Israel – Ausmaß und Geschwindigkeit blutiger Brutalität erhöhen sich unerwartet schnell

Aufgrund der zahllosen Lügen israelischer Sicherheitsbehörden ist nur sehr schwer an belastbare Daten heranzukommen. Als sicher anzunehmen ist, dass seit Beginn dieses Oktobers mindestens 57 Palästinenser getötet worden sind.

Wie im Fall Dania Irsheid, 17, die in der Nähe der Ibrahimi-Moschee in Hebron erschossen wurde, ist sehr häufig den eilig produzierten wie falschen Vorwürfen, der Angreifer habe angeblich ein Messer gehabt, durch Zeugenaussagen entgegenzutreten. Im Falle Irsheid liegen diese Zeugenaussagen vor. Die junge Frau wurde an einem Checkpoint zur Kontrolle herausgezogen, ihre Büchertasche wurde gefilzt und der israelische Soldat fragte sie provozierend, als sie durch den Metalldetektor ging: „Wo ist das Messer?“. Sie verneinte, eines zu haben, geschweige denn bei sich zu führen und ein Soldat feuerte zwischen ihre Beine in den Boden. Sie sprang zurück, hob die Arme und wiederholte, dass sie kein Messer habe. Daraufhin wurde sie von sieben oder acht Kugeln zu Boden gestreckt. Und auch hier, wie in vielen Fällen, lag für die Soldaten offenbar kein Grund vor, einen Krankenwagen oder nach medizinischer Hilfe zu rufen. Irsheid blieb minutenlang einfach in ihrem Blut liegen. Auch aufgebrachte Rufe aus der Menge, man möge doch endlich wenigstens einen Krankenwagen rufen, führten zu nichts. Die israelischen Behörden behaupten fälschlicherweise auch hier, dass ein Soldat angeblich ein Messer bei ihr gesehen haben will. Das Foto der Niedergeschossenen ist hier zu sehen: http://www.maannews.com/Content.aspx?id=768468

Ganz ähnlich liegt der Fall bei Saad Muhammad Yousif al-Atrash, 19, der ebenfalls nahe der Ibrahimi-Moschee in Hebron von der israelischen Armee mit der gleichen „Begründung“ abgeknallt worden ist.

Dabei existieren diese plötzlichen Messerattacken tatsächlich. Und sie fordern auch unschuldiges, israelisches Leben. Nur über die Ursachen dieser neuen Intifada belügt sich die israelische Regierung ebenso selbst wie die Bevölkerung und letztlich die ganze Welt.

(Quelle: al-sharq.de, Verf.: Christoph Dinkelaker)

Ob in Jerusalem, Tel Aviv oder Beer Sheva: Zehn Jahre nach Ende der Zweiten Intifada wird Israel von den Folgen seiner Besatzungspolitik eingeholt. Mit den Angriffen zerplatzt die Illusion, der von Unterdrückung, Entrechtung und Vernachlässigung geprägte Status Quo könne widerstandslos aufrechterhalten werden. Die Strategie der Regierung Netanjahu, den Konflikt zu verwalten anstatt auf eine politische Lösung hinzuarbeiten, ist zum Scheitern verurteilt.

Wobei die Annahme Dinkelakers, die Regierung wolle den Konflikt „verwalten“, von mir nicht geteilt wird. Ich denke, dass die Regierung den Konflikt ausweiten und zum Anfangspunkt einer nun verstärkter und effizienter vollzogenen, ethnischen Säuberung und Eliminierung jedes arabischen Lebens innerhalb Israels stilisieren will.

Dafür aber sieht Dinkelaker wenigstens einige Punkte, die westlichen Journalisten häufig genug entgehen und mehr oder weniger bewusst ignoriert werden, da sie nicht in das Bild passen, welches Israel offiziell gern ins Bewusstsein der Menschen installieren würden:

Im palästinensischen Ostjerusalem, das Israel als annektiertes Gebiet für sich beansprucht, sind die Zustände besonders verheerend: Es gibt viel zu wenige Schulen, der Müll wird selten abgeholt und regelmäßig stellt die Stadtverwaltung das Wasser ab.

