Doch nach Ägypten – eine Liebe für eine Liebe

Am Ende hat es mich nur wirklich äußerst wenig Überwindung gekostet – und ich habe meine Entscheidung revidieren müssen.

Seit Jahrzehnten habe ich eine ganz wundervolle, starke Frau an meiner Seite. Uns verbindet weit, weit mehr als „nur“ ein Ehering und seit dem ersten Tag hat unsere Liebe nur an Tiefe und Schönheit zugenommen. Uns hatte ein wahrhaft seltsames „Schicksal“ zusammengeführt; viele würden sich amüsieren über so viele Zufälle. Ich konnte es damals selbst kaum glauben, tatsächlich und wirklich eine solche Frau erobern zu können. Ich hätte sie gern umsprungen damals, wäre jedem Mann freudestrahlend an den Hals gefallen um ihm zuzuraunen: „Sehen Sie mal da. Da vorn. Diese wunderschöne, rassige Frau. Jaja, das blonde Model, ganz richtig. Wissen Sie was? Das ist meine!“

Sie war längst nicht nur schön. Das können viele. Sie ist sehr intelligent, sehr willensstark, sehr frei. Und all diese Schönheit und Freiheit hat sie mir all diese Jahre geschenkt. Wie stolz kann man sein, wenn sich eine Löwin aus freien Stücken entscheidet, bei einem zu bleiben!

Wir haben vier Kinder großgezogen. Unzählige Male konnte ich mich zu ihr flüchten, wenn ich krank war, wenn ich Sorgen hatte, wenn es Probleme gab und nötigenfalls stellte sie sich vor mich und kämpfte. Unzählige Male rollte sie sich wie ein beinah gläsernes Kätzchen in meiner Hand ein und brauchte meinen Schutz, meine Kraft. Und ich behütete sie, verbiss und verjagte alles um sie herum.

Seit einigen Jahren schwindet ihre Gesundheit. Ihre Tapferkeit macht mir oft einen Kloss im Hals, lässt mich tief schlucken. Nicht selten greift es mir ans Herz, wenn ich sie an ihrem Rollator durch unser Haus gehen sehe …. mit Schmerz im Gesicht, den sie oft vor mir verbergen will. Die Prognose ist nicht gut. Gar nicht gut.

Seit vielen Monaten fragt sie mich …. eher schüchtern, was ich von ihr nicht kenne …… ob man nicht vielleicht doch nach Ägypten würde reisen können. Wir haben uns vorgestern lange unterhalten und mich bewegte tief, wieviel sie wirklich von unserer ersten, gemeinsamen Ägyptenreise für sich mitgenommen hat, wieviel vom Zauber des Landes wirklich tief in ihr angekommen ist und wie sehr Ägypten sie wirklich berührt hat.

Nun zieht es sie zu den Pyramiden.

Wie könnte ich da anders als eine solche Reise zu planen? Im Oktober des nächsten Jahres, wenn wir einen vollen Hochzeitstag feiern (und sie hoffentlich noch genug Kraft für diese Reise hat!), wollen wir Hand in Hand im Mena-House auf der Terrasse sitzen und die Monumente bestaunen. Ich muss ihr das möglich machen, ich schulde es ihr, unserem Leben, ihrer, unserer Liebe.

Der Zauber, die Magie, die Menschen Ägyptens üben eine ganz ungeheure Kraft auf den aus, der zu schweigen, zu schauen, zu lernen und zuzuhören weiß. Mich jedenfalls, mich und mein ganzes Leben hat eine einzige, einwöchige Reise vollkommen zu verändern gewusst – mein Leben davor erscheint mir heute wie eine belastende, dunkle und ungewünschte Illusion. Und nun, da ich meine Frau diese Magie einmal hatte fühlen lassen und den ganz speziellen Moment, in dem sie sie überwältigt hat, selbst miterleben durfte, kann ich ihr diesen Wunsch unmöglich versagen – es fragt sich, wieviel und was für eine Zeit noch auf sie wartet.

Als sie schweigend hinaussah auf den Fluss, wegen der frühmorgendlichen Kälte nur ungenügend mit einer dünnen Decke umschlungen und ihre Gedanken in den feinen Nebelstreif hineinglitten, den sich der Nil wie ein Hauch von Gaze umgelegt hatte. Das noch nicht erwachte Dorf am Ufer, das Fischerboot, der Alte und sein Sohn darin, die uns lachend zuwinkten – das Unbekannte voraus und das Gesehene verschwand hinter uns im Vorhang des Nebels. Ich war eine oder zwei Minuten nach ihr auf das Deck gekrabbelt; als sie morgens gegen fünf Uhr erwachte, aus dem Bett gesprungen und angezogen war, schüttelte sie mich kurz, flüsterte lachend: „Ich geh schon mal vor.“, hatte die Kabine verlassen und war in einem Hui oben auf Deck. Da fand ich sie ….. gedankenversunken, schweigend, in der Szene, im Moment, im Land verhaftet. Diese wundervolle Frau, die um ihre Kraft, ihren Geist und ihre Möglichkeiten weiß und sich nun wirklich nicht leicht beeindrucken lässt. Als habe ihr dieser Frühnebel des Nils ein Elixier eingeflößt …. als habe ihr der Fluss in diesem Moment ein Geheimnis zugewispert ….. dieser Moment hat sie verändert. Ein bisschen nur; nur wer sie so gut kennt wie ich, der spürt diesen Ruck, der sie durchfahren hat. Wer wüsste besser als ich, dass Ägypten seinem Besucher Fragen beantwortet, die dieser nie gestellt hatte. Und wer wüsste besser als ich, dass sich all diese Fragen immer nur um denjenigen selber drehen, der diese Fragen nie gestellt hatte …..

