Frankreich – Paris? Ändert gar nichts.

Selbstverständlich gilt den Opfern und ihren Angehörigen des Terroranschlags auch mein unbegrenztes Mitgefühl, meine Trauer, mein Entsetzen. Sie sind den gleichen unsinnigen Tod gestorben wie tausende vor ihnen in der Region, aus der der Terror zu uns getragen wurde.

Und viel mehr noch: Der Umstand, dass ihr Tod vergebens war, dass sie buchstäblich für nichts gestorben sind und nur den Weg frei machen für noch sehr viel mehr Mord und Totschlag, schnürt mir den Hals noch einmal fester zu.

Denn soviel steht fest: Weder Frankreich noch irgendjemand in Europa hält nun inne und beginnt zu verstehen, wohin der Weg noch führen wird, wenn man ihn nicht verlässt. Europa kennt nur die gleiche Antwort, die es schon immer gefunden hatte und die nie zum Ziel führt – weil sie nicht dorthin führen kann.

Seit ich-weiß-nicht-wievielen Jahren warne ich:

Wir haben nie gelernt hinzuschauen, was all die Drohnen und Raketen wirklich dort anrichten, wo wir sie anwenden. Wir winken müde ab, wenn Hochzeitsgesellschaften und ganze Dörfer von uns „versehentlich“ vernichtet wurden und haben nie wissen wollen, was die Angehörigen dieser Opfer nun denken, fühlen oder tun sollen. Kein einziges Mal. Es hat uns nie gejuckt. Wir haben viel lieber unsere Geringschätzung gegen die Unterprivilegierten gelebt, die unserer Sucht nach Macht und Wohlstand nicht entkommen konnten und viel lieber all die Lügen, Behauptungen und Gerüchte geglaubt, die unsere Regierungen über uns gegossen haben.

Zehntausende von Unschuldigen haben wir umgebracht. Und nun erheben sie sich aus ihren Gräbern und kommen zu uns. Sie klagen uns an und ziehen uns zur Rechenschaft. Sie verabreichen uns unsere eigene Medizin: den plötzlichen, unangekündigten und grauenvollen Tod. Wie unangenehm. Wir regeln das nach unserem Stil; weil wir immer den neuesten Turnschuh, das stärkste Auto und die klügste Mikroweille haben und wollen, töten wir auch top-modern mit ferngelenkten Waffen aus der Luft. Unsere Opfer „arbeiten“ handfester: sie erschießen uns. Einfach so.

Und weil wir nicht begreifen wollen, fühlt sich Frankreich im Krieg und reagiert sofort: 20 Bomben warf es auf Raqqah. 20 Bomben, die natürlich nur Schuldige, Terroristen getroffen und getötet haben. Da gab es selbstverständlich keine „Kollateralschäden“. Weil sie unappetitlich wären, erwähnt sie vorsichtshalber auch erst niemand. Man habe ein Hauptquartier und ein Waffenlager getroffen, sagt man.

Aber eines, das sagt man nicht: Wie ist es möglich, dass der Westen um dieses Hauptquartier und dieses Waffenlager wusste und es bisher für nicht notwendig hielt, beide zu zerstören? Da die europäische Bevölkerung im Schnitt viel zu blöde ist, wird ihr diese Petitesse nicht bewusst werden – und wo doch, finden sich ganz bestimmt wohlfeile Gründe dafür. Natürlich. So ist es ja immer.

Keine dieser Bomben hat Unschuldige getroffen. Wie üblich. Unsere Waffensysteme sind derart perfekt, dass man einem Terroristen aus dem All eine Pistole aus der Hand schießen könnte. Selbstverständlich. All die zerstörten Dörfer, friedlichen Gesellschaften, Familien, die von uns aus der Luft zerrissen worden waren, die hat es alle nicht gegeben. Nie kam ein Vater vom Feld und fand nur noch rauchende Trümmer vor, die seine ganze Familie begraben haben …… „Uuups! Da ist uns wohl was danebengegangen.“

Nein – wir tragen keine Schuld an nichts. Wir sind die Opfer. Das haben wir so beschlossen. Also werden und müssen wir weiterschießen. Immer weiter, weiter, weiter ….. solange, bis niemand mehr da ist, der in seiner Verzweiflung auf ein Gewehr schaut und entweder sich selbst oder jemanden anderes damit umbringt.

Wir haben beschlossen, dass der Irak-Krieg der USA nie existiert hat.

Deshalb gibt es sie auch gar nicht, all die tausenden irakischer Mütter, die wegen der Verseuchung ihres Landes mit US-Uranmunition auch in den nächsten zwanzig Jahren (!) vermehrt furchtbar missgebildete oder tote Kinder zur Welt bringen. Alles gar nicht wahr. Also gibt es auch nicht den Vater, dem niemand hilft, den niemand kennt, von dem niemand hören will und dessen Tränen der Wut und Verzweiflung niemand trocknet. Weil wir wollen und beschlossen haben, dass das alles nicht existiert.