Im Grunde spricht oder schreibt hierüber (natürlich) niemand. Das wird als unappetitlich verstanden und kratzt am Image des „armen Opfer-„Israels, dass völlig schuldlos und unerwartet von bösen und niederträchtigen Palästinensern heimgesucht wird.

Solange die Besatzung anhält und den Palästinenser_innen Selbstbestimmung und wirtschaftliche Entwicklung verwehrt bleiben, wird die Gewalt immer wiederkehren. Sie mag zwischenzeitlich abflauen, braucht jedoch lediglich einen Auslöser, um das Land zu erschüttern – wie dieses Mal, als national-religiöse jüdische Kräfte die muslimische Kontrolle über den Tempelberg/Haram Ash-Sharif in Frage gestellt haben.

Die völlig verrückt wirkende Herumzerrerei extremistischer, jüdischer Kreise folgt ebenso einer ganz bestimmten Choreographie. Einige Mitglieder der Knesset, wie der Stellvertretende Sprecher der Knesset, Moshe Feiglin, bekennen sich ganz offen sowohl in Gesprächen, Interviews und auf ihren eigenen Facebook-Auftritten zu rassistischen und extremen Anschauungen. Nicht wenige von ihnen folgen Meir Kahane, einem extremen Rabbi, der seit Jahrzehnten die unterschiedslose Auslöschung aller Araber propagiert und insbesondere die Tötung nichtjüdischer Kinder und Säuglinge empfiehlt. Diesen Kreisen, denen auch Netanyahu selbst persönlich sehr nahesteht, dient der Konflikt um den Tempelberg als wilkommener Auslöser blutiger Gewalt gegen Araber.

So pessimistisch Dinkelaker auch klingt – ich halte ihn für wesentlich zu vorsichtig in seinen Ausführungen:

Die Stärke der israelischen Rechten lässt darauf schließen, dass ein Kurswechsel der politischen Führung in Israel gegenüber der Besatzung Palästinas nicht in Aussicht steht.

Ich denke im Gegenteil, dass eine dramatische Ausweitung der Erschießungen, Drangsalierungen und perfider Tricks seitens der Regierung bevorsteht, um im ersten Schritt Jerusalem, im zweiten ganz Israel vollständig frei von Arabern zu machen und im letzten Schritt den Gaza-Streifen nebst des Westjordanlandes ins israelische Staatsgebiet einzuverleiben. Denn extremistische Juden in der Regierung, die die knappe Mehrheit stellen (!), bezeichnen diese Gebiete mit frühzeitlichen Namen, die seit Jahrhunderten untergegangen sind und behaupten in ihrem religiösen Wahn allen Ernstes, angeblich habe ihnen ihr Gott diese Gebiete zugesprochen.

Die Exzesse der israelischen Regierung vollziehen sich zwar mit Wissen aller verbündeten und „befreundeten“ Staaten, werden aber durch Stillschweigen in der Öffentlichkeit niedergehalten:

Das offenbart sich in dem kollektiven Leid großer Teile der palästinensischen Bevölkerung, das seit Jahrzehnten andauert. Ein besonders eklatanter Indikator dafür ist beispielsweise, dass durch das israelische Militär in den vergangenen 13 Jahren über 1500 palästinensische Kinder durch gezielte Aktionen oder als sogenannte Kollateralschäden umgekommen sind. [Stand: Oktober 2013. Heute ist die Zahl wesentlich höher.]

Weder Berlin noch London oder Washington spricht über tote Kinder; dadurch, dass sie einfach nicht zur Kenntnis genommen werden, finden sie auch in der Öffentlichkeit nicht statt. Und da die Regierung seit vielen Jahren, lange auch vor der Übernahme der Regierungsverantwortung durch Netanyahu, rechtsextrem und rassistisch eingestellt ist, entsteht durch diese hohen Zahlen auch keine internationale Aufregung.

Seit 2000 entspricht das einem toten Kind alle drei Tage entspricht – ohne, dass dazu irgendwer zur Verantwortung gezogen wurde.