Wir hatten damals mit Karnak wirklich viel Glück – vielleicht, weil ich die Besichtigung privat organisiert und damit einige Gefahren umschifft hatte. Wir „verpassten“ so die dicksten Händlerhaufen, die zuweilen leider sehr aufdringlich sind, wir fanden ein halb leeres Tempelgelände vor und Karnak breitete sich exklusiv vor uns aus. Die große Säulenhalle teilten wir nur mit zwei, drei weiteren Leuten, die gleich uns lange vor der großen Touristenwelle vor Ort waren. Ein bisschen italienisches Geschnattere berührte uns und ebbte wieder ab, weil die Leute sich statt wie wir nach links, nach rechts wendeten. Ich sah die Augen meiner Frau und konnte erkennen, wie Karnak in all seiner Farbe, Pracht und Feierlichkeit durch meine Erzählungen und Erklärungen neu vor ihr erstand. Ich konnte es fühlen – einige Tropfen Nilwasser sind in ihrem Herz angekommen.

Wie könnte ich ihr diesen Wunsch nun abschlagen, die Pyramiden zu sehen?

Eine Tour mit der legendären „MS Sudan“ werden wir machen; Filmfreaks kennen das Schiff: es ist das originale Schiff aus dem Film „Tod auf dem Nil“ mit Sir Peter Ustinov. Und da mein Leben mit einer Unzahl von kleinen und großen, lustigen wie faszinierenden Anekdoten bis zum Rand gefüllt ist, streift auch diesmal eine von ihnen mein Dasein: ich hatte die Ehre und das unsagbare Vergnügen, Sir Peter Ustinov ganz privat kennenlernen zu dürfen und so wird diese Flussreise für mich persönlich noch um eine weitere Erlebnisebene erweitert werden. Ich werde mich in genau dem Salon genau auf den Stuhl setzen, auf dem er damals gesessen hatte …. den gleichen Anblick genießen wie er und ich werde mich an meine Unterhaltung mit ihm erinnern und für einen Moment werden sich die fünfunddreißig Jahre, die seitdem vergangen sind, in Luft auflösen. Er wird mir wie damals ein Auge zukneifen und mich breit anlächeln und ich werde mich amüsieren, wenn ich an seinen Satz aus dem Film denke: „Mein Name ist Poirot, Hercule Poirot.“

Meine Frau liebt diesen Film – wir haben ihn mindestens zweimal zusammen gesehen. Und so kann ich ihr nach den Pyramiden ein wenig Film, das originale Schiff und die Begeisterung der Szenen darauf schenken …. während wir über diesen magischen, wunderschönen Nil gleiten …. Hand in Hand.

Ich muss nach Ägypten.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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3 Antworten zu Doch nach Ägypten – eine Liebe für eine Liebe

  1. arbabat schreibt:

    Eine wunderschöne Liebeserklärung ❤

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  2. Jessie schreibt:

    Berührend erzählt. So viel Liebe schwingt darin … für diese besondere Frau, für dieses besondere Land. Möge die Vorfreude auf die Reise sich schließlich in ein freudvolles Erlebnis wandeln; möge euch beiden ausreichend Kraft und Gesundheit beschieden sein, um eure Sehnsucht gemeinsam stillen zu können.

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    • echsenwut schreibt:

      Vielen Dank …. es ist nichts Künstliches, gar nichts Erdachtes in meiner Beschreibung …. leider, möchte ich fast sagen. Ich wünsche jedem Menschen auf der Welt einen Gewandzipfel unserer Liebe – und es würde, es könnte gar keine Kriege mehr geben. Nur ein bisschen davon für jeden, und alles würde gut. Mit dieser Frau habe ich alles erlebt, was man unter dem Begriff „Liebe“ zusammenfassen kann.
      Sie hat mich oft befrotzelt; als wir uns trafen, fand ich Liebesromane und -Filme grotesk, lächerlich, albern, dumm. Solche Gefühle hatte ich bis dahin nicht kennengelernt. Nichts je empfunden, was über eine lässliche Schwärmerei hinausgegangen wäre. Und dann hat sie mir all das gegeben und gezeigt und noch viel mehr dazu, was ich noch nirgendwo beschrieben fand. Ich bin zu beneiden.
      Deshalb ist es für mich selbstverständlich, ihr alles zu geben, zu ermöglichen, irgendwie herbeizuschaffen, zu machen, was sie möchte. Sie hat mir immer alles gegeben, was sie hatte und konnte; ihr gesamtes Leben gehört mir und liegt wie ein unsagbar kostbarer, verletzlicher Schatz in meiner Hand. Deshalb gehört ihr jeder meiner Momente, deshalb schulde ich ihr ein ganzes Leben.
      Vielen Dank für Deine freundlichen und guten Wünsche …. inshallah wird uns beiden Zeit und Kraft genug gegeben, damit wir es bis dahin schaffen. Bis zum Nil, bis zu den Pyramiden.

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