Ägypten – der Diktator und die Bombe

Der Diktator ist die Neuauflage von Goethes „Zauberlehrling“. Gebildete und kultivierte Zeitgenossen erkennen die Parallele sofort:

Al-Sisi benutzte die Drohung des Terrors, um einerseits eine Stimmung der Angst, Hass auf den bezichtigten, gewählten Präsidenten Dr. Mohammed Mursi und letztlich eine totale Kontrolle herbeizuführen. Im Grunde bleibt festzustellen, dass ihm dies mit freundlicher Unterstützung Europas auch ganz gut gelungen ist. Wo ihm Waffen und Geld für die Niederschlagung aller Opposition und Kritik fehlten, erhielt er dies ohne großes Aufhebens aus Berlin, Washington und London. Wo ihm internationaler Zuspruch und freundliche Aufnahme in den Reigen der Staatschefs fehlten, erhielt er sehr aufmerksame Einladungen aus Berlin und London – in diesen beiden Städten nebst ihrer zugehörigen Länder schert man sich nicht wirklich viel um die Verhältnisse in Ägypten.

Eher im Gegenteil. Vor etwas mehr als einem Jahr vertrat Angela Merkel noch den Standpunkt, man könne einen ägyptischen „Präsidenten“ erst einladen, wenn er kraft Wahl zum Präsidenten bestimmt worden sei. Ihr eigenes Gefasel störte sie jedoch nicht im Geringsten, als sie den Diktator in aller Freundlichkeit und mit aufgesetztem Grinsen dennoch in Berlin empfing, als er sich noch nicht einmal mit einem Tarnmäntelchen irgendeiner „Wahl“, und sei sie noch so gefälscht, manipuliert, verbogen, bedecken konnte.

Unangenehme Begleiterscheinungen bei diesem Besuch fanden ihren Weg zwar in die Presse, nicht aber in Äußerungen des Bundeskanzleramts. Man wollte einfach nicht offiziell zur Kenntnis nehmen, dass mehr als hundert begeistert fahnenschwingende, bezahlte Schreihälse wenige Stunden zuvor in Kairo ins Flugzeug gesetzt worden waren, damit sie hübsche Bilder in Deutschland abgeben. Und es wurde auch nicht weiter kommentiert, dass genau diese Schreihälse in Berlin brutale Gewalt gegen Kritiker des Diktators bei einer Gegendemonstration angewandt hatten. Auch die kurz zuvor abgehaltene Pressekonferenz brachte einen Eklat, der zwar in unmittelbarer Anwesenheit der Bundeskanzlerin stattfand, von ihr jedoch weder kommentiert noch sonst irgendwie offiziell zur Kenntnis genommen wurde: eine junge Frau erhob sich und rief dem Diktator zu: „Mörder! Mörder!“ – worauf sie auf die tausenden Todesopfer abhob, die von ihm direkt zu verantworten sind.

Es wurde nichts aus den hübschen Fotos. Der Versuch, den Diktator ohne viel Aufhebens in Europa salonfähig zu machen und zu einem normalen Verhandlungspartner zu erklären, war gründlich fehlgeschlagen.

Nun versucht es der Diktator in London. David Cameron ist ähnlich skrupellos, gleichgültig und mit Scheuklappen behaftet wie Angela Merkel auch. Im Zweifelsfall interessiert ihn an Ägypten der Waffenkäufer, der seiner Industrie reichhaltige Aufträge beschaffen kann. Ihn interessiert wie Merkel auch an ihm, dass er erklärter- wie bewiesenermaßen fähig und engagiert darin ist, u.a. jede Israelkritik, jede sonstige, kritische Meinungsäußerung in seinem Land mit brutaler Gewalt zu vernichten.

Dabei verstehen weder Merkel noch Cameron, was offen zutage liegt: weil der Diktator die Speerspitze der Israelkritik, die Muslimbruderschaft, zu Terroristen erklärt, verfolgt, verhaftet, foltert und tötet, stellen sich mittlerweile zahllose kleinere, mittlere und auch prominente Glaubens- und Terrorvereinigungen gegen ihn. Der von ihm erzeugte Verfolgungsdruck hat Tausende, wenn nicht Zehntausende in kurzer Zeit vollständig radikalisiert, die eher moderat und progressiv eingestellt gewesen sind und durchaus Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatten.

Der Diktator hat den Terror nie verfolgt – sondern produziert.

Seit nunmehr zwei Jahren stirbt in Ägypten neben der Opposition auch durchschnittlich jeden Tag ein Soldat bzw. Polizist infolge von Terrorakten. Eine vormals zwar radikale, aber nur wenig vernetzte und isolierte Terrorgruppe im Sinai fand die Aufmerksamkeit des „Islamischen Staates“, erklärte sich zum Vasallen und wird nun fleißig mit Know-How und Waffen bzw. Sprengstoffen vom „IS“ bedient. Das haben wir erst letzte Tage durch die Sprengung der russischen Maschine erlebt, die 224 Menschen das Leben gekostet hatte.

Ohne den Diktator hätte es diesen Anschlag keinesfalls gegeben.

Also wird es auch in London keine hübschen Bilder für den und von dem Diktator geben. Wenn er je geglaubt hatte, der Glanz seines Besuchs würde den Blutgeruch übertünchen, den er hinter sich herzieht, dann wird sich seine Hoffnung auch jetzt nicht erfüllen – denn die Toten von Sharm-el-Sheikh sind samt und sonders seine Toten.

Die Quadratur des Kreises konnte ihm nicht gelingen und möglicherweise hat er den Zenit seiner Macht bereits überschritten und steuert langfristig auf eine noch sehr viel blutigere Revolution zu, die ihn diesemal selbst zum Ziel hat. Er hat versucht, für seinen Machtausbau Bedürfnislagen der Welt für sich ausnzunutzen. Man will den Terror bekämpfen? Also zündet er sein eigenes Haus an, verkleidet sich flugs als Feuerwehrmann und grinst in die Kameras. Obschon er die ungeheuren Milliardensummen, die die USA allein (!) mit 1,5 Milliarden US-Dollar direkt in die Hände des ägyptischen Militärs und vorbei an jeder parlamentarischen oder sonstigen, politischen Kontrolle Ägyptens pumpt, die reichhaltigen Waffenlieferungen und die internationale Bestätigung gut brauchen kann, versinkt er zunehmend in genau der Gefahr, die er selbst angezettelt hat.

Der selbsterklärte Feuerwehrmann verbrennt im eigenen Haus.

Möglicherweise, je nachdem, wie lange und wieviel Unterstützung, Geld und Waffen er aus Europa noch erhält, kann er seinen Stuhl noch einige Jahre zum Preis von weiteren, tausenden von Toten im eigenen Land verteidigen. Er ist ein Hampelmann, der seine Strippen bereitwillig jedem hinhält, der daran ziehen will und dabei seine Hand aufhält. Und damit wir als „befreundete“ Staaten Israels keine großen Sorgen wegen der tödlichen Raserei eines Netanyahus zu haben brauchen, legen wir mit unserem Geld neben die vielen toten Palästinenser noch ein paar tausend tote Ägypter.

Was tun wir nicht alles für hübsche Bilder.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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