Israel – es gibt natürlich auch das gute Israel!

Vielleicht ist es ja nur ein feines und leises Stimmchen, aber immerhin ist es sehr erwähnenswert und ein gutes Zeichen:

Eine Gruppe israelischer Rabbis bildet die Organisation „Rabbis for human rights“ (RHR) und seit zehn Jahren hilft sie palästinensischen Bauern bei der alljährlichen Olivenernte. Die Baumfrucht ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor für Palästina und weil dem so ist, bemühen sich extremistische, israelische Siedler auch alljährlich darum, die Ernte zu stören, zu vernichten oder zu stehlen. Jedes Jahr zünden sie Olivenbäume an und brennen die Ernte nieder, bevor sie eingebracht werden kann. Jedes Jahr aufs neue haben die Olivenbauern große Probleme mit der Ernte und müssen sich beeilen, bevor ihre Früchte gestohlen oder vernichtet werden – denn die Siedler lassen nichts unversucht, palästinensische Bauern von ihrem Land zu vertreiben.

Es ist wieder soweit – die Ernte und der Kampf der Bauern um die eigene Frucht beginnen wieder.

Viele der verbohrten, extremistischen Nationalisten bezeichnen das palästinensische Westjordanland und den Gaza-Streifen tatsächlich noch mit Namen, die seit Jahrhunderten im Orkus der Geschichte verschwunden und daher ohne jeden Wert sind: „Judäa“ und „Samaria“. Das verhält sich, als würde ein Deutscher in Rom heute auf das Recht auf Herrschaft pochen – bloß weil ein deutsches Königshaus vor Jahrhunderten Italien beherrschte. Was für ein Unsinn!

Sie sind nicht viele Rabbis, die sich an das freundliche in ihrem Glaubens (noch) erinnern. Aber sie sind mutig. Ab und zu werden sie von Siedlern zusammengeschlagen, provoziert und als „Verräter!“ beleidigt – nur weil sie den kranken und vernagelten Nationalismus anderer Israelis nicht teilen. Es gibt für sie einen ganzen Katalog abgestufter Verhaltensrichtlinien für den Fall, dass sich randalierende und gewaltandrohende Siedler nähern. Das Beispiel macht Schule und produziert tatsächlich ein wenig Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einen Weg für ein friedliches und fröhliches Zusammenleben geben könnte.

Rabbi Arik Ascherman ist einer der Rabbis vom RHR und seit Beginn dabei. Er bezeichnet die Chance in seinem Tun als „Dialog der Olivenhaine“ und weiß um die Signalwirkung.

Es ist ja auch eine verrückte Situation: während Palästinenser und Israelis einander mit Messern, Steinen, Gewehren und Tränengas bekämpfen, viel Blut fließt, viele Gräber gefüllt werden, sitzen da überzeugte und gläubige Juden mit überzeugten und gläubigen Muslimen zusammen und arbeiten miteinander. Das muss geradezu unwirklich erscheinen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der überwältigende Teil aller Israelis nach nur kurzem Hinschauen feststellen würde, dass dies ein tauglicher, hoffnungsträchtiger und wirkungsvoller Weg zu nachhaltigem Frieden ist. Darin liegt ein Wind aus der Geschichte von al-Andalus, von Istanbul, von Marokko … und mir persönlich ist es dabei vollkommen gleichgültig, dass es diesmal Juden sind, die ihrerseits Muslime beschützen und ihnen helfen. Juden und Muslime gehören zusammen und waren in ihrer Geschichte immer eine Einheit – und nun finden sie in Olivenhainen wieder zueinander und tun nichts, was sie nicht seit Jahrhunderten schon getan haben.

Es ist völlig egal, wer das bisschen Land beherrscht, welches heute als „Israel“ und „Palästina“ hin- und hergerissen und in Blut ersäuft wird. Solange diese Herrschaft allen Frieden, Respekt und Gemeinsamkeit bringt, sobald die Menschen (wieder) miteinander lachen, singen, feiern und arbeiten und miteinander gegen gemeinsame Feinde kämpfen, wird aus dem Land für alle wieder „von Gott geschenktes Land“.

Kein Heiligtum wird dadurch geschändet, dass es auch für jemand anderes ein Heiligtum ist und wo stünde geschrieben, dass ein Land, welches gleichberechtigt von Muslimen bewohnt wird, kein „heiliges, jüdisches Land“ sein könne und wer könnte behaupten, dass das Land beschmutzt sei, wenn es „heiliges, muslimisches Land“ zugleich ist?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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