Raqqah: der Motor des Terrors

Die grundsätzliche Lage der Menschen in Raqqah ist entsetzlich tragisch. Tausende Menschen samt ihrer Familien werden vom „IS“ als Geisel ihres „Staates“ genommen; ein Fortgehen aus Raqqah würde als Verrat betrachtet und üblicherweise mit Kreuzigung, Auspeitschung oder Enthauptung geahndet. Jeden Tag spielen sich im vom „IS“ gepeinigten Gebiet erschütternde Szenen ab, der extremistische Mob steigert seine Raserei in immer neue Höhen.

Man schätzt die Kampfstärke des „IS“ wohl offiziell auf etwa 30.000 Kämpfer, die aktiv unter Waffen stehen und die vielen Bilder abgeben, die uns irgendwie eine erheblich größere Streitmacht suggerieren.

Die Zähler waren vor Paris auf „Null“ gestellt – den 129 Toten Frankreichs stellt man nach den Luftangriffen auf Raqqah nun zunächst (!) sechs tote Zivilisten und Unschuldige entgegen. Es werden mehr werden. Wahrscheinlich sehr viel mehr.

Ich registriere zu diesen Gedanken ein immer häufiger und immer aggressiveres: „Ja und? Sollen sie doch aufhören, uns anzugreifen!“ – und dann fürchte ich mich wieder vor der Dummheit der Menschen. Ihre Selbstgefälligkeit, ihre Arroganz lassen sie Realitäten ausblenden. Seit vielen Jahren schon will die europäische Gesellschaft ganz bewusst, zielgerichtet und absichtsvoll nichts wahrnehmen, geschweige denn verstehen, was in ihrem Namen angerichtet wird – und das ist das Problem.

(Zitat: SPIEGEL-Online)

Der Brief ist an US-Präsident Barack Obama adressiert, an US-Verteidigungsminister Ashton B. Carter und an CIA-Chef John O. Brennan. Geschrieben haben ihn vier ehemalige Drohnenpiloten der US-Luftwaffe. Sie üben darin heftige Kritik am Drohnenkrieg ihrer Regierung in Afghanistan, dem Irak und anderen Krisenregionen. Das berichten der britische „Guardian“ und „Zeit Online“.

Das Töten unschuldiger Zivilisten befeuere Hassgefühle, die den Terrorismus und Gruppen wie den „Islamischen Staat“ (IS) antreiben, heißt es in dem Schreiben. Der Drohnenkrieg wirke wie ein „Rekrutierungsprogramm für Terroristen“. Er sei „eine der verheerendsten Triebfedern des Terrorismus und der Destabilisierung weltweit“.

Niemand hier in Europa hat ein Interesse daran, sich die Folgen eines missglückten bzw. fehlgegangenen Drohnenangriffs vorzustellen und keiner will Bilder davon sehen. Schon vor Jahren wurde die Zahl der Drohnenattacken, die nichts als „Kollateralschäden“ produzieren, Hochzeitsgesellschaften, Kinderfeste und halbe Dörfer ausradiert haben, auf mindestens 20 Prozent geschätzt.

Aber so wie man innerhalb weniger Tage damals sehr, auffällig sehr schnell über die Toten von Kunduz zur Tagesordnung übergegangen war und niemand eine aufrichtige, ernsthafte oder fühlbare Entschuldigung an die zurückbleibenden Angehörigen einforderte, so intensiv hat man den ganzen Vorfall, der annähernd soviel Tote zur Folge hatte wie nun die Attacke von Paris, „vergessen“. Vergessen wollen.

Würde man nun vollständig zynisch darauf reagieren müsste man feststellen, dass die europäische Bevölkerung eine irrationale Sucht nach der eigenen „Entschuldung“ und ein mindestens ebenso gestörtes Bedürfnis danach hat, sich selbst zum Opfer zu stilisieren.

Kunduz, Irak, Palästina ….. das seit nun Jahrzehnten hemmungslos anhaltende Schießen, Bomben, Zerstören und Töten findet immer wohlfeile Argumente, gute Gründe – und vor allem die innere Haltung Europas, sich mit seinen unausgesetzten Angriffen eigentlich nur zu verteidigen.

Da nimmt Goliath den David beim Hals und zerschmettert ihm mit wuchtigen Schlägen das Gesicht – während er brüllt: „Du darfst dich nicht gegen mich wenden. Ich muss mich gegen dich verteidigen.“

Verrücktigkeiten können nur Verrücktigkeiten und Verrückte produzieren. Nun, da nach soviel Jahren und tausenden von Toten im Irak ein jetzt weißhaariger Tony Blair vor die Kameras der Welt tritt, sanft lächelt, eine magere „Entschuldigung“ für sein Verbrechen im Irak in die Mikrophone flüstert, nun wird die Spirale von Hass, Tod und Zerstörung kaum noch jemand aufhalten. Blair ist wie Bush ein furchtbarer Kriegsverbrecher, die zu allem Überfluss auch noch ungeschoren davonkommen.

Ihr Versagen, ihr Verbrechen, ihre Lügen sind geringer als die des „Kalifen“ – aber nicht hinsichtlich ihrer Folgen. Zwischenzeitlich wird der unmittelbare und mittelbare Verlust an Menschenleben durch den Krieg gegen den Irak auf eine Million geschätzt – und die Menschen sterben durch den dadurch entstandenen Terror und die giftige Uranmunition der USA im Irak bis heute weiter.

Ich kann keinem Franzosen, der bei dem Angriff in Paris einen Angehörigen oder seine Gesundheit verloren hat, Gründe benennen, Tränen trocknen oder eine Entschuldigung sagen. Ich kann keinem Iraker, der wegen der Kriegsverbrecher Blair und Bush einen Angehörigen oder seine Gesundheit verloren hat, Gründe benennen, Tränen trocknen oder eine Entschuldigung sagen. Weder für den Pariser noch für den Iraker gibt es Hoffnung. Ihr Leid ist völlig umsonst, ihr Verlust für alle völlig egal und uninteressant. Ihr Schmerz wird vergewaltigt, benutzt, entwertet und verkommt zur bl0ßen, widerwärtigen Werbung für die jeweils kranken, bizarren und verwerflichen Ziele.

Und das ist die vollendete Zynik, das ist das wahrhaft Widerwärtige, Entsetzliche, was unbegreifbar bleiben wird: wir terrorisieren und fürchten uns vor dem Terror, weil sich die Terroristen vor unserem Terror fürchten.

Wir sind alle verrückt.

 

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Frankreich, Frieden, Gesellschaft, IS, Islam, Leben, Politik, Religion abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.