Israel – Achja, die Sache mit dem Mufti und dem Stern ….

Dass arabische Journalisten, Experten, Analysten und Politiker von dem seltsamen Märchen Netanyahus, angeblich hätte der Jerusalemer Mufti seinerzeit Adolf Hitler zur Vernichtung der Juden angehalten, förmlich überschnappen, wundert niemanden. Allerdings gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Historiker, der seine These stützt – im Gegenteil: selbst israelische Historiker distanzieren sich. Zumal es zu dem Gespräch zwischen dem Mufti und Hitler, welches Netanyahu geradezu in einen Beweisrang erhebt, keinen einzigen (!) Zeugen gibt.

Nebenbei bemerkt: es gibt im Gegenteil genug schriftliches Material, welches Mitglieder der Regierung Netanyahus ganz eindeutig schwerst rassistische Äußerungen vorwirft. Die Begriffe „Vieh“, „Schädling“ und „Biester“ gehören da schon zu den mittelmäßigen Beschimpfungen.

Aber weiter:

Wie ich nun von arabischen Historikern in der traditionell israelfreundlichen US-Presse (im vorliegenden Fall die Los Angeles-Times) ausgegraben sehe, wird andersherum ein Schuh daraus. Es war der zweimalige Ministerpräsident Israels, Yitzchak Shamir, der sich als Mitglied der „Stern-Bande“ (benannt nach Abraham Stern) an Terrorakten gegen Großbritannien beteiligt hatte. Übrigens empfanden ausschließlich nur die Briten die Angriffe als „Terror“, die Kämpfer selbst sahen sie als „Freiheitskampf“ – die „dritte Intifada“ lässt grüßen und Netanyahu beweist, wie einfach seine Regierung mit zweierlei Maß zu messen und zu verkaufen versteht.

Abraham Stern war es, der der deutschen Dikatatur unter Hitler ein Angebot machte: man werde sich am Krieg gegen Großbritannien für Deutschland beteiligen, wenn dafür ein uneingeschränktes Auswanderungsrecht für alle Juden Deutschlands eingeräumt würde. Das Märchen, das Netanyahu über den Mufti erzählte, hat bei Recherchen ein besonders fragwürdiges Stück israelischer Geschichte zutage gefördert. Ich hielt mich ja schon für einigermaßen informiert – aber diese Zusammenhänge kannte ich bis dato in dieser Komplexität auch noch nicht. Denn es kommt alles noch viel, viel schlimmer.

1941 dann wurde Shamir als Terrorist gefasst. Ihm gelang ein Ausbruch aus der Gefangenschaft, und 1943 nahm er den heimlichen wie heimtückischen, bewaffneten Kampf (der ja für ihn und seinesgleichen nie „Terror“ war) wieder auf. In lockerer Folge wurden tödliche Anschläge auf Briten verübt.

Die „Stern-Bande“ (übrigens auch „Lehi“ genannt) Shamirs tötete 1948 den UN-Unterhändler Graf Folke Bernadotte in Jerusalem. Dessen Plan zur Aufteilung Palästinas passte den Zionisten nicht – und so musste er sterben.

Der „Stern-“ sowie der „Irgun-“ Bande wird ein Massaker zur Last gelegt, die sie gemeinschaftlich am 9. April 1948 in der arabischen Ortschaft Deir Yassin verübt haben. Dabei deckten die „Freiheitskämpfer“, die auf gar keinen Fall „Terroristen“ genannt werden wollen, die gesamte Ortschaft mit schwerem Maschinengewehrfeuer ein und töteten beinah alle Bewohner – Frauen, Säuglinge, Alte, Männer …. einfach alle. Frauen, die die Salven überlebten, wurden vergewaltigt und dann erschossen.

Netanyahu hat seiner Sache einen wahren Bärendienst erwiesen. Sein Versuch, Nazideutschland von seiner Schuld am Holocaust reinzuwaschen, ging ganz gründlich fehl. Ich bin gespannt auf seine nächsten Auswürfe – sie werden ganz sicherlich wieder so spannende Details an die Oberfläche spülen wie sein „Mufti-Märchen“.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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