerückt um zu morden.

Gerhard Spörl ist für seine Leidenschaft zu Israel bekannt; eine einfache Recherche fördert eine regelrecht beeindruckende Liste seiner Artikel und sonstigen Veröffentlichungen zum Thema zutage. Da ist es kein Wunder, dass er Mankell als prominenten Israel-Kritiker sehr, sehr gern entwerten möchte.

Folgendes Zitat aus dem jüngsten Text Spörls, der ein verunglückter, für ihn selbst recht peinlicher Nachruf ist, grenzt geradezu an Leichenfledderei, Lüge und Wahrheitsverdreherei:

Er war erst auf der letzten Etappe an Bord gegangen. Diesmal war er in eine politische Aktion hineingerutscht. Er war nicht der Herr des Verfahrens gewesen, wie sonst immer. Man brauchte ihn für die Konfrontation mit den Israelis, seinen Namen, seinen Ruhm, seine Donnerstimme. Ich glaube, er fühlte sich missbraucht.

Hier der Link zum SPIEGEL-Interview mit Mankell, in welchem bereits der Journalist völlig erfolglos nichts unversucht ließ, die Freedom-Flotilla gleichlautend mit der israelischen Vorgabe als verkappte Gewaltaktion von Hamas-Aktivisten hinzustellen. Spörl hätte sich die Mühe machen müssen, dies Interview vor seinem Nachruf zu lesen oder sich von der Einbildung, seine katastrophale Fehlleistung merke schon niemand, befreien müssen.

http://www.spiegel.de/international/world/author-henning-mankell-on-gaza-convoy-raid-first-it-was-piracy-and-then-it-was-kidnapping-a-699101-2.html

Mankell hatte Glück. Sein Schiff der Freedom-Flotilla, die Sofia, wurde nicht von feuernden, sich von Helikoptern abseilenden und maskierten Einsatzkräften überfallen, sondern erst später geentert. Die dann folgenden Ereignisse haben Mankell nachhaltig verbittert:

Sie haben uns zum Showobjekt gemacht, was ich den Israelis nie verzeihen werde. Und dann nahmen sie uns alles fort, was wir hatten: Telefone, Geld, Kleidung, Kreditkarten. So haben sie jeden von uns behandelt. Sie sind Diebe.

Mankell war vollkommen entsetzt über die blutige Aktion. Er hatte mit einem Landsmann gesprochen, der bei dem Überfall auf die Marvi Marmara direkt dabei war und beobachtete, wie einem Passagier gezielt mitten in den Kopf geschossen wurde. Mankell bezeichnete dies im Interview (übrigens mit dem SPIEGEL! Link oben!) als „Mord„.

Mankell war ein unerschütterlicher Aktivist, der sich neben der Palästinafrage auch anderen Brennpunkten auf der Welt mit hohem Einsatz und Risiko gewidmet hatte. Frustrierenderweise waren die Gegenmächte, siehe Spörl & SPIEGEL, jedesmal stärker und seine geldsatte Zunft reagierte nie auf seinen Aufruf, es nicht beim Schreiben zu belassen, sondern selbst tätig zu werden.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem Interview:

Nach meiner Sicht besteht die Verbindung zwischen Afrika und Palästina im Apartheidsystem, das Israel eingerichtet hat. Ich habe in Südafrika erfahren wie das monströse System zerstört wurde. Das gleiche Monster ist in Israel wieder erstanden, nur in einer anderen Form. Palästinenser sind Zweite-Klasse-Bürger. Wenn ich das scheußliche Gesicht dieser Apartheid sehe, muss ich etwas tun um es zu zerstören.

Und zum Abschluss noch ein offenes Wort an Gerhard Spörl: Sie werden zusammen mit Ihrem Kollegen Henryk M. Broder langsam begreifen müssen, dass die Reichweite derart simpler Manipulationsversuche immer kürzer wird. In den Zeiten beinah schrankenlosen Daten- und Bilderverkehrs wird es Ihnen nicht mehr gelingen, über einen kurzen Moment hinaus Un- und Halbwahrheiten im Bewusstsein der Menschen zu installieren – ohne bei deren Enttarnung selbst Schaden zu nehmen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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