Ägypten – Nofretete, das Tal und das Loch

Verständlicherweise erschließt sich nicht unbedingt jedem jede Faszination, die von dem nahezu magischen Namen Nofretete ausgeht. Um alle Facetten genügend beleuchten zu wollen, müsste man ganze Bücher dazu schreiben.

Sie war ganz zweifellos eine grandiose Erscheinung. Heute gibt es etwa den Verdacht der Historiker zu Kleopatra, dass sie womöglich alles andere als schön gewesen und die Geschichte darum nichts als bewußt durchgeführte Manipulation zeitgenössischer Historiker gewesen sein könnte. Nofretete ist diesem Verdacht enthoben – und dafür gibt es Beweise. Sie war zumindest in ihren jungen Jahren eine grazile und fragil wirkende Frau, die allerdings von breitem und tiefem Wissen, einer hervorragenden Bildung und eines alle Zeit sehr gehobenen Lebensstils beseelt war. Somit wusste sie auch auf dem Parkett der Diplomatie zu punkten und war garantiert zu jeder Zeit ihres Lebens eine auch politisch sehr wichtige Erscheinung, auf die das Königshaus zählen konnte.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie auch einen starken Willen gehabt haben. Hierzu muss man wissen, dass das antike Ägypten Frauen generell eine sehr hohe, beinah vollständig emanzipierte Position in der Gesellschaft zugemessen hatten. Frauen aller Stände besaßen grundsätzlich immer persönliches Eigentum, eigene Ländereien (soweit möglich), Immobilien und bewirtschafteten, betrieben all diese Dinge auch als verheiratete Frauen weiter. Ihre Unterschriften unter Verträgen galten gleich viel als die von Männern. Ein Mann verklagte damals seine Ehefrau wegen Ehebruchs vor Gericht; nach Würdigung aller Zeugenaussagen entschied das Gericht, dass der Ehemann allerdings zu verurteilen sei, da er offensichtlich außerstande gewesen war, seine Ehefrau angemessen zu befriedigen und sie dadurch dazu zwang, sich eben außerhalb der Ehe anderweitig schadlos zu halten. Der Mann wurde zwangsweise geschieden, die Hälfte seines Eigentums ging wegen schuldhafter Scheidung ins Eigentum seiner nunmehr geschiedenen Frau über.

Nofretete entstammte, auch wenn es über ihre Herkunft durchaus verschiedene Meinungen gibt, fraglos einer Familie der obersten Schicht. Diese umgab sich nicht nur mit Luxus, sondern betrachtete eine solide Bildung als höchst erstrebenswert. Gemeinhin wird auf jeden Fall die Auffassung vertreten, dass sie keinesfalls einem mittleren, geschweige denn niederen Stand entstammt haben könnte.

Ich persönlich halte es für mehr als nur wahrscheinlich, dass sie ihrem Schwiegervater, Amenophis III., an der Seite seines Sohnes eine machtvolle Stütze auf ihrem schwierigen Weg gewesen ist. Sie hat sich ganz offen, überaus präsent zu beiden Pharaonen bekannt, es gibt dazu eine wahre Fülle an Inschriften und Stelen.

Nach dem blutigen Umsturz, den der als nun „Ketzerkönig“ geschmähten Ankh-Aton wohl nicht überlebt hatte, verschwand sie gewissermaßen ins Nichts. Meines Wissens nach verliert sich ihre Spur nach dem letzten Lebenszeichen, dass sie offenbar irgendwo im Exil lebe.

Und dann taucht ein geheimnisvoller Pharao auf, für dessen Leben, Herkunft und Amtszeit so gut wie gar nichts bekannt ist – aber auf einmal ist er da: Semenchkare.

Und so mysteriös, wie er kam, so verschwand er auch wieder. Im Grunde hinterließ er keine Spur. Ich persönlich teile die Ansicht vieler Ägyptologen, dass Nofretete den Thron mit ihrem offiziellen Amtsnamen Semenchkare übernommen und vorübergehend die Amtsgeschäfte des Königs weiterbetrieben hatte. Das ist jedoch letztlich nur eine Vermutung, meines Wissens nach existieren hierfür (noch) keine Belege.

Und nun haben wir in der Nordkammer des Tut-Ankh-Amun-Grabes plötzlich ein Loch hinter der Mauer. Es ist durchaus verlockend, das Puzzleteilchen „Nofretete“ an diese Stelle des Bildes zu legen. Aber völlig zu recht wird den derzeitigen Untersuchungen im Grab keine allzu große Bedeutung zugemessen: im Moment reden wir tatsächlich über nicht viel mehr als den Verdacht, dass es hinter der Wand möglicherweise ein Hohlraum befinden könnte. Das uns bekannte Grab ist baulich vergleichsweise klein. Ich war damals erstaunt, als ich es betreten habe. Das Verstauen all seiner Grabschätze in diesen Felsenkammern war allein schon ein Kunststück.

Ich glaube eher, dass man jenseits der Mauer entweder tatsächlich nichts weiter als ein grundwasserausgespültes Loch, oder aber eben ein weitaus größeres Grab finden wird. Lediglich ein oder zwei zusätzliche Räume halte ich für eher unwahrscheinlich.

Und da wir uns im Tal der Könige befinden, wird sich darin nicht Nofretete – aber vermutlich der Pharao Semenchkare befinden. Es wirkt auf mich seltsam passend, logisch und beinah zwingend, dass sich die Königin Nofretete in den Pharao verwandelte. Sie konnte nicht nur auf ihre Schönheit, sondern gerade auch auf ihren Geist, ihre Intelligenz und auf ihren Willen bauen. Es hätte tatsächlich in ihren Händen liegen können, das Reich nach dem Umsturz vor dem Untergang retten zu können.

Mit der Pharaonin Hatschepsut hätte es ein weiteres Beispiel dafür gegeben, dass solche Vorkommnisse im antiken Ägypten eben durchaus möglich waren – und auch für diese Königin gilt im Grunde das gleiche wie für Nofretete, auch Hatschepsut war eine starke Persönlichkeit von dominierender, unermüdlicher Präsenz,

Faszinierend an der Idee, ein bisher unbekanntes Grab gefunden zu haben, ist natürlich neben dem Glanz des Goldes vor allem auch der Einblick in eine vielleicht ungestört gebliebene Zeitkapsel, die uns Unmengen von der Zeit der Pharaonen erzählen kann. Durch Jahrtausende hindurch zu blicken, wenn man auf den Fußabdruck im Boden schaut, den der letzte Arbeiter noch hinterlassen hatte, bevor das Grab für immer verschlossen wurde. Ein anrührender Anblick, ein tief erlebter Moment…..

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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