Wir setzen uns wie Kinder auf die Autobahn und schlagen die Hände vor das Gesicht. Weil wir keine Autos sehen, gibt es natürlich auch keine.

Deshalb beschießen wir aus „Rache“ ein Ziel von militärischer Bedeutung, von dessen Existenz wir schon lange wissen und das schon längst hätte ausgeschaltet werden können – und dabei tun wir etwas, was wir gar nicht tun: wir treffen Unschuldige.

So ganz nebenbei geschieht dabei etwas, was die weitaus meisten der Verblödeten da draußen natürlich auch nicht verstehen (und sie würden dagegenblöken, wenn man es ihnen sagte!): damit, dass Hollande von „Krieg“ spricht, erkennt er den „Islamischen Staat“ als Staatswesen an. Das hat Frankreich genauso wie alle anderen, europäischen Staaten wirtschaftlich schon seit Jahren getan, denn es kauft dessen Öl genauso gern, als wenn es aus anderen Quellen stammte und auch Frankreich bahnt und ebnet dem begehrten Rohstoff aus den Händen des „IS“ genauso aufmerksam und liebedienerisch wie alle anderen auch.

Wir haben nur noch zwei Chancen – und keine von ihnen wird vom Westen ergriffen werden:

  1. Wir erkennen den „Islamischen Staat“ an und verhandeln

Das wäre eine schmerzhafte Bankrotterklärung – und ein Verbrechen. Man könnte damit zwar den Handel auf eine für beide Seiten befriedigende Ebene heben und endlich offiziell tun, was man seit Jahren bereits unter der lästigen Notwendigkeit der Verdeckung und Verhüllung sowieso tut. Der Terror würde sehr schnell auf Null zurückgehen. Mit den Menschen, die der „IS“ dann hinrichtet, kann der Westen sehr gut leben. Er akzeptiert ja auch ohne alle Bauchschmerzen die dramatisch angestiegenen Hinrichtungszahlen Saudi-Arabiens und Chinas und betreibt trotz allem beste Geschäfte und nennt sich gegenseitig „Freund“.

2. Wir führen Krieg.

Das ist die blutigste, wenn auch erfolgversprechendste Variante. Unter einem Einsatz von mindestens zwei Millionen Soldaten unter Beteiligung aller benachbarten und assoziierten Kräfte müsste Syrien und der Irak mit einem eisernen Besen Meter für Meter durchgepflügt und gereinigt werden. Hunderttausende von Toten wären zu beklagen – auf der eigenen Seite. Weitere hunderttausende von Opfern wären auf Seiten der Gegner und der Zivilbevölkerung zu beklagen. Beschlösse nun die NATO den „Bündnisfall“, was Hollandes Kategorisierung des Anschlags als „Kriegserklärung“ entspräche, dann stünde dem „IS“ nichts anderes als die totale Vernichtung bevor – denn dem Druck von Millionen von Soldaten unter besten Waffen hätte er wahrlich nichts mehr entgegenzusetzen.

Aber das ist uns viel zu unangenehm. Das möchten wir nicht. „No boots on the ground.“ – gähnt Obama und sagt uns, dass ihm die paar ineffizienten Luftschläglein völlig ausreichen.

Nein – viel bequemer ist es da schon, sich all die vielen unschuldigen Opfer unserer Waffenspielchen fortzudenken. Es gibt sie einfach alle gar nicht. Wenn diese Toten alle fort sind, nichts als Lüge, nur ein böser Traum, dann rutschen wir noch viel tiefer in die angenehme Höhle des Opferdaseins. Es leidet sich dann einfach leichter.

Wenn uns Bomben unsere Kinder töten, dann ist selbstverständlich Rache angebracht und muss verübt werden. Wenn unsere Bomben die Kinder anderer töten, dann ist das entweder gar nicht wahr, nichts als Lüge oder eben ein verzeihlicher Unfall. Siehe Kunduz. Innerhalb weniger Sekunden tötete Deutschland ebensoviel Menschen wie jetzt Terroristen in Paris.

Für die Toten von Kunduz färbte niemand sein Facebook-Profil ein.

Für die Toten von Kunduz hat niemand große Haufen Blumen niedergelegt.

Aber die Toten von Kunduz, Familienväter, Kinder, Mädchen, alte Männer, das waren alles nur abgefeimte Terroristen, nicht wahr? Oder hat es sie überhaupt gegeben? War da was?

Unsere Rache ist heilig. Die Rache der anderen ist Terror.

Das Sterben und Bomben wird weitergehen – und ich weiß nicht mehr, wann meine Augen trocken werden sollen. Ich stolpere gedanklich nicht nur in Paris von einem Toten zum anderen und werde der Verzweiflung kaum noch Herr – ich laufe auch durch Kunduz und sehe die Toten, die gar nicht (mehr) wahr sind.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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