Israel – der lange Schatten der „Mavi Mamara“

Am 31. Mai 2010 wandte die israelische Regierung maximale Gewalt gegen die „Freedom Flotilla“ an, die von Zypern aus Kurs Richtung Gaza genommen und Hilfsgüter für die von Israel zum Gefängnis gemachte Region des Gaza-Streifens geladen hatte.

Um die Not der Menschen aufrecht zu erhalten und der Welt den Eindruck zu vermitteln, dass zugrundegehen muss, was einmal von Israel zum Untergang verdammt worden ist, setzten sich einige Helikopter mit Soldaten in Marsch, um die „Freedom Flotilla“ gegen jedes gesprochene Recht und geschriebene Gesetz in einem Akt brutaler Piraterie in internationalen Hoheitsgewässern zu überfallen und zu stoppen. Von den Helikoptern seilten sich Soldaten auf das Flaggschiff der Flotte, die Mavi Mamara, ab und begannen sehr schnell um sich zu feuern.

Insgesamt zehn Menschen fanden hierbei den Tod.

In der letzten Woche hielt sich der damalige „Verteidigungs“-Minister, Ehud Barak, in den USA auf um dort eine Rede zu halten. Prompt wurde ihm dort eine Vorladung vor das Bundesgericht übergeben. Barak hat sich dort für den Mord an einem der Passagiere, Furkan Dogan, persönlich zu verantworten. Barak trifft der Vorwurf des Kriegsverbrechens.

Dies dürfte das erste Mal sein, dass überhaupt ein Verfahren gegen einen israelischen Politiker eröffnet wird, der direkt für viehische und überaus brutale wie grausame Verbrechen verantwortlich ist. In den zurückliegenden Jahren breitete die Welt und die internationale Justiz gern und oft im Zuge vorbereitenden Gehorsams den Mantel des Schweigens über derartige Vorgänge. Ob die israelische Armee absichtsvoll, gezielt und ohne jede Notsituation auf Kinder schießt und sogar Raketensalven auf sie abfeuert, Verletzte mitunter bis zum Tod verbluten lässt, während sie hinzugeeilte Sanitäter drangsaliert und misshandelt oder gezielt auf Hilfskräfte schießt, ist bisher noch von niemandem und zu keinem Zeitpunkt je ernsthaft verfolgt worden.

Das Massaker auf der „Mavi Mamara“ vollzog sich noch nicht einmal (!) auf einem Gebiet, welches kranke „Groß-Israel“-Visionäre als ihr Eigentum betrachten. Es fand in internationalen Hoheitsgewässern statt und sollte der Welt sagen:

Seht her! Wir löschen jeden aus, der uns nicht passt – und das überall!

Niemand nahm je daran Anstoß, dass Israel jeden Vorwurf in Bezug auf dies Massaker mit dem gemurmelten Hinweis auf „Selbstverteidigung“ vom Tisch wischte. Wie ein paar Dutzend unbewaffnete Menschen auf zivilen Schiffen mit nichts als Beton, Medikamenten und Solaranlagen an Bord eine Bedrohung für Israel darstellen können, dazu hat sich Israel niemals geäußert. Es erschöpfte sich darin, Fotos von Passagieren durch die Welt zu jagen, die irgendwelche schiffsüblichen Gegenstände in Händen hielten um darüber aufzuheulen, angeblich seien die Leute „bewaffnet“ gewesen.

Wer sich als Israelkritiker jemals in Gegenwart von Israelis aufhält, der esse sicherheitshalber mit den Fingern. Nimmt er eine Gabel in die Hand, könnte er ja damit zustechen – und schon hat die israelische Armee wieder einen „Grund“ zum Töten. Diese Idee ist selbstverständlich beliebig ausweitbar. Einen Radiergummi etwa könnte man einem Israeli zum Ersticken in den Hals rammen. Vermutlich müsste man einem Israeli nackt und vorsorglich gefesselt und geknebelt begegnen – sonst provoziert man seine Erschießung, weil sich der Israeli irgendwie „bedroht“ gefühlt haben könnte.

Wir sind der Korrektur der Verhältnisse um und in Israel wieder mal ein kleines Stückchen nähergekommen …. immerhin wurde nun wenigstens schon mal eine Vorladung eines Verantwortlichen ausgestellt und übergeben. Wir wissen alle, wie das Verfahren ausgehen wird. Diesmal. Diesmal noch. Eines Tages wird man vielleicht sogar tatsächlich einmal ein Verfahren eröffnen und weitere Generationen später (wenn die fünfte oder sechste Intifada noch Israelis und Palästinenser übrig gelassen hat!) wird man vielleicht sogar einen Prozess führen.

Aber soviel ist absolut sicher: die Geschichte hat Israel schon längst verurteilt.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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