Nicht ganz, Frau Berg, nicht ganz (Gegenrede zu „von der Relevanz des Weltuntergangs“)

Meistens ärgern mich die Berg’schen Kolumnenbeiträge. Aber irgendwie immer nur ein bisschen, manche lese ich sogar mit etwas schiefem Lächeln und sehe mir Eingeständnisse zu Feststellungen von Frau Berg abgetrotzt, die ich gern anders sehen würde. Einige reizen mich zu einer Widerrede.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/welche-themen-sind-in-zeiten-der-fluechtlingskrise-relevant-kolumne-a-1057758.html#ref=meinunghp

Schluss mit Ego: Von der Relevanz des Weltuntergangs

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Als gäbe es sonst nichts mehr zu tun, verschwinden gerade langweilige Probleme wie Gleichstellung, Homophobie, Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen, Umweltverbrechen und Klimakatastrophen aus dem Bewusstsein. Vielleicht normal, wenn scheinbar die Welt untergeht.

Niemand kann sich vornehmen, die ganze Welt zu retten. Es muss aber jedem zivilisierten Menschen abgefordert werden, mit einiger Treffsicherheit die wichtigen Probleme zu benennen und halbwegs in eine Priorisierung einzubringen. Es spräche nicht unbedingt für eine weise Entscheidung, mit einem Feuerwehrschlauch erst einige durstige Blümchen am Wegesrand zu gießen, bevor man ihn auf das brennende Haus richtet. Aber der, der das Haus löscht, sollte vielleicht wenigstens von den Blümchen wissen.

Normal, dass man sich mit all dem kleinen Leiden nicht beschäftigen kann, wenn da draußen die Hölle bevorsteht.

Steht sie doch, oder? Haben wir nur so ein Höllengefühl, weil wir nichts anderes sehen und lesen als: Flüchtlingskatastrophen. Völkerwanderung. Bürgerkriege.

Die Hölle steht kaum dichter vor uns als vielleicht vor zwanzig, dreißig Jahren. Hier beginnen meine Probleme mit der Berg’schen Weinerlichkeit, die ich einer ganz anderen als vermuteten Quelle entspringen sehe: dem kleinen Kind, das sie sein will. Denn dem kann niemand eines Tages, wenn alles zu spät ist, vorwerfen: „Du hast es gesehen und jahrelang weggeschaut. Du hast nichts getan!“

Dies jahrelange, jahrzehntelange Wegschauen ist kein unbeabsichtigt geschehenes Unglück. Das Ausblenden der Wirklichkeit war noch nie ein Kavaliersdelikt, etwas, was ja jeder tut und damit auch etwas, was man sich ruhig genehmigen kann.

Da muss man sich doch mal zusammenreißen mit seinen kleinen persönlichen Befindlichkeiten. Da hat die Welt stillzustehen.

Das klingt wie: „Ungeheuerlich! Wer will von mir verlangen, meine Bequemlichkeit aufzugeben?“; Berg hört sich jetzt regelrecht beleidigt an – sie nölt.

Seien wir doch ehrlich: Welche Krise in der Außenwelt auch gerade verhandelt wird – es ist dem Menschen gegeben, sie zu verdrängen wie den Tod. „Weitermachen“, raunt unser genetischer Code, weitermachen, überleben und sich selbst für den Nabel der Welt halten. Das ist, was fast alle tun, und es zu leugnen, ist verlogen.

„Es ist dem Menschen gegeben …“? Was bitteschön ist dem Menschen gegeben? Eine ganze Menge, soviel ist sicher, aber nicht das, was Berg eigentlich ganz anders formulieren müssen. Sie hätte sagen müssen: „… – es entspricht einfach auch meiner Bequemlichkeit und meinem Desinteresse, sie zu verdrängen wie den Tod.“

Dem Menschen ist Geist gegeben. Dieser Umstand allein beinhaltet, weil die Berufung des menschlichen Geists eine der wichtigsten Forderungen im Islam darstellt, für mich mehr Aufgabe als Option. Einem Huhn kann ich nicht abverlangen, um die Gefahr von Atomenergie zu wissen. Dem Menschen hingegen schon. Uns Menschen allein ist die Fähigkeit gegeben, dem „genetischen Weitermachen“ weit enthoben, neue Wege und Möglichkeiten zu erkennen. Das, was einen genetischen Code mit dem Inhalt, nur zum „Weitermachen!“ befohlen worden zu sein, in sich zu haben glaubt, macht sich selbst dem Huhn gleich, das sorgenlos und ungerührt neben dem rauchenden und bereits glühenden Atommeiler Körner pickt.

Einen solchen „genetischen Weitermachen-Code“ zum Schuldigen für das eigene Versagen erklären und damit sagen zu wollen „Ich konnte ja irgendwie gar nicht anders.“, ist geradezu jämmerlich.

Die Umwälzung hat gerade erst begonnen. Da kann man ganz schön erstarren. Da kann man sich darauf einigen, dass es außer diesem Weltuntergang, der jetzt erst ein paar Tausend Jahre dauert, kein anderes Thema gibt. Dass man keine Kunst braucht, außer, sagen wir, jene, die sich mit Flüchtlingen befasst, dass man keine Musik braucht, die nicht Benefiz ist, dass man am besten seine persönlichen Befindlichkeiten vergisst und sie dem Weltweh unterordnet.

Da wälzt sich nichts um …. die Entwicklung verändert sich nur. Strömungen, Themen, Krisen verändern sich, die Intensität der gerade aktuellen Krisen, denke ich, verändert sich nicht. Möglicherweise leidet Berg nur darunter, dass irgendeine ihrer fulminanten Alltagsdrogen, die sie nur zu gern zur Vermeidung der Wahrnehmung anderer, weiterer Realitäten frequentiert hat, auf einmal ihre Wirksamkeit eingebüßt und ihr damit den Blick geweitet hat. Vielleicht hat sie zufälligerweise ein paar Leitartikel anspruchsvollerer Magazine und sonstiger News zuviel mitbekommen. Weil sie plötzlich zweimal hintereinander eine größere Verspätung auf einem ihrer Flüge hatte und nichts anderes, nichts Kurzweiligeres auf dem Zeitungsgrabbeltisch fand als Nachrichten. Igitt.

Ja, Frau Berg, ich fürchte, so ist es: manchmal muss man die eigenen Befindlichkeiten tatsächlich einem großen Weltweh unterordnen und nein, es ist nicht okay, wenn man die eigene Frisur wichtiger nimmt als einen orientierungslosen und in Not geratenen Fliehenden, der vor der Friseurtür steht. Da tut es mir leid um Ihre gewohnten Ablenkungsmanöver, die Sie kopfintern zur Abdeckung größerer Probleme (in Ihrem Jargon „Weltweh“) bevorzugen – denn das sind, so würden meine Kinder sagen, beinah samt und sonders „First-World-Problems“ und stehen gleichberechtigt neben der ungeheuerlichen wie belastenden Frage, ob man nun Kartoffelwedges oder Pommes frites zum Steak wählen soll.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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