Palästinenser, Araber und deren Frauen und Kinder auch ohne jeden Anlass, ohne jede Notwendigkeit, ohne jede Notwehr zu töten, erzeugt in Israel kein Problembewusstsein und wird vermutlich von vielen noch nicht einmal als Unrecht empfunden.

Völlig regungs- und kommentarlos akzeptieren alle westlichen Staaten schulterzuckend, dass Israel reflexhaft arabische Wohnhäuser niederreißt:

Auch die extensive und nicht militärisch relevante Zerstörung ziviler Gebäude ist ein Kriegsverbrechen. Doch allein 2012 wurden in den C-Gebieten 514 palästinensische Gebäude zerstört, darunter 165 Wohneinheiten und 20 Container, um Regenwasser aufzufangen. 825 Menschen, die Hälfte davon Kinder, haben dadurch ihr Heim verloren. 3,000 Hauszerstörungen stehen noch aus, worunter auch 18 Schulen sind. Seit 1967 wurden in den besetzten Gebieten um die 24,000 Häuser zerstört, 2,000 allein in Ostjerusalem. Dort sind ein Drittel der verbleibenden Häuser von der Zerstörung bedroht, weil die israelische Stadtverwaltung den Bewohnern in 95 Prozent aller Fälle nicht die notwendigen Baugenehmigungen ausstellt. Bis zu 90,000 der insgesamt 290,000 Palästinenser Jerusalems sind von dieser Gefahr betroffen.

Man hat sich in Europa mit dem Konflikt ganz wunderbar arrangiert. Die Medienauftritte haben Programm und stören das Bild, welches von der israelischen Regierung entwickelt und frei Haus geliefert wird, keineswegs. Alle Vorfälle, in denen sich die volle Brutalität ihrer Übergriffe, eklatante Rechtsbrüche zeigen, erhalten ebenso eine passende Legende wie die des angeblichen „Messerangriffs“, der zahllosen, willkürlichen Erschießungen vorangegangen sein sollen.

Europa glaubt das nur zu gern. Es kann die Vorstellung, jahrzehntelang gefälschten Berichten eines „Freundes“ aufgesessen zu sein und zu dumm zum eigenen Erkennen der Wahrheit dahinter gewesen zu sein, nicht ertragen. Deshalb ist die Stillhaltepolitik auch Berlins nichts als ein „Augen zu und durch!“. Niemand will sich dem Vorwurf aussetzen, das wahre Ausmaß der Brutalität, des sehr offen gelebten Rassismus‘ unappetitlichster Ausprägung, der beständigen wie tödlichen Übergriffe gesehen und nichts dagegen unternommen zu haben. Der Scham-Peak ist überschritten. Wer jetzt den Fehler begeht und der israelischen Regierung in einem der überzeugend mit Gegenbeweisen flankierten Fall einer willkürlichen Tötung einen Vorwurf macht – der wird sofort nach den vielen Tausend davor gefragt werden. Also wird ein Steinmeier, eine Merkel, ein Cameron, ein Obama, ein Kerry und ein Hollande niemals von einem solchen Fall gehört haben wollen. Sie werden jedesmal und konsequent lügen, wenn man sie darauf anspräche. Nein, werden sie sagen (müssen), das habe man alles nicht gewusst.

Deshalb wird Europa auch nie verstehen, was hinter dieser neuerlichen, dieser „dritten Intifada“ wirklich steckt. Welches Motiv sie antreibt, welcher Alltag sie provoziert und welchen Drangsalierungen und Quälereien sie sich entgegenstemmt. Europa wird deshalb auch nie verstehen, weshalb die Täterschaft hinter den echten Messerattacken eine ganz andere, ganz erheblich jüngere als die der vorangegangenen Intifadas ist. Und weshalb diese Intifada die mit Abstand gefährlichere, wirksamere, länger andauernde und blutigere sein wird.

Wir wollen die Lügen der israelischen Regierung glauben. Weil wir uns nicht selbst bei einem fürchterlichen Fehler erwischen wollen, der jeden einzelnen Tag um viele Tote größer und immer größer wird.